Birgit Fleischer-Zoll kann in ihrem Geschäft in Erichshagen nur noch Zeitungen und Zeitschriften verkaufen und am Postschalter bedienen. Die weiteren Ladenbereiche sind abgesperrt. Foto: Brosch

Birgit Fleischer-Zoll kann in ihrem Geschäft in Erichshagen nur noch Zeitungen und Zeitschriften verkaufen und am Postschalter bedienen. Die weiteren Ladenbereiche sind abgesperrt. Foto: Brosch

Nienburg 18.03.2020 Von Matthias Brosch

Eingeschränkter Alltag

Beobachtungen zum Ausnahmezustand in der Stadt Nienburg

Das Fachgeschäft Fleischer im Nienburger Ortsteil Erichshagen darf nur noch Zeitungen und Zeitschriften verkaufen sowie den Post- und Paketservice anbieten. Ein Schild am Eingang weist die Kundschaft auf die Einschränkungen hin und informiert über die reduzierten Öffnungszeiten. Sechs Stunden unterbrochen von einer Mittagspause. „Über Amazon können Sie unser Sortiment weiterhin bestellen“, steht dort ebenfalls geschrieben.

Am Mittwochvormittag steht Birgit Fleischer-Zoll hinter der Kasse: „So eine Situation gab es noch nie. Die Ware für Ostern ist da, werden wir sie los? Es wird einige hart treffen.“ Zwei Vollzeit- und eine Teilzeitkraft sind neben den beiden Auszubildenden an der Celler Straße beschäftigt. „Nun ist Kurzarbeit angesagt“, sagt die Geschäftsführerin.

Das Fachgeschäft Fleischer in Erichshagen musste seine Öffnungszeiten reduzieren. Foto: Brosch

Das Fachgeschäft Fleischer in Erichshagen musste seine Öffnungszeiten reduzieren. Foto: Brosch

Die 50-Jährige hat die anderen Ladenbereiche, die über zwei Etagen gehen, mit einem Flatterband abgetrennt. Spielzeug ist in greifbarer Nähe zu sehen, steht aber nicht zum Verkauf. Fleischer-Zoll überlegt, ihren Kunden und Kundinnen, die bei ihr über Amazon (Verkäufer E.Fleischer) oder den Web-Shop unter www.fleischer-nienburg.de bestellen und aus der näheren Umgebung kommen, das Porto für die Online-Bestellungen bei persönlicher Vorlage der Rechnungen auszubezahlen. „Das genaue Prozedere muss ich mir noch überlegen. Zurzeit ist es wichtig, dass nicht so viele Menschen unnötig unterwegs sind.“ Andere Geschäfte im Landkreis haben im Übrigen wie Fleischer auch Online-Verkaufsmöglichkeiten und hoffen so, Einnahmeverluste auszugleichen.

Am Dienstag hatte das Fachgeschäft für Schreib-, Geschenk- und Spielwaren jedenfalls noch zu den üblichen Zeiten geöffnet. Fleischer-Zoll fragte beim Landkreis nach, wie sie ihre Sondergenehmigung umsetzen könne: Die waren indes selbst sehr beschäftigt, sodass es keinen Rückruf mehr gab. Am Abend entschied sich die Geschäftsfrau selbst zu der Lösung mit dem Flatterband.

Viele Geschäfte geschlossen

Wenige Kilometer entfernt weiter in der Innenstadt waren viele Geschäfte komplett geschlossen, wenngleich sich noch nicht alle an die gesetzlichen Vorgaben hielten. Das irritierte Andreas Raetsch, den hiesigen Geschäftsstellenleiter der IHK Hannover. Dieser wunderte sich ebenfalls – als Privatmann, wie er betonte –, dass der Wochenmarkt weiterhin so gut besucht war. Wegen der Vorsichtsmaßnahmen wegen der Coronavirus-Pandemie hätte er mit etwas weniger Zuspruch gerechnet: „Positiv ist zu beobachten, dass die Menschen den empfohlenen Sicherheitsabstand aber in der Regel einhalten.“

Die Mitarbeiter vom städtischen Ordnungsamt konnten bei einem Kontrollgang beobachtet werden. Dass der Wochenmarkt weiterhin geöffnet hat und der Verkauf unter freiem Himmel wie in den Supermärkten weiterlief, sahen sie nicht kritisch. „Ich denke, die Leute freuen sich, dass in diesen Zeiten der normale Alltag nicht ganz verloren gegangen ist“, sagt Daniel Staffhorst. Sein Kollege Marc Fortmann registrierte im Vergleich zu anderen Wochenmarkttagen jedoch schon etwas weniger Menschen.

Alltag auf dem Wochenmarkt

Es war auf dem Wochenmarkt gleichfalls zu beobachten, dass mehr gegrüßt und weniger gesprochen wurde. Händeschütteln gab es nirgends zu sehen. Die Tische vor den Lokalen hatten mehr Abstand als üblich, waren aber gut besetzt angesichts des Sonnenwetters. Den Gesprächen konnte entnommen werden, dass viele mit der Verordnung einer kompletten Ausgangssperre rechnen – und wie lange die Supermärkte noch öffnen dürften, das trieb die Frauen und Männer um. Zitiert dazu möchte niemand werden, nur keine Panik verbreiten.

Fast wie immer: Die Menschen haben den Wochenmarkt in Nienburg am Mittwoch vor allem zum Einkaufen unter freiem Himmel genutzt. Foto: Brosch

Fast wie immer: Die Menschen haben den Wochenmarkt in Nienburg am Mittwoch vor allem zum Einkaufen unter freiem Himmel genutzt. Foto: Brosch

Marie Küker unternahm einen Spaziergang am Weserwall. Am Spielplatz neben dem Hasbergschen Hof fragte ihre ältere Tochter, ob sie dorthin dürfe. Die Zettel der Stadt wiesen jedoch auf die „Sperrung bis auf Weiteres“ hin. „Wir haben einen Garten, ansonsten ist es mit Kindern aber natürlich nicht einfach“, sagt die Mutter zur veränderten Lage der Freizeitgestaltung aufgrund der Allgemeinverfügung durch den Landkreis Nienburg zur Einschränkung der sozialen Kontakte.

Marie Küker genoss den Sonnenschein bei einem Spaziergang an der Weser. Den Gang auf den durch die Stadt gesperrten Spielplatz musste die Nienburgerin ihrer älteren Tochter (nicht im Bild) verweigern. Foto: Brosch

Marie Küker genoss den Sonnenschein bei einem Spaziergang an der Weser. Den Gang auf den durch die Stadt gesperrten Spielplatz musste die Nienburgerin ihrer älteren Tochter (nicht im Bild) verweigern. Foto: Brosch

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Erstellt:
18. März 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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