Der Text in kurdischer Sprache. CJD

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Nienburg 16.02.2019 Von Die Harke

Eine kostspielige Flucht aus dem Irak

CJD-Serie „Willkommen in Nienburg“ / Heute: Erlebnisse von Scherin L. aus dem Irak

Mein Name ist Scherin L.. Ich bin 24 Jahre alt und komme aus dem Irak. Meine Familie und ich sind 2015 aus religiösen Gründen nach Deutschland geflohen. Wir Yeziden haben mittlerweile 74 Völkermorde hinter uns. Der letzte hat angefangen 2014. Nach dem die Verfolgung von der Terrorgruppe IS angefangen hat, haben wir langsam unsere Flucht geplant. Für uns hatte das Leben in unserer Heimat keinen Sinn mehr. Vor allem für uns drei Kinder, wir hätten uns im Irak nie eine Zukunft aufbauen können. Wir Mädchen durften noch nicht mal uns schulisch weiter bilden. Somit haben wir im Irak keine Schule besucht. Mein Vater hatte immer Angst, dass wir verschleppt werden.

Mein Vater hat 2015 sehr viele Schulden gemacht, um damit unsere Flucht zu finanzieren. Einiges war unser gespartes Geld und einiges haben wir uns von Freunden erstmal ausgeliehen. Wir sind eine fünfköpfige Familie und wir mussten für jeden von uns 5.000 Euro für die Flucht bereithalten, somit haben wir circa 15.000 Euro verloren.

Als wir in Deutschland ankamen, haben wir erst in Frielingen, einem Flüchtlingslager in der Nähe von Garbsen leben müssen. Nach drei Wochen sind wir dann nach Nienburg gekommen. Von dort aus sind wir nach Landesbergen, in eine zugewiesene Wohnung gezogen. Wir haben mittlerweile die Flüchtlingsanerkennung bekommen und haben somit die Aufenthaltsgestattung.

Mittlerweile gehen wir Kinder (Alter 24, 22, 18 Jahre) alle in die Schule. Ich bin auf der BBS Nienburg. Der deutschen Sprache sind wir Kinder noch nicht ganz mächtig. Meine Eltern können fast nichts verstehen. Mein Wunsch ist es, wenn ich die deutsche Sprache auf C1 Niveau beherrsche, hier in Deutschland zu studieren. Am liebsten würde ich gerne Jura studieren und Anwältin werden, weil viele Gesetze mich sehr interessieren und weil ich die Menschenrechte verteidigen will.

Das Leben in Deutschland ist sehr schön, weil es Gesetze gibt an die sich die Menschen halten müssen. Außerdem hat Deutschland ein funktionierendes Gesundheitssystem, das gibt uns Sicherheit. Für meine Eltern war es zunächst sehr schwer, ihre Heimat verlassen zu müssen. Sie erlebten hier sowas wie einen Kulturschock. Sie haben 45 Jahre in der Kultur der Heimat gelebt. Und hier in Deutschland treffen sie auf ganz verschiedene Kulturen, die deutsche Kultur und auf viele andere Kulturen, bedingt auch durch die Menschen, die hierher geflüchtet sind. Das war eine große Umstellung für uns alle. Das ist aber inzwischen gar kein Problem mehr für uns. Auch für meine Eltern nicht: Meine Mutter sagt immer, dass sie nicht mal wusste, dass es so viele verschiedene Kulturen gibt und, dass sie es jetzt sehr genießt mit so vielen unterschiedlichen Kulturen in einem Land zu leben.

Meine Familie und ich sind sehr froh, dass wir in Deutschland Schutz bekommen haben und dass wir Kinder uns eine Zukunft aufbauen können, ohne immer an Krieg zu denken.

Das Gespräch führte Nurten Akan.

Das nächste Begegnungscafe St. Martin in Nienburg findet am Dienstag, 19. Februar, ab 16 Uhr im Gemeindehaus statt und das nächste Begegnungscafe St. Clemens in Marklohe am Freitag, 22. Februar, ab 16 Uhr im Gemeindehaus.

Scherin L. aus dem Irak schildert ihre Erlebnisse der Flucht und des Ankommens in
Deutschland, möchte ihr Gesicht aber nicht in der Zeitung zeigen. CJD

Scherin L. aus dem Irak schildert ihre Erlebnisse der Flucht und des Ankommens in Deutschland, möchte ihr Gesicht aber nicht in der Zeitung zeigen. CJD

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Erstellt:
16. Februar 2019, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 38sec

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