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Die Fotografin Karin Powser im Gespräch mit den Landtagsabgeordneten Dr. Fank Schmädeke (links) und Helge Limburg vor einiger ihrer Bilder. Foto: Schmidetzki

Die Fotografin Karin Powser im Gespräch mit den Landtagsabgeordneten Dr. Fank Schmädeke (links) und Helge Limburg vor einiger ihrer Bilder. Foto: Schmidetzki

Nienburg 08.11.2019 Von Nikias Schmidetzki

Einblicke ins Leben auf der Straße

Foto-Ausstellung über Wohnungslosigkeit im Fundus-Kaufhaus eröffnet

Jahrelang hat Karin Powser selbst auf der Straße gelebt, hat ihre Lebenswelt und die anderer Obdachloser fotografisch festgehalten. Entstanden ist daraus die Ausstellung „Keine Gnade auf der Straße“, die seit Freitag und noch bis zum 22. November im und am Sozialkaufhaus „Fundus“ zu sehen ist. Zur Eröffnung waren neben der Künstlerin Politiker und Vertreter von Hilfseinrichtungen gekommen.

Es ist vielleicht keine große Kunst, es sind schwarz-weiß Aufnahmen aus dem Jahre 1993 und gegenübergestellte Farbfotografien von 2015, die den Alltag von Wohnungslosen zeigen. Bettina Mürche, Vorsitzende des Vereins „Herberge zur Heimat“ und Fundus-Geschäftsführerin, sagte eingangs über sich selbst, sie sei keine Kunstkennerin. „Aber die Bilder von Frau Powser, die verstehe auch ich“, meinte sie. Die Bilder zeigten die Menschen auf der Straße „verletzlich und verletzt“. Trotz einer vergleichsweise geringen Arbeitslosenquote sie die Zahl derer, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen seien, sehr hoch. Besonders schlimm dabei: „Es gibt keine kleinen, bezahlbaren Wohnungen – auch hier auf dem Lande nicht.“ Eingehend auf den Titel der Ausstellung gab sie zu bedenken: „Wir haben auch keine Gnade auf dem Wohnungsmarkt.“

Jens Roggemann und Harald Januschke unterhalten sich über die Ausstellung. Foto: Schmidetzki

Jens Roggemann und Harald Januschke unterhalten sich über die Ausstellung. Foto: Schmidetzki

Der Landtagsabgeordnete Helge Limburg (Grüne) lobte das Projekt: „Kunst ist in der Lage, Menschen zusammenzubringen, sich auszutauschen und zum Handeln zu bringen.“ Er erinnerte daran, dass Deutschland nicht nur ein demokratischer Staat sei, sondern auch ein Sozialstaat. Es gebe ein Grundrecht auf Wohnraum, gab er zu bedenken. Kritik an der Landesregierung äußerte Limburg: „Das Land muss stärker in die Verantwortung gehen.“ Ein Beispiel sei die Forderung nach einer Landesbaugesellschaft.

Sein Landtagskollege Dr. Frank Schmädeke (CDU) gab zu, das Land müsse mehr auf die Förderungen schauen. Sie müssten etwa den allgemeinen Lohnsteigerungen angeglichen werden. Dennoch betonte er, das Land unterstütze die zahlreichen Einrichtungen zur Beratung und Wohnungslosenhilfe. Gerade in diesem Bereich sei in den vergangenen Jahren ein starker Anstieg an Besuchern zu verzeichnen.

Als Vorsitzender des Landschaftsverbandes Weser-Hunte fand Detlev Kohlmeier lobende Worte für die Ausstellung: „Ich glaube, dass eine Fotoausstellung wie diese mit drastischen Bildern helfen kann.“ Aufmerksamkeit sei besonders wichtig. Mit Blick auf den Ausstellungstitel meinte Kohlmeier, niemand sollte auf Gnade angewiesen sein müssen, wenn er eine Wohnung braucht. „Aber auf der Straße ist das Leben oft gnadenlos.“ Und – das müsse deutlich werden – nur in den allerseltensten Fällen lebten Menschen freiwillig auf der Straße. „Die Bilder können sehr viel erzählen, und wir sollten hingehen und zuhören“, forderte er die Besucher auf.

Weitere finanzielle Unterstützung für die Ausstellung gab es von der Sparkassen-Stiftung sowie der Stiftung Niedersächsische Wohnungslosenhilfe, dessen Vorsitzender Harald Bremer einen Wandel im Umgang mit den Betroffenen forderte. Es dürfe nicht mehr den Blick von „Wir hier oben auf euch da unten“ geben. Zu wenig werde heute Wert auf Integration gelegt, dafür auf Sicherheit und Ordnung. Hervor hob er die Arbeit des Sozialkaufhauses: „Ihr seid in der Gesellschaft angekommen.“

Mit Karin Powser, die sich selbst nicht zu Wort meldete, sondern eher an den Gemälden sprach, hatte Dr. Stefan Schneider aus Berlin die Ausstellung konzipiert. Er war mit der Fotografin durch die Hauptstadt gezogen, auf der Suche nach Motiven. Aufgefallen sei ihm dabei ein Wandel in der Haltung: Anfang der Neunziger-Jahre hätten die Menschen sich gefreut, fotografiert zu werden und hatten Hoffnung, dass damit etwas erreicht werden könne. Etwas über 20 Jahre später habe er große Vorbehalte gegenüber Kameras festgestellt. Reißerische Berichte sowie die Verbreitung in sozialen Medien spielten eine Rolle. Insgesamt sei die Stimmung bedrückter und gewalttätiger geworden.

Offen und deutlich wandte sich Uwe Eger von der Selbstvertretung der wohnungslosen Menschen an die Anwesenden: „Wenn ich auf die Bilder gucke, dreht sich mir der Magen um.“ Dabei bezog er sich nicht auf die Qualität der Aufnahmen. Im Gegenteil: Er dankte Powser für ihre Arbeit. Obwohl er raus aus der Szene sei, habe er den Geruch des Lebens auf der Straße noch in der Nase. Kritisch äußerte er sich über Veranstaltungen und Diskussionen zum Thema. „Es sind immer nur Leute eingeladen, die darüber reden, was sie planen. Die kommen aber nicht runter zu uns, wir müssen uns strecken.“

Im Sozialkaufhaus erhältlich ist für zehn Euro ein Katalog zur Ausstellung. Das Geld geht an die Künstlerin.

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Erstellt:
9. November 2019, 08:45 Uhr
Aktualisiert:
9. November 2019, 08:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 13sec

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