Ein großer Feldversuch
Nienburg 25.05.2020 Von Philipp Keßler

Ein großer Feldversuch

Guten Tag!

Es ist ähnlich spannend wie die Entwicklung des Coronaimpfstoffes: Die Fortsetzung der 1. und 2. Bundesliga ist ein riesiger Feldversuch, der weltweit genauestens beäugt wird. Kann das klappen?

Fragt man bei der abstiegsgefährdeten und frisch aus der Quarantäne entlassenen Mannschaft des Zweitligisten Dynamo Dresden nach, dürfte die Antwort nicht sehr hoffnungsvoll ausfallen. Vergangene Woche wurde erneut ein Spieler positiv auf das Coronavirus getestet. Sollte das Team tatsächlich zum aktuell anvisierten Termin spielen, müssten die Elbstädter auf Anhieb sechs Partien innerhalb von 15 Tagen bestreiten – der Tagesspiegel titelte passend: „Dynamo wird von der DFL geopfert.“

Geopfert wurden ebenfalls die Zuschauer. Geisterspiele sind das Mittel zum Zweck, um die Saison im Oberhaus irgendwie zu Ende zu bekommen. Über die Qualität der bisher gezeigten Spiele lässt sich durchaus streiten – was aber auch nicht verwunderlich ist, da die Teams zahlreiche Wochen nicht richtig trainieren konnten.

Es fehlte aber auch der Druck von draußen, von den Rängen. Spätestens nach dem zehnten Querpass in der eigenen Hälfte fangen die Fans in der Regel an zu pfeifen; jetzt sind die Reihen leer. Diese neue Situation wirkte ganz unterschiedlich auf Spieler und Mannschaften: Dem einen fehlte spürbar die Anspannung, andere spielten plötzlich befreit auf. Sitzen einem 80 000 Anhänger im Nacken und fordern einen Derbysieg, ist es nicht verwunderlich, wenn selbst auch ein gestandener Profi mal nervlich ins Schwitzen kommt.

Am ersten Spieltag nach der Zwangspause gab es zudem nur wenige Gelbe Karten, unterdurchschnittlich viele Fouls – mit Fans im Stadion wäre das vermutlich anders gewesen. Schließlich gelten die Anhänger nicht ohne Grund als der zwölfte Mann. Hätte Leverkusen in Bremen so deutlich gewonnen, wäre das Weserstadion randvoll mit frenetischen Werder-Fans gewesen?

Geisterspiele offenbaren allerdings eine bittere Wahrheit: Auch ohne Fans kann gespielt werden. Alles wird auf das Elementarste reduziert: den Fußball. 22 Spieler, ein Ball. Aber das ist nicht mein Fußball. Tore müssen bejubelt, gegnerische Fouls ausgepfiffen werden. Da hilft es auch nichts, wenn Sky virtuelle Fansounds einspielt, die in der Regie sogar an die jeweilige Spielsituation angepasst werden. Nein, danke!

Zum Artikel

Erstellt:
25. Mai 2020, 06:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 06sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Themen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.