Jens Todt wird neuer HSV-Sportchef. Wir zeichnen seine Karriere nach. Schwiersch

Jens Todt wird neuer HSV-Sportchef. Wir zeichnen seine Karriere nach. Schwiersch

Fußball 03.01.2017 Von Die Harke

Ein (nicht) überraschender Weg

Jens Todt wird neuer Sportdirektor beim Bundesliga-Dino Hamburger SV. DIE HARKE hat seine komplette Laufbahn hautnah begleiten dürfen.

Der Kreis Nienburg hat nicht viele, vielleicht eine Handvoll überdurchschnittlicher Fußballer hervorgebracht, die die Region überregional und sogar international vertreten haben. Wie den gebürtigen Nienburger Volker Finke, der mit 16 Freiburger Jahren als Rekordtrainer im deutschen Fußball-Almanach steht. Dann gehen wir schon eine Stufe tiefer, finden Torwart Uli Stein, Willi Kronhardt, Björn Lindemann, Levent Aycicek. Und dann gibt es da noch Jens Todt, der morgen seinen 47. Geburtstag feiert, fast parallel dazu ein neues Arbeitspapier unterschreibt und den Posten des Sportdirektors beim Bundesligisten Hamburger SV übernimmt. Der in Hameln geborene und in Nienburg aufgewachsene Todt am Schaltpult des Bundesliga-Dinos, des Traditionsvereins schlechthin in Deutschland. Eine Überraschung? Vielleicht. Es wäre nicht die erste in seiner Vita.

Karriere nicht vorhersehbar

Jens Todt und Harke-Sportchef Stefan Schwiersch kennen sich seit Kindertagen. Begegneten sich erstmals auf dem Hof der Nienburger Orientierungsstufe zum Pausenbolzen und einige Male auch auf dem Fußballplatz. Später machten sie ihr Abi an der Albert-Schweitzer-Schule, drehten gleichzeitig eine Ehrenrunde, hatten Sport und Gemeinschaftskunde bei Oberstudienrat Finke. „Ich muss gestehen“, sagt Schwiersch heute, „dass damals diese Karriere als Fußballer für mich nicht erkennbar war.“ Das bestätigt auch Todts Schwager Sven Lukowsky aus Steimbke: „Jens wurde damals im Mittelfeld als Manndecker gegen mich eingesetzt, das muss man sich mal vorstellen.“

Und doch war Todt noch als A-Jugendlicher plötzlich ganz nah dran an der Erstvertretung des ASC, wurde von Peter Hayduk ab und an eingewechselt in der damals glanzvollen Verbandsliga-Mannschaft mit Größen wie Peter Muschol, Heiner Schwarck oder Burkhard Fehring. Die nächste Überraschung gelang Todt, diesem langen, manchmal irgendwie ungelenk wirkenden Schlaks, als er in seinem ersten Herrenjahr unter Neu-Trainer Muschol sofort den Sprung in die Stammelf schaffte.

Nicht minder überraschend war, dass der 18-Jährige auf Anhieb zum besten Torschützen avancierte – auch dank seiner Kopfballstärke. „Der lange Todt“ tauchte fortan immer wieder in HARKE-Überschriften auf.

Karriereschritt TSV Havelse

Vergleichsweise unüberraschend war der nächste Karriereschritt: Sein Lehrer Volker Finke holte Todt zum damaligen Drittligisten TSV Havelse. „Spiel ein gutes Herrenjahr, dann hole ich dich rüber“, hatte Finke gesagt. Es war der Beginn einer Verbindung, von der beide dauerhaft profitierten: Finke hatte einen jungen Mann gefunden, der sich zum laufstarken Strategen, zum engagierten Leader und sogar zum Nationalspieler entwickelte – und in Freiburg sogar (im Wechsel mit Uwe Spies) die Kapitänsbinde trug. Und Todt konnte sich auf einen Förderer verlassen, von dem er weitaus mehr lernte als saubere Pässe und Überzahlspiel in Ballnähe.

1996 zog Todt weiter, wechselte erst nach Bremen und dann nach Stuttgart, unterschrieb bessere Verträge und beendete seine Laufbahn, als es die schmerzenden Knöchel diktierten; 2003 löste er den Vertrag mit Stuttgart auf.

Zwischenstopp beim Spiegel

Der weitere Lebensweg war wiederum nicht typisch für einen ehemaligen Bundesliga-Spieler. Viele Ex-Profis gehen anschließend den angenehmen Weg und geben ihr Wissen als TV-Experten zum Besten (und manche können das sogar), aber nur wenige gehen den „seriösen“ Weg und lassen sich zum Journalisten ausbilden. Todt volontierte ab 2005 beim „Spiegel“, schrieb über Justizthemen und ungelöste Mordfälle, aber nicht über Fußball.

War es überraschend, dass Todt schon bald wieder die Seiten wechselte? 2007 kündigte er beim „Spiegel“ und kehrte zurück auf das ursprüngliche Spielfeld, nun erstmals in der Funktionärsrolle. Leiter der Nachwuchsabteilungen beim HSV und in Wolfsburg, dann die Rückkehr auf die große Bühne: Zweitligist VfL Bochum bot dem schon damals gut vernetzten Todt 2011 den Job des Managers an. Er blieb zwei Jahre, wurde entlassen, wechselte zu einem weiteren Zweitligisten, dem Karlsruher SC. Sein Engagement dort endete im November 2016. Nun wird er neuer Sportdirektor beim HSV, dem torkelnden Dino mit dem großen Renommee, der als nette Begleiterscheinung etwas näher dran ist am Familiensitz in Potsdam.

„Zwischen dem sachlichen Bruchhagen und dem un- eitlen Todt scheint die Chemie dagegen umso besser zu stimmen. In einem notorisch aufgeregten Umfeld dürfte gerade diese Kombination dem HSV gewiss nicht schaden“

Apropos: Gemeinsam mit seiner Familie verbringt Todt über den Jahreswechsel seinen Urlaub in Thailand. Den wird er verkürzen und morgen direkt nach Dubai fliegen ins Trainingslager des HSV, um die Arbeit aufzunehmen. Die Medienwelt betrachtet die erste Amtshandlung von Tragweite des neuen Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen mit Wohlwollen: „Zwischen dem sachlichen Bruchhagen und dem un- eitlen Todt scheint die Chemie dagegen umso besser zu stimmen. In einem notorisch aufgeregten Umfeld dürfte gerade diese Kombination dem HSV gewiss nicht schaden“, bewertete der „Kicker“ am Montag die bevorstehende Verpflichtung.

Der uneitle Todt. Auto Thiemo Müller wird womöglich gar nicht verinnerlicht haben, wie sehr er mit diesem Adjektiv ins Schwarze getroffen hat. „Einige Überraschungen kennzeichnen den Weg von Jens Todt“, sagt Stefan Schwiersch. „Dabei ist diese Karriere eigentlich völlig normal verlaufen. Sie ist das Ergebnis, wenn ein Mann mit Talent, Konsequenz und Bodenhaftung viel mehr vernünftige statt dumme Entscheidungen trifft.

1998: Jens Todt uns Willi Kronhardt (links) bringen frischen Wind in die ASC-Erstvertretung Heiner Schwarck wird Todts Ratgeber und Mentor - sie sind bis heute Freunde. Archiv

1998: Jens Todt uns Willi Kronhardt (links) bringen frischen Wind in die ASC-Erstvertretung Heiner Schwarck wird Todts Ratgeber und Mentor - sie sind bis heute Freunde. Archiv

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Erstellt:
3. Januar 2017, 21:00 Uhr
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