24.02.2013

Ein Synagogenbuch ohne Seiten

Eindrucksvolle Führung und Vortrag bei Festmahl der Oppermann-Gesellschaft

Nienburg. „Es sind glückliche Umstände, die das Festmahl der Nienburger Heinrich Albert Oppermann-Gesellschaft in diesem Jahr begleiten“, so der Präsident der Gesellschaft, Christoph Suin de Boutemard, in seiner Begrüßungsrede vor den über 50 Gästen, „denn das Festmahl der Gesellschaft in Erinnerung an den 143. Todestages des Namensgebers unserer Gesellschaft und an den Gründungstag derselben fällt in einen Zeitraum, in dem eine der wichtigsten Ausstellungen der letzten Zeit im Museum Nienburg stattfindet“, so Suin de Boutemard. Die Rede ist von der zurzeit im „Fresenhof“ und später im Museum Syke zu sehenden Schau zu den „Stätten jüdischer Kultur und Geschichte in den Landkreisen Diepholz und Nienburg“. „Dass die Oppermann-Gesellschaft nach der 2005 stattgefundenen Synagogenausstellung Kooperationspartner dieser Ausstellung ist und dazu beigetragen hat, dass eines der wichtigsten Exponate der Schau, der lange verschollen geglaubte Grundstein der 1938 abgetragenen Nienburger Synagoge, ausgestellt werden konnte, liegt nahe“, so Suin de Boutemard, „denn letztlich schöpft die Oppermann-Gesellschaft aus dem Werk ihres Namensgebers, um sich im Sinne eines zivil- und bürgerschaftlichen Engagement im aufklärerischen Geiste Oppermanns für unser Gemeinwesen einzusetzen. Sie tut dies mit einer intensiven Gedenkarbeit u.a. in Schulen in Stadt und Landkreis Nienburg und der Publikation von wissenschaftlichen Werken, wie den ‚Oppermann-Studien‘“, so der Präsident der Gesellschaft. Hierfür dankte der Gesellschaft in seinem Grußwort denn auch Nienburgs Bürgermeister Henning Onkes, der die wichtige Funktion der Oppermann-Gesellschaft für die Entwicklung von bürgerschaftlichen Strukturen in der Stadt hervorhob. Vor dem traditionellen Festvortrag führte der Kurator der aktuellen Museumsausstellung, Dr. Ulrich Knufinke von der TU Braunschweig und der „Bet-Fila Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa“, die Gäste durch die Schau. „Der Schwerpunkt der Exponate“, so Dr. Knufinke, „liegt in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit, denn die Historie der Gegenstände ist aufgeladen mit der exemplarischen Geschichte der Juden in Deutschland“. Eindrucksvoll belegte Knufinke dies mit dem äußerlich unprätentiös aussehenden Hoyaer Synagogenbuch, aus dem aber alle Seiten entfernt wurden – es existieren nur noch die Buchdeckel. Oder das zeit- wie harmlos wirkende Puddinggeschirr - aus einem jüdischen Haushalt kommend und nach der Pogromnacht von 1938 versteigert. Neben diesen, von dem Kurator geschickt ausgewählten und didaktisch überlegt präsentierten Metaphern jüdischer Geschichte im Landkreis Nienburg verzichtet die Schau nicht auf zwei forschungsgeschichtlich besondere Exponate. Im Stadtarchiv Nienburg fand die Stadtarchivarin Patricia Berger eine sehr detailreiche Grund- und Frontansicht eines Kauf- und Handelshauses in der Nienburger Langen Straße, in dessen Grundriss 1742 ein Raum für eine Synagoge eingezeichnet war. „Dieses ist nach meiner Kenntnis der frühestes Hinweis auf eine Synagoge in Norddeutschland“, so Knufinke. Und der erstmals seit der Pogromnacht von 1938 der Öffentlichkeit wieder zugängliche Grundstein der Nienburger Synagoge kann als weiteres ‚Highlight‘ der Schau angesehen werden, denn der über 500 Kilogramm schwere Sandsteinblock trägt Inschriften von 1823 zum Architekten Quaet Faslem und zu den Gemeindevorsteher. In seinem Festvortrag ging Dr. Knufinke dann auf jüdische Lebenswelten im Landkreis Nienburg im 18. und 19. Jahrhundert ein und analysierte, welche Bedeutung sie für das Romanwerk von Heinrich Albert Oppermann hatten. „Für Oppermann“, so Knufinke, „stand in der Handlung seines Romans die rechtliche Gleichstellung der Juden im Vordergrund, alles andere spielte für ihn nur eine untergeordnete Rolle“. Entsprechend konstruierte und orientierte sich Oppermann im Roman mehr an großbürgerlichen Biographien von assimilierten, großstädtischen Juden, die nur sehr bedingt etwas mit jenen jüdischen Lebenswelten zu tun hatten, wie Oppermann sie in Hoya oder Nienburg vorfinden konnte. Für Oppermann war in seinem Roman die verfassungs- und grundrechtliche Gleichstellung der Juden um 1870 abgeschlossen, den latent vorhandenen, ab der Reichsgründung 1870 verstärkt sich entwickelnden Antisemitismus hat er nicht ins Romankalkül einbezogen und auch nicht mehr erlebt. Nachzulesen sein wird dieser regional- wie literaturgeschichtlich interessante Forschnungsbeitrag von Dr. Knufinke in diesem Jahr im neuen Band 4 der „Oppermann-Studien“, den im Röhrig Universitätsverlag erscheinenden wissenschaftlichen Periodikum der Oppermann-Gesellschaft. DH

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Erstellt:
24. Februar 2013, 00:00 Uhr
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