Sadiye Ay absolviert eine Teilzeitausbildung zur Industriekauffrau bei Niku in Nienburg. Foto: Jobcenter

Sadiye Ay absolviert eine Teilzeitausbildung zur Industriekauffrau bei Niku in Nienburg. Foto: Jobcenter

Nienburg 16.10.2020 Von Die Harke

Dreifache Mutter als Teilzeit-Auszubildende

Nienburgerin Sadiye Ay nutzt Angebot des Jobcenters, um Familie und Berufsausbildung zu vereinbaren

Drei Kinder, ein Haushalt und immer spät ins Bett: Die junge Nienburgerin Sadiye Ay hat nach Mitteilung des Nienburger Jobcenters gerade ihre Ausbildung zur Industrie-Kauffrau begonnen. In Teilzeit.

Damit niemand in der Familie zu kurz kommt. Seit Anfang des Jahres ermöglicht eine Gesetzesnovelle mehr Menschen den Start in den Beruf, ohne die Familie zu vernachlässigen.

Wenn die Schreibtischlampe aufflammt, sind die Kinderzimmer dunkel. Ihre Bücher schlägt Sadiye Ay abends auf, wenn die Kinder im Bett liegen. Das nimmt sie in Kauf, denn dafür kann sie sich nachmittags ihrer Familie widmen. Die 32-Jährige ist seit einigen Wochen in der Lehre und arbeitet auf einen Abschluss als Industriekauffrau hin – in Teilzeit. Die betriebliche Ausbildungszeit zu verkürzen, soll gerade jungen Müttern in den Job helfen.

Sadiye Ay absolviert ihre Ausbildung mit weniger Wochenstunden im Betrieb als ein Vollzeit-Azubi. Die Ausbildungsdauer von drei Jahren will sie aber beibehalten, das bedeutet: Sie muss den gleichen Stoff in weniger Zeit beherrschen lernen. „Ich wollte Mutter sein und trotzdem meinen Traumberuf verfolgen“, sagt sie.

Seit 2005 haben Menschen wie Sadiye Ay die Chance, Familie und duale Berufsausbildung gleichermaßen zu schultern: Indem sie ihre Ausbildungszeit im Betrieb bis auf die Hälfte reduzieren und dafür eventuell die gesamte Ausbildungsdauer moderat strecken, sollen Menschen mit Familienverantwortung leichter in den Arbeitsmarkt finden. „Die Teilzeitausbildung ist ein elementares Thema unserer Beratungsleistung“, sagt Frank Köhring, der Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Nienburg.

Er ist sicher: „Teilzeitausbildung verhindert, dass vor allem junge Frauen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden und schon früh der Gefahr von Altersarmut entgegenlaufen.“ Anfang dieses Jahres wurde die Ausbildung in Teilzeit noch attraktiver: Grundsätzlich hat jetzt jeder ausbildungswillige Mensch das Recht, seine duale Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren, ohne dass dies mit konkreten familiären Belastungen zu begründen wäre.

Sadiye Ay hat allerdings wenig Entgegenkommen auf Seiten der Arbeitgeber erlebt: „Mein erstes Kind hatte ich schon, bevor ich eine Ausbildungsstelle gesucht habe. Dass ich Mutter bin, habe ich in allen Bewerbungen angegeben und immer nur Absagen bekommen. In einer Bewerbung habe ich das dann verheimlicht und wurde prompt zum Vorstellungsgespräch eingeladen.“

Die Nienburgerin hat dann den Umweg über eine schulische Ausbildung zur Sozialassistentin genommen, ist aber ihrem Traum treu geblieben und lernt inzwischen bei der Nienburger Firma Niku das Geschäftsleben von der Pike auf. Trotz dreier Kinder. Nein, richtiger ist: gerade deswegen.

„Wir haben mit Interessenten für eine Teilzeitausbildung hervorragende Erfahrungen gemacht“, sagt Niku-Geschäftsführerin Johanna Beckurts-Othmer. „Gerade Frauen mit einem solchen Vorhaben beweisen Zielstrebigkeit, Leidenschaft und Biss. Die wissen, was sie wollen. Mehr kann sich ein Arbeitgeber von einem Bewerber kaum wünschen“, sagt sie.

Ähnlich sieht das Jobcenter-Geschäftsführer Frank Köhring: „Wir beraten immer dahingehend, dass Menschen die schlummernden Ressourcen in ihrem persönlichen Umfeld erkennen und für sich nutzen, also ihre eigenen Stärken stärken.“

Das lohne sich – aktuelle Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung belegten für Teilzeit-Azubis trotz ihrer höheren Belastungen genau so gute Ergebnisse wie von regulären Auszubildenden. Für Unternehmerin Beckurts-Othmer ein klares Argument für Ausbildungswillige mit zeitlichen Einschränkungen: „Für uns ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mehr als ein Werbe-Slogan. Wir haben die zeitlichen Möglichkeiten von Frau Ay mit allen Beteiligten im Betrieb abgesprochen. Das läuft alles reibungslos.“

Jobcenter-Geschäftsführer Frank Köhring appelliert denn auch an den Mut von Menschen in der beruflichen Findungsphase: „Das Recht auf Teilzeit-Ausbildung erweitert den Handlungsspielraum von alleinerziehenden, pflegenden und geflüchteten Menschen – oft treffen solche Attribute ja vor allem auf Frauen zu.“

Attraktiv ist der Einstieg in so eine Ausbildung auf jeden Fall für Erziehende, deren Kinder aus dem Gröbsten heraus sind. Nach den Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung starten viele Teilzeit-Azubis erst rund sechs Jahre nach regulären Auszubildenden, also Mitte zwanzig.

Sadiye Ay sieht sich als erneute Berufsanfängerin mit 32 Jahren selbstverständlich in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen und ihr eigenes Leben nach ihren eigenen Wünschen zu gestalten. „Genau das ist der Sinn der Teilzeit-Ausbildung: Familienleben und berufliche Perspektive als miteinander vereinbar zu sehen“, sagt Frank Köhring, der wiederum auch die Arbeitgeber motiviert, sich verstärkt auf diesem Weg die Fachkräfte von morgen heranzuziehen.

Köhring: „Unser Arbeitgeberservice genauso wie unsere Integrationsfachkräfte unterstützen Arbeitgeber darin, Teilzeit-Azubis ins Unternehmen zu integrieren.“

Sadiye Ay findet, dass beide Seiten auch einfacher zueinander kommen könnten und erzählt, sie habe vor ihren Bewerbungen immer angerufen, und gefragt, ob sie eine Teilzeit-Ausbildung beginnen könne. „Aber ich fürchte, die haben mich in meinem Bemühen, als Mutter einen Beruf zu lernen, gar nicht so richtig ernstgenommen. Da macht aber nichts, ich wollte mein Ziel erreichen, auch wenn mich das viel Kraft kostet.“

Mit dem Angebot der Berufsausbildung in Teilzeit sollen nach Mitteilung des Nienburger Jobcenters vorrangig Ausbildungslosigkeit vermieden und der Bedarf an Fachkräften gesichert werden.

Zielgruppen seien insbesondere (junge) Mütter beziehungsweise pflegende und erziehende Personen. Duale Ausbildung in Teilzeit bedeute, dass Azubis ihre Stunden in der Berufsschule in vollem Umfang wahrnehmen, dafür aber weniger Stunden im Betrieb arbeiten.

Diese Reduktion könne durch eine Verlängerung der Ausbildungsdauer kompensiert werden, also beispielsweise von drei auf bis zu viereinhalb Jahre. Eine Verkürzung sei aber trotz Teilzeit ebenfalls möglich. Die Ausbildungsinhalte blieben jeweils gleich, der Abschluss sei gleichwertig zu dem nach einer Vollzeit-Ausbildung.

Mit der Neuregelung des Berufsbildungsgesetzes mit Gültigkeit vom 1. Januar an sei der Adressatenkreis der Teilzeitberufsausbildung erweitert worden: Neben Alleinerziehenden oder Personen, die Angehörige pflegen, könnten nun auch beispielsweise Menschen mit Behinderung oder lernbeeinträchtigte Personen die Teilzeitberufsausbildung nutzen.

Schließlich könne auch dem Bedürfnis von Geflüchteten Rechnung getragen werden, neben einer Ausbildung erwerbstätig zu sein und die Familie finanziell zu unterstützen.
Ansprechpartnerin für die Teilzeit-Ausbildung im Jobcenter im Landkreis Nienburg ist Mirja Kleuker unter Telefon (05021) 9071225.

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Erstellt:
16. Oktober 2020, 21:08 Uhr
Lesedauer:
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