Das Große Eichenkarmin befindet sich auf der Roten Liste 2 und ist im Waldgebiet im Schäferhof anzutreffen. Foto: Dallmeyer

Das Große Eichenkarmin befindet sich auf der Roten Liste 2 und ist im Waldgebiet im Schäferhof anzutreffen. Foto: Dallmeyer

Nienburg 06.02.2021 Von Die Harke

Ein artenreiches Gebiet

BUND kritisiert „Waldvernichtung für Großparkplatz“

Die Nienburger Kreisgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kämpft seit Jahrzehnten für den Erhalt der Natur im Landkreis und auch über die Kreisgrenzen hinaus.

Nun kritisiert der Verband die Pläne für ein Logistikzentrum im Nienburger Schäferhof: „Das Ausmaß der Naturzerstörung, das jetzt am Schäferhof geplant ist, übertrifft wohl alles, was es bisher im Bereich der Stadt Nienburg gegeben hat.“.

Ende des vergangenen Jahres habe der Landtag den Niedersächsischen Weg für mehr Natur- und Artenschutz in Niedersachsen beschlossen. Viele Verbesserungen sollte dieser Vertrag bringen. So enthält er ein Insektenschutzprogramm, ein Wiesenvogelschutzprogramm und viele wichtige Änderungen im Naturschutz-, Wald- und Wassergesetz.

„Was nützen aber solche Verträge, wenn sich nicht daran gehalten wird?“, fragen die Vertreter der BUND-Kreisgruppe. In der Stadt Nienburg scheine man jedenfalls nichts von diesem bundesweit einmaligen Vertrag für den dringenden Arten- und Klimaschutz gehört zu haben. So sei in der Ratssitzung der Stadt Nienburg am 26. Januar die Aufstellung des Bebauungsplanes beschlossen worden.

Nach aktuellen Plänen, möchte ein Automobillogistikunternehmen dort Abstellflächen für Autos und eine Montagehalle errichten. Dazu schreibt der BUND: „Die Stadt Nienburg beabsichtigt, die im Geltungsbereich gelegenen Flächen als Industriegebiet in einer Größe von gut 19 Hektar festzusetzen. Die Flächen im Plangebiet sind derzeit zum großen Teil bewaldet. Nach einer Aktualisierung der vorliegenden Biotoptypen-Erfassung sind mindestens rund 18 Hektar als Wald einzustufen.

Größere Waldflächen sollen im westlichen Geltungsbereich in einer Größenordnung von ca. 4,4 Hektar beziehungsweise in einer Breite von 150 Metern erhalten bleiben. Das heißt aber, dass rund 14 Hektar Wald, was einer Fläche von rund 20 Fußballfeldern entspricht, für riesige Pkw-Parkflächen beseitigt werden müssen.“

Laut BUND ist es ein bundesweites Ziel, die weitere Versiegelung der Landschaft einzugrenzen beziehungsweise sogar auf Null zu reduzieren. Es stellt sich auch die Frage, wie die Vernichtung von 14 Hektar Wald mit unseren Klimazielen zu vereinbaren ist? Gerade wird mit Spenden von Nienburger Bürgern auf Initiative von „Fridays for future“ ein Klimawald nahe Langendamm begründet. Wie passt denn die Vernichtung einer zwanzigmal so großen Waldfläche für einen Autostellplatz dazu, fragen sich nicht nur viele junge Leute.

Was den BUND darüber hinaus ganz besonders entsetze und traurig stimme, wäre die Zerstörung eines der artenreichsten Gebiete im Landkreis Nienburg, teilt die Gruppe weiter mit. „Das beauftragte Umweltbüro hat ein faunistisches Gutachten zu den Artgruppen Brutvögel, Fledermäuse, Reptilien, Tag- und Nachtfalter, Heuschrecken sowie am oder im Holz lebende Käfer erstellt.

Die Erfassung erfolgte von März bis Oktober 2020. Das Gebiet zeichnet sich durch ‚ein kleinräumiges Mosaik aus unterschiedlichen Lebensräumen‘ aus, was auch die hohe Artenvielfalt begründet. Die Zerstörung oder erhebliche Beeinträchtigung von nach Paragraph 30 Bundesnaturschutzgesetz geschützten Biotopen (hier zum Beispiel Sandtrockenrasen) ist gesetzlich verboten.“ So weise der Landschaftsrahmenplan nahezu das gesamte Plangebiet als Extrem- und Sonderstandort für Biotoptypen aus.

Laut BUND wurden dort nachgewiesen: acht Fledermausarten (alle gefährdet oder stark gefährdet), 45 Brutvogelarten, drei Reptilienarten (die Zauneidechse ist auch europarechtlich geschützt), 27 Tagfalterarten (darunter einige Arten, die in Niedersachsen fast flächendeckend verschwunden sind), 22 Nachtfalterarten (nicht intensiv untersucht, dennoch zwei stark gefährdete Arten), 18 Heuschreckenarten (davon mehrere gefährdet oder stark gefährdet), 81 Käferarten (darunter zahlreiche gefährdete oder stark gefährdete Arten). Als Grundlage für die Gefährdungseinstufung dienen teils sehr veraltete Rote Listen. Somit müssten aktuell weit mehr von den im Gebiet festgestellten Arten als gefährdet und stark gefährdet eingestuft werden.

Durch den Bau des „Logistikzentrums“ würden nicht nur sehr viele bedrohte und stark bedrohte Arten direkt vernichtet werden oder ihren Lebensraum oder ein wichtiges Nahrungsgebiet verlieren, sondern auch unzählige andere, nicht gezählte Arten. So lautet auch das Fazit des Umweltberichts: „Durch den Lebensraumverlust entstehen erhebliche Beeinträchtigungen für das Schutzgut Tiere, Pflanzen und biologische Vielfalt.“

Die Waldfläche diene aber auch als wichtiges Bindeglied im Biotopverbund zwischen den Naturschutzgebieten Nienburger Gruben im Westen und dem Nienburger Bruch (gleichzeitig FFH-Gebiet) im Osten. Die Verbesserung des Biotopverbundes ist aber ein wesentliches Ziel des Niedersächsischen Weges, dem hier entgegengewirkt wird.

„Bürgermeister Henning Onkes und Vertreter des Stadtrates haben in der letzten Sitzung das Thema Kompensation angesprochen. Hier soll an anderer Stelle eine gleich große Fläche gesucht und mit Wald als Kompensation aufgeforstet werden. Lebensräume und die Ansprüche vieler Tierarten sind aber sehr komplex und so werden auf der Kompensationsfläche für viele anspruchsvolle Tier- und Pflanzenarten keine geeigneten Lebensbedingungen vorhanden sein, weil dort Boden, Nährstoffgehalt und Mikroklima völlig anders sind“, kritisiert der BUND.

Und weiter: „Außerdem dauert es Jahrzehnte, bis so eine Fläche auch nur annähernd einen vergleichbaren ökologischen Wert und Nutzen fürs Klima haben wird. Große mobile Tiere wie Fledermäuse und Vögel können so mittelfristig bis langfristig vielleicht wieder einen Lebensraum bekommen, aber bei der Vernichtung der bestehenden Fläche wäre ihr Lebensraum erst einmal weg.

Anders sieht es mit den vielen Insekten- und anderen kleinen Tierarten aus. Sie würden bei der Zerstörung der Fläche mit vernichtet werden. Hierbei befinden sich auch Arten, die sonst im Radius von 100 Kilometern und mehr nicht mehr vorkommen. Sie wären unwiederbringlich ausgerottet. Da ist eine Kompensation nicht möglich.“

Die BUND-Kreisgruppe fordert deshalb: Bei einer so großen Bedeutung des Gebietes für die Artenvielfalt in der Region Nienburg und sogar teilweise für Niedersachsen, sowie den negativen Folgen für unser Klima, muss dringend Abstand von diesem Projekt genommen werden und das Gebiet als herausragender Lebensraum erhalten und gesichert werden. Nur so kann der vom Landtag beschlossene Niedersächsische Weg ernsthaft umgesetzt und mit Leben gefüllt werden.

Zum Artikel

Erstellt:
6. Februar 2021, 16:14 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 52sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.