Wird nicht müde, gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast einzutreten: der Nienburger Nephrologe Dr. Gerd-Ludwig Meyer. Foto: Hagebölling

Wird nicht müde, gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast einzutreten: der Nienburger Nephrologe Dr. Gerd-Ludwig Meyer. Foto: Hagebölling

Nienburg 15.02.2020 Von Edda Hagebölling

„Einmal mit Wesjohann bei Anne Will“

Ärzte gegen Massentierhaltung: Dr. Gerd-Ludwig Meyer kämpft gegen den Einsatz von Reserveantibiotika

Dr. Gerd-Ludwig Meyer ist richtig, richtig sauer. Der Arzt für Nierenheilkunde, den zahlreiche Stadt- und Kreis-Nienburger aus der Dialyse-Praxis in Nienburg kennen, kämpft schon seit Jahren gegen den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast. Offenbar mit wenig Erfolg. Weil er nicht feststellen kann, dass die Politik irgendetwas unternimmt, überlegt der Nephrologe sogar, die Bundesrepublik Deutschland wegen Untätigkeit zu verklagen. Der massenhafte Einsatz dieses Arzneimittels ist für ihn schlicht ein Verbrechen an der Menschheit.

Wieder aktuell wurde das Thema „Einsatz von Antibiotika in der Tiermast“, nachdem im Dezember im Nienburger Kulturwerk der Film „Resistance Fighters“ lief (DIE HARKE am Sonntag berichtete). Der gelernte Landwirt Dr. Gerd-Ludwig Meyer ist einer der Protagonisten in dem Wirtschaftsthriller von Regisseur Michael Wech, der unter anderem in Vietnam, Bangladesch, Reno in Nevada und im Landkreis Nienburg gedreht wurde.

Dr. Meyer bei den Dreharbeiten für die Dokumentation „Resistance Fighters“. Foto: Dr. Meyer

Dr. Meyer bei den Dreharbeiten für die Dokumentation „Resistance Fighters“. Foto: Dr. Meyer

Der Film zeigt, wie durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Tiermast resistente Keime unkontrolliert in die Umwelt gelangen und dass sich fortwährend namhafte Unternehmen aus der Antibiotika-Forschung zurückziehen, weil immense Entwicklungskosten und zunehmende Resistenzen auch bei neuen Antibiotika ihr Geschäft unkalkulierbar machen.

Zum Wohl der Tiere

Dr. Meyer geht es zum einen um das Wohl der Tiere. Einen Supermarkt hat er schon seit acht Jahren nicht mehr betreten, Hähnchen für drei Euro sind in seinen Augen Sondermüll. Der Arzt, der täglich zwischen Nienburg und Bremen, seinem Wohnsitz, pendelt, kauft seine Lebensmittel gerne bei seinem ehemaligen Lehrbetrieb, dem Meyerhof in Oldenburg, Fleisch bezieht er über einen befreundeten Jäger.

Meyers Hauptsorge gilt jedoch den Menschen. Seiner Schätzung nach sterben Jahr für Jahr in Deutschland 5000 bis 10.000 Menschen, weil sie sich einen multiresistenten Keim eingefangen haben.

Ein Reserveantibiotikum wirkt breiter und entsprechend breit sind die Resistenzen, die sich dadurch entwickeln.

Dr. Gerd-Ludwig Meyer

Dass Antibiotika wie Penicillin in der Mast Tieren eingesetzt werden, ist in den Augen des Nephrologen schon schlimm genug, verschärft hat sich die Situation aber dadurch, dass mittlerweile verstärkt Reserveantibiotika zum Einsatz kommen. „Ein Reserveantibiotikum wirkt breiter und entsprechend breit sind die Resistenzen, die sich dadurch entwickeln“, so der Arzt für Nierenheilkunde.

In seinen Augen hat der massenhafte Einsatz dieser Mittel in der Tiermast überhaupt nichts zu suchen, und schon gar nicht präventiv. Gängige Praxis sei jedoch, die Arznei über Medikatoren dem Trinkwasser beizumischen, um zu verhindern, dass die Tiere krank werden und so so effektiv wie möglich gemästet werden können.

Ärzte gegen Massentierhaltung

Bereits 2013 hat Dr. Gerd-Ludwig Meyer zusammen mit weiteren 20 Ärztinnen und Ärzten den gemeinnützigen Verein „Ärzte gegen Massentierhaltung“ gegründet. Anlass war der geplante Bau eines Großschlachthofes in Großenkneten im Landkreis Oldenburg.

Als Mitglied dieser Gruppe ist der gelernte Landwirt seit Jahren bundesweit unterwegs. Sein größter Traum wäre, einmal mit Wiesenhof-Chef Wesjohann in der Talkshow von Anne Will zusammenzutreffen.

Doch auch sonst verfehlen seine Auftritte ihre Wirkung nicht.

Als die ZEIT vor Jahren eine Serie über das Thema „Antibiotika und Massentierhaltung“ veröffentlichte, demonstrierten Landwirte vor dem Verlagsgebäude in Hamburg und Dr. Meyer geriet eigenen Angabe zufolge in das Visier des Staatsschutzes.

Der Homepage des Vereins ist zu entnehmen, dass die Weltgesundheitsorganisation bereits 2012 festgestellt hat, dass „mittlerweile mehr Antibiotika an gesunde Tiere als an kranke Menschen gegeben werden“.

Noch gut erinnert sich Dr. Gerd-Ludwig Meyer an einen Bericht in der Deutschen Apotheker-Zeitung aus dem Jahr 1996. Darin habe Prof. Witte vom Robert-Koch-Institut moniert, dass das Trockenfutter für Masttiere Antibiotika enthalte. Das Bundesministerium für Gesundheit hat daraufhin auf ein Verbot für den Einsatz des Mittels als Futterzusatz zur Beschleunigung der Gewichtszunahme von Tieren hingewirkt.

Jahre später habe Angela Merkel das Thema zur Chefsache erklärt und beim G7-Gipfel in München thematisiert. Passiert sei jedoch nichts.

Weitere Infos unter www.aerzte-gegen-massentierhaltung.de

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Erstellt:
15. Februar 2020, 19:40 Uhr
Lesedauer:
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