Stefan Schwiersch DH

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Guten Tag 11.03.2017 Von Stefan Schwiersch

Einfach abgeschrieben

Guten Tag

Was? Schon so spät? Herrje, die Uhr sitzt mir im Nacken, weil ich meiner lieben Frau versprochen habe, nach Feierabend noch ein paar Besorgungen zu erledigen und bei meiner lieben Mama vorbeizuschauen – seit Donnerstag versagt die Türklingel ihren Dienst. Und wenn nun der Paketdienst plötzlich vor der Tür steht… nicht auszudenken. Sie merken also, es passt mir gerade gar nicht so gut, vielen Dank für Ihr Verständnis. Und was macht der pfiffige Redakteur, wenn er unter Zeitdruck steht? Ist doch klar: Er schreibt ab und hofft, dass es keiner merkt.

Um im Thema zu bleiben, bediene ich mich einer Internetseite, die „Perlen des Lokaljournalismus“ aufgelesen hat, die Überschriften und Textbeiträge gefunden hat, die in der Hektik des Alltags weit mehr aussagen, als es sich der Verfasser gemeinhin gewünscht hat.

„Tag der offenen Tür im Gefängnis“, schrieb ein Blatt. Okay, nicht ganz neu. Eine Spur tiefsinniger ist diese Überschrift: „Wahrsagerin von Messerattacke überrascht.“ Da war wohl die Glaskugel kaputt. Viel Interpretationsspielraum ließ ein Bild, das einen Mann vor einem Wildsau-Denkmal zeigte. Die dazugehörige Zeile: „Boris Palmer – was es mit dem Schwein auf sich hat, lesen Sie im Innenteil dieser Zeitung.“

Originell war diese Korrektur eines Lokalblatts: „Die Jubilarin genoss früher Kneippkuren in Bad Wörishofen – nicht Kneipentouren.“ Hoffentlich keinen rechtspopulistischen Hintergrund hatte dieser Titel: „Sauerkraut mit Flüchtlingen kochen.“ Ausufernde Gewalt darf hinter dieser Überschrift vermutet werden: „Linke Demonstranten bewerfen Zug mit Neonazis.“ Sicher gut gemeint war dieser Aufruf: „Feuerwehr sucht Menschen, die brennen.“ Und auch auf die Gefahr hin, dass Sie das Bild nicht mehr aus dem Kopf bekommen: „Exhibitionist mit Pferdeschwanz auf Damenrad in Pelkum.“

Zu meinen persönlichen Favoriten gehört dieser Textausschnitt im Rahmen einer Sanierungsmaßnahme: „Auch der Friedhof, der seit 1920 geschlossen ist, soll dann wieder in Betrieb gehen. ,Es gibt viele Obermenzinger, die darauf warten, dort begraben zu werden‘, sagt Frieder Vogelgesang.“

So, fast geschafft, könnte noch klappen mit meinen weiteren Aktivitäten. „Journalismus ist Literatur in Eile“ sagte der englische Dichter und Literaturkritiker Matthew Arnold irgendwann im 19. Jahrhundert. Der Satz hat von seiner Aktualität nichts verloren. In diesem Sinne: Ihnen ein entschleunigtes Wochenende!

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Erstellt:
11. März 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 08sec

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