Der Dorfladen hat sich zu einem wertvollen Treffpunkt in Linsburg entwickelt. Fotos: Heckmann

Der Dorfladen hat sich zu einem wertvollen Treffpunkt in Linsburg entwickelt. Fotos: Heckmann

Linsburg 30.05.2020 Von Die Harke

Ein Dorf erfindet sich neu

Strukturwandel, Verödung: Linsburgs Situation war nicht sonderlich gut, doch der Ort hat sich gewehrt

So unterschiedlich die Geschichte der Dörfer über die Jahrhunderte verlaufen sein mag, in den vergangenen 25 Jahren gab es frappierende Ähnlichkeiten: Zuerst schloss der Einzelhändler.

Dann der Fleischer und die Post. Die Bank machte dicht, das Gasthaus, zuletzt der Bäcker. Handwerksbetriebe schlossen oder wanderten ab. Die Wirtschaft in den Dörfern starb, das soziale Leben verödete. Viele Dörfer versuchen, das Ruder herumzureißen. In Linsburg ist das gelungen.

Das Corona-Virus war schon in Deutschland angekommen. Doch bis zur Schließung von Cafés und Restaurants sollte es noch gut 14 Tage dauern. Jürgen Leseberg, Linsburgs ehrenamtlicher Bürgermeister, saß im Café des Dorfladens und erzählte von der schweren Krise „seines“ Dorfes. „Angefangen hat das Ganze ja mal mit dem Untergang.“

Der Satz, mit dem er in das Gespräch einstieg, schien so gar nicht zu passen: Hinter ihm und seinem Ratskollegen Florian Wegener herrschte buntes Leben. Ständig läutete die Türglocke des Dorfladens. Es wurde eingekauft, Kunden und Personal unterhielten sich auf Hochdeutsch und Platt oder einer Mischung aus beidem.

Florian Wegener

Florian Wegener

Jürgen Leseberg

Jürgen Leseberg

Am Nachbartisch des angegliederten Cafés – möbliert mit der überarbeiteten Einrichtung des einst hier ansässigen Gasthauses – saß eine fröhliche Gruppe Omis und genießt Kaffee und Kuchen. Nach „Untergang“ sah es nicht aus und es hörte sich auch nicht so an.

Aber Jürgen Leseberg hat völlig Recht. Als der „Untergang“ begann, „war das ein schleichender Prozess. Das merkt man erst gar nicht, weil sich die Optik ja zunächst nicht verändert“, sagt der Bürgermeister. Eine Schließung nach der anderen – „Strukturwandel im ländlichen Raum“. Vor acht Jahren dann reichte es ihm.

„Wir wollten das Dorf aufrütteln. Wir wollten uns wehren!“, erinnert er sich. Immerhin 120 Leute kamen zur Versammlung. Schnell war der Entschluss gefasst: Mittels Dorfladen und angeschlossenem Dorfgemeinschaftshaus wollte Linsburg sich selbst wieder Leben einhauchen. Man gründete einen wirtschaftlichen Verein samt Lenkungsgruppe und etlichen Arbeitsgruppen, die für Finanzen, Planung, Bau, Gestaltung, Marketing, Rechtliches zuständig waren.

Dorfladen und DGH arbeiten kostendeckend

Jetzt, zwei Jahre nach der Eröffnung, arbeiten Dorfladen und DGH kostendeckend (nennenswerte Gewinne darf der Verein auch gar nicht erwirtschaften, um seinen Status nicht zu gefährden). Also alles ganz einfach? Der Dorfladen als „Stein der Weisen“ im Kampf gegen den Strukturwandel?

Nein, stellen Florian Wegner und Jürgen Leseberg klar. Dorfläden sind nichts Neues, und längst nicht überall funktioniert das Konzept. Für Leseberg und Wegener hat der romantisierte Begriff „Dorfladen“ auch nichts damit zu tun, die Uhr zurückdrehen zu wollen. Beim selbstständigen Unternehmer und Betriebswirt Wegener endet die Romantik ohnehin spätestens bei den Zahlen.

Da liegt er mit Jürgen Leseberg auf einer Linie: „Es gab für uns von vorn herein zwei KO-Kriterien“, sagt der Bürgermeister: „Bekommen wir finanzielle Unterstützung? Die Gemeinde wurde ja Eigentümerin der Liegenschaften. Und die Gemeinde war hoch verschuldet. Ohne entsprechende Zuschüsse hatte das Projekt keine Chance.“ Das glückte, die erforderlichen Zuschüssen kamen zusammen.

„Das Dorf, die Bevölkerung, musste mitgehen.“ Jürgen Leseberg über das Erfolgrezept vom Dorfladen.

Zweiter Knackpunkt: „Das Dorf, die Bevölkerung, musste mitgehen.“ In der Satzung des Vereins wurde festgeschrieben, dass für das Stammkapital des Vereins 600 Anteile je 125 Euro ausgegeben werden mussten. Auch das gelang; inzwischen sind sogar mehr als die erforderlichen 600 Anteilsscheine im Umlauf.

Das eigentliche Erfolgsgeheimnis ist aber ein anderes: Es ist Jürgen Leseberg und seinen Mitstreitern gelungen, die Menschen mitzunehmen. Begünstigt wurde das ausgerechnet durch die schwierige Finanzlage, in der die Gemeinde schon geradezu traditionell steckte: „Linsburg war immer das Armenhaus der Samtgemeinde“, erinnert sich der Bürgermeister, der seit vielen Jahren an der Spitze des Rates steht.

Im nächsten Jahr ist für ihn Schluss. „Egal was wir machten – es gab immer ein großes Defizit im Verwaltungshaushalt. Uns fehlte einfach das Gewerbe.“ Das hatte aber den Vorteil, „dass wir hier vieles selbst gemacht haben, gemeinsam. Da wurde nicht erstmal nach dem Bauhof gerufen, sondern wir haben das zunächst selbst versucht.“

Entscheidungen treffen sei wichtig

Das bleib auch so bei der Entwicklung von Dorfladen und DGH: „Wir haben die Leute nicht nur ermutigt, Verantwortung zu übernehmen, sondern auch Entscheidungen zu treffen. Mir ist jemand lieber, der zehn Entscheidungen trifft und dreimal falsch liegt, als jemand, der zehn Entscheidungen verhindert, um nur ja nichts falsch zu machen.“ Durch diese Haltung des Vereins habe man enorme Kompetenzen im Dorf erkannt und genutzt. „Und die Menschen sind mit dem Projekt verbunden.“

Diese Verbundenheit ist nach Einschätzung von Florian Wegener entscheidend für den langfristigen Erfolg des Dorfladens. „Unsere Analysen haben interessante Ergebnisse erbracht“, sagt der Unternehmer. „Wir verzeichnen sehr konstante Umsätze. Und 92 Prozent der Kunden kommen aus Linsburg. Die Bevölkerung will den Laden, nutzt ihn und trägt ihn.“

Preise auf normalem Niveau

Was mancher immer noch nicht glauben mag: Die Preise lägen exakt auf dem Niveau der Nienburger Supermärkte. Aus vielen Gesprächen weiß Jürgen Leseberg: „Jüngere Leute kaufen hier alles ein. Heute sind die Paare ja alle berufstätig. Hier spart man sich die Fahrt nach Nienburg und das Rumstehen an der Kasse. Damit hat man mehr Zeit für die Kinder!“

Privatwirtschaftlich, glaubt Wegener, würde das Modell indes nicht funktionieren. Der Verein beschäftigt drei Vollzeitkräfte, vier Mini-Jobber und zwei ehrenamtliche Mitarbeiter bei einer Bezahlung auf oder über dem Niveau des Mindestlohns. Im Gegensatz zum Verein müsse ein Geschäftsmann Gewinn machen – allein schon, um leben zu können. Außerdem wäre bei einem privaten Unternehmer die Bindung der Bevölkerung zu „ihrem“ Geschäft wohl sicher auch geringer.

Ein Selbstläufer war der Dorfladen allerdings nicht. Vor rund einem Jahr, als schon alles gut zu laufen schien, erlebte der Verein eine böse Überraschung. „Das sah gar nicht gut aus…“, erinnert sich Jürgen Leseberg. Monatelang, beschreibt Florian Wegener die damalige Situation, hätten die Konten schwarze Zahlen ausgewiesen. Was niemand im Blick hatte: Hinter den guten Ergebnissen steckten Sondereffekte und Fehlkalkulationen.

So hatte man den monatlichen Abschlag für Strom auf 120 Euro gesetzt. Die tatsächlichen Kosten waren aber zehn Mal so hoch – allein die Nachzahlung hätte dem wirtschaftlichen Verein leicht das Genick brechen können. „Uns fehlte einfach die Erfahrung“, sagt Jürgen Leseberg. Die rettenden Ideen kamen wiederum von Florian Wegener: Zunächst wurden die Öffnungszeiten ausgedehnt. „Das wirkt paradox, weil ja die Personalkosten steigen“, sagt der Unternehmer.

„Aber der Besuch im Geschäft verteilt sich besser, so dass die Mitarbeiterinnen gezielter eingesetzt werden können. Und weil wir jetzt verlässliche Öffnungszeiten hatten, stieg der Umsatz deutlich – um 30 Prozent!“ Außerdem optimierte der Verein den Wareneinkauf, und zwar sowohl was die Menge, als auch den Zeitpunkt des Einkaufs betrifft. Diese Schritte seien entscheidend gewesen, um das Projekt zu retten.

Viele der einstigen Gegner sind ältere Leute. Die haben ja erlebt, wie alles immer schlechter wurde, ein Geschäft nach dem anderen dicht machte. Da fällt es schwer zu glauben, dass das auch anders laufen kann.“

Inzwischen sei die Akzeptanz weiter gewachsen. „Gut 20 Prozent der Linsburger waren damals strikt gegen den Dorfladen“, erinnert sich Jürgen Leseberg. Er glaubt zu wissen, warum: „Viele der einstigen Gegner sind ältere Leute. Die haben ja erlebt, wie alles immer schlechter wurde, ein Geschäft nach dem anderen dicht machte. Da fällt es schwer zu glauben, dass das auch anders laufen kann.“

Aus Sicht des scheidenden Bürgermeisters sind Dorfladen und DGH nicht der Gipfelpunkt der Linsburger „Wiedererweckung“, sondern Kernstück und Initialzündung. „Die Auswirkungen sind in jeder Hinsicht ausgesprochen positiv“, bilanziert Jürgen Leseberg. „Die Gemeinde ist nach wie vor Eigentümerin der Objekte. Wir haben für die Gemeinde einen Mehrwert von über einer Million Euro geschaffen. Unsere Bauplätze sind alle belegt. Wir haben eine Kita, eine Krippe. Es kommen junge Familien nach Linsburg und die sind ganz begeistert vom Dorfladen und den sozialen Kontakten mitten im Zentrum.“

Stichwort „mitten im Zentrum“: Auf dem Gelände eines über einen Hektar großen ehemaligen Bauernhofs ist neben neuen Einfamilienhäusern auch eine Wohneinrichtung für ältere Menschen entstanden. In zwei „Senioren-WGs“ mit jeweils zwölf Appartements leben Senioren nicht, wie andernorts nur allzu oft, irgendwo auf der grünen Wiese, fernab des öffentlichen Lebens, sondern „mitten drin“, nur einen Steinwurf entfernt vom Dorfladen mit seinem Café.

Ein externer Pflegedienst unterstützt die älteren Menschen dabei, ihr Leben so lange wie möglich aktiv und selbstbestimmt zu gestalten. „Ganz toll“, findet das Jürgen Leseberg, der sich nicht nur über die Generationendurchmischung im Dorf freut, sondern auch über die durch die Gesamtentwicklung in Linsburg bedingte Wertsteigerung der Immobilien.

Dorfladen hat während der Coronakrise weiter geöffnet

Die Corona-Krise und der durch sie bewirkte Shutdown wirken sich auch auf Linsburg aus, doch die Sache hat zwei Seiten. Zwar sind das Café und das Dorfgemeinschaftshaus samt Saalbetrieb geschlossen. „Gerade zum Frühjahr ist das bitter“, sagt Leseberg. Aber: „Der Dorfladen hat weiter geöffnet. Und dort haben wir ein so starkes Umsatzplus zu verzeichnen, dass die Einbrüche von Café und DGH ausgeglichen werden.“

Kein Wunder: Angesichts des Virus‘ meiden viele Menschen die großen Märkte eher und kaufen lieber dort ein, wo man sich kennt und keine Massen aufeinandertreffen.

Und das wachsende Interesse am Dorfladen brachte die Linsburger auf eine Idee: Sollte sich das Virus weiter ausbreiten und es im Dorf zu Quarantäne-Anordnungen kommen, will man die Menschen vom Dorfladen aus beliefern. Ohne Aufpreis und ohne kommerziellen Hintergrund, auf Basis der Nachbarschaftshilfe. „So gesehen“, glaubt der Bürgermeister, „birgt der Shut down vielleicht sogar die Chance, unsere Dorfgemeinschaft noch weiter zu stärken.“

Jürgen Leseberg glaubt nicht, dass das Virus Linsburg auf Dauer wieder zurückwerfen wird. Es mag eine Pause geben, aber langfristig werde es aufwärts gehen: Statt sich mit „dem Untergang“ auseinandersetzen zu müssen, hat Linsburg jetzt eher ein Luxus-Problem: Das Dorf wächst, die Zahl der Kindergarten-Plätze wird nicht reichen. „Vor fünf Jahren hatten wir 914 Einwohner. Jetzt sind es 980, und der Trend weist nach oben!“ Ein Waldkindergarten könnte Abhilfe schaffen.

Die Initiativen kommen an

„Es gibt viele Eltern, die finden das ganz klasse“, weiß Bürgermeister Leseberg. „Und die Kinder sowieso.“ „Ganz klasse“ dürften Polizeischüler aus Nienburg auch die Idee finden, ins Obergeschoss des Dorfladens einzuziehen. Dort will der Verein eine WG einrichten. Florian Wegener kann sich noch gut an seine Studienzeit erinnern: „Hier lebt es sich günstiger als in Nienburg, die angehenden Polizisten sind in 15 Minuten in der Akademie, haben die Einkaufsmöglichkeit vor der Tür und können im DGH feiern.“

Parallel dazu will sich die Gemeinde um neues Bauland bemühen. Vor dem Dorfladen soll die eher langweilige Kreuzungssituation durch einen Dorfplatz mit integrierter Bushaltestelle ersetzt werden. Dazu will man Mittel vom Kommunalen Innenentwicklungsfonds (KIF) beantragen. Auch für das interkommunale Gewerbegebiet in Meinkingsburg werde man sich weiter engagieren – dafür, glaubt Leseberg, seien noch dicke Bretter zu bohren.

Unterm Strich zieht der wirtschaftliche Verein ein positives Fazit: „Es gibt in Linsburg mittlerweile eine bemerkenswerte Dynamik. Unser Projekt wird Bestand haben. Wir haben uns gewehrt und wir hatten Erfolg.“

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Erstellt:
30. Mai 2020, 20:55 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 43sec

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