22.09.2013

„Ein höllischer Zustand“

Christa Maertins will mit KIBIS eine neue Neurodermitis-Selbsthilfegruppe gründen

Nienburg. Das Schlimmste ist der ständige Juckreiz, dieser permanente Zwang, sich zu kratzen. Wenn er Christa Maertins überfällt, ist sie ihm hilflos ausgeliefert. Sie fürchtet diese Schübe. „Das kommt tief von innen“, erklärt sie den Moment, „wo der Juckreiz entsteht, da kann man nicht anders, da muss man kratzen.“ Und doch bleibt diese Beschreibung für den Außenstehenden nur eine ungefähre Schilderung dessen, was sie durchleidet. Kratzen als kurzfristige Erlösung. Hinterher kommt immer der Schmerz, zuverlässig, brennend, großflächig und ebenso unerträglich wie das Jucken selbst. Christa Maertins leidet an Neurodermitis. Darum ist sie in die Selbsthilfe-Kontaktstellen (KIBIS) im Paritätischen Wohlfahrtsverband Nienburg gekommen. Sie will eine Selbsthilfegruppe gründen. „KIBIS“-Leiterin Annette Hillmann-Hartung wird ihr dabei zur Seite stehen. Im geschützten, vertrauten Raum Austausch, Rat, Hilfe suchen und finden, das will Christa Maertins für sich und für andere: im Kampf gegen diese Krankheit, im ständigen Kreislauf von Hautekzemen und Juckreiz, Kratzen und Schmerz. Ein höllischer Zustand, bei dem die Betroffenen am liebsten aus ihrer Haut fahren möchten.

Die juckenden Rötungen beim Schwitzen in Armbeugen und Kniekehlen waren für die kleine Christa normal. „Als Kind dachte ich mir nichts dabei“, erinnert die 54-Jährige. Heute weiß sie: „Das war der Beginn.“ Zum Ausbruch kam die Neurodermitis im Jahr 2001. Hatte sie damals stellenweise den Körper erfasst, so griff sie im Jahr 2008 auf die gesamte Haut über. „Eine Krankheit, die furchtbar ist, die das ganze Leben beeinflusst, es nicht mehr planbar macht“, erzählt Christa Maertins. Immer muss sie mit diesen entsetzlichen Schüben rechnen: „Es gibt Phasen, da geht gar nichts, ich weiß dann nicht, wie ich über den Tag kommen soll, ich kann mich nicht bewegen, die Haut spannt unerträglich.“

Nicht nur auf die lange geplante Fahrt zum studierenden Sohn nach Heidelberg muss sie dann verzichten. Selbst kleinste Wege werden zur Qual: „Es ist grauenhaft, ich komme nicht mal mehr aufs Fahrrad.“ Der Alltag wird zur unüberwindlichen Hürde. Die Phasen häufen sich, in denen sie sich immer weiter zurückzieht. Christa Maertins weiß, dass das falsch ist. Aber: „Vom Kopf her ist das eine klare Sache, doch man kann einfach nicht dagegen an.“ Dazu kommen die Allergien, unter denen sie leidet.

„Blüten, Birke, Haselnuss, Tierhaar, Hausstaubmilben, fast gegen alles bin ich allergisch“, nennt sie die rund fünfmonatige zusätzliche Leidenszeit, die jeweils Mitte April beginnt. „Danach werden die Allergien besser, die Neurodermitis aber bleibt“, berichtet sie von den starken Medikamenten und Cremes, ohne die sie nicht mehr auskommen kann. „Das volle Programm“, meint sie sarkastisch.

Ihre Lebensplanung hat die Krankheit grundlegend verändert. Ihr Beruf als Steuerfachangestellte hatte Christa Maertins Freude und Bestätigung gebracht. Sie musste ihn aufgeben, muss heute mit einer Erwerbsminderungsrente zufrieden sein. Zum Glück hat sie ihre Familie, ihren Mann, die beiden erwachsenen Söhne. „Dieser Rückhalt ist ganz wichtig“, sagt sie. Sie weiß, wie schnell das eigene Selbstbewusstsein unter dem Einfluss der Neurodermitis abdriftet, so dass „man sich am liebsten nur noch verkriechen möchte“.

Das Selbstbewusstsein stärken ist deshalb auch ein Ziel, dass sie mit einer Selbsthilfegruppe für Frauen und Männer verbindet. „In der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten kann man sich gegenseitig helfen, man wird stärker“, meint Christa Maertins und betont: „Ich kann nur noch gewinnen – und für andere auch Gewinn sein.“ DH

Das erste Treffen findet am Dienstag, 1. Oktober, um 19.30 Uhr im Sprotte-Begegnungszentrum, Lehmwandlungsweg 36, statt. Für Fragen vorab ist Christa Maertins unter der Telefonnummer (0 50 21) 39 53 erreichbar.

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Erstellt:
22. September 2013, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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