Im Laster in die Zukunft: Leon Maurice Hildebrandt, links, und Timo Stuckert sind zwei von acht Azubis von Göllner – damit hat der Nienburger Spediteur alle Ausbildungsplätze besetzt; eine Seltenheit. Foto: Jobcenter

Im Laster in die Zukunft: Leon Maurice Hildebrandt, links, und Timo Stuckert sind zwei von acht Azubis von Göllner – damit hat der Nienburger Spediteur alle Ausbildungsplätze besetzt; eine Seltenheit. Foto: Jobcenter

Nienburg 14.05.2020 Von Die Harke

Ende einer Irrfahrt

Trotz Krise läuft das Rennen um Azubis – Jobcenter und Arbeitsagentur können helfen

Ein Kunststück ist der Nienburger Spedition Göllner gelungen: Acht Auszubildende sind im Unternehmen. Alle Plätze sind besetzt. In rund fünf Monaten beginnt das kommende Ausbildungsjahr, und branchenübergreifend klagen Arbeitgeber über fehlende Bewerber oder fehlende Ausbildungsreife. Jobcenter und Arbeitsagentur können aktiv unterstützen., teilt das Jobcenter mit.

Timo Stuckert ist angekommen am Startpunkt seiner Karriere. Mit 31 Jahren; ungewöhnlich spät, aber noch früh genug für große Pläne. Der junge Mann aus Marklohe ist seit einem Jahr Auszubildender zum Berufskraftfahrer. Stuckert beendet damit eine 15 Jahre dauernde Irrfahrt durch kurzfristige Beschäftigungen und länger dauernde Episoden der Arbeitslosigkeit.

„Ich spüre hier im Betrieb eine gewisse Wichtigkeit“, sagt er; und Detlev Schmidt pflichtet ihm bei. Der Speditionsleiter der Spedition Göllner beschäftigt aktuell acht Berufskraftfahrer-Lehrlinge und hat damit alle Ausbildungsplätze in diesem Beruf besetzt. Das ist sehr selten in der Logistik. Laut den Januar-Zahlen der Bundesagentur für Arbeit stehen im Agenturbezirk Nienburg-Verden jedem jungen Interessenten für den Beruf des Kraftfahrers im Güterverkehr 3,89 Ausbildungsstellen gegenüber, in der Lagerwirtschaft hat jeder künftige Azubi 1,35 Stellen zur Wahl.

Schmidt meistert diesen Mangel, indem er sich auch interessiert für junge Menschen, an die sich seine Mitbewerber noch nicht herantrauen: „Herr Stuckert bringt eine schwierige Familiengeschichte in die Ausbildung mit ein, in seiner Bewerbung hatte er darüber hinaus leider wenig handfeste Argumente für einen Erfolg geliefert; allein aus diesen Gründen sind wir sehr zufrieden mit seiner Entwicklung“, sagt Schmidt.

Stuckert war Kunde des Jobcenters Nienburg. „Menschen jeden Alters eine Berufsausbildung zu ermöglichen, bleibt immer eines der vorrangigen Ziele unserer Arbeit“, sagt Frank Köhring, Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Nienburg. Alexander Schröder und die Spedition Göllner haben zusammengefunden beim Speeddating, einem der klassischen Angebote von Jobcenter und Arbeitsagentur.

Köhring: „Unsere Erfahrungen zeigen, dass der persönliche Kontakt viel bringt. Beide Seiten haben eine Bühne, um sich kennen zu lernen“. „Meine letzten beiden Zeugnisse waren hundsmiserabel“, sagt Timo Stuckert, „das Speeddating hat mir tatsächlich die Chance gegeben, dass mir der Arbeitgeber wenigstens zuhört.“

Auch Stuckerts Arbeitskollege Leon Maurice Hildebrandt hat beim Speeddating mitgemacht, aber seinen Weg aus dem Jobcenter Neustadt heraus nach einem Jahr Arbeitslosigkeit und nach gesundheitlichen Schwierigkeiten durch Eigeninitiative erreicht: „Die Spedition Göllner kannte ich von den auffälligen Fahrzeugen und habe mich deshalb für eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer beworben – ein Glückstreffer: Hier kann ich einfach ich sein.“ Für Speditionsleiter Schmidt eine Folge der Firmenstrategie: „Göllner muss in Nienburg für klassische Werte stehen – soziales Engagement ist uns wichtig. Wir wollen gesehen werden, und wir wollen, dass man über uns spricht.“

Das alteingesessene Nienburger Familienunternehmen bildet seit Jahren erfolgreich in den verschiedenen Berufen rund um die Logistik aus. Jugendlichen mit schwierigen Biographien eine Chance zu geben, sei für sein Unternehmen überwiegend ein Gewinn, sagt er. Jobcenter-Geschäftsführer Köhring erachtet eine solche Haltung als notwendig: „Unsere Beratung gibt Menschen ohne Erstausbildung eine Orientierung; wir helfen, den Kontakt zu Arbeitgebern herzustellen, und wir unterstützen finanziell auf vielerlei Art – aber wir brauchen auch Unternehmer mit Verständnis und Geduld“, sagt er.

Die Azubis Stuckert und Hildebrandt fühlen sich jedenfalls zuhause. „Unsere Ausbilder sind gerade mal zwei Jahre älter als ich und uns grundsätzlich sehr zugewandt“, sagt der 31-jährige Stuckert. Und der 18-jährige Hildebrandt ergänzt: „Für mich fühlt sich die Firma wie eine große Familie an.“ Frank Köhring versteht das Jobcenter und die Arbeitsagentur als Katalysator für den gegenseitigen Kontakt: „Unsere Berater helfen bei der beruflichen Orientierung, und der Arbeitgeber-Service macht Werbung für die Kandidaten, die sich selbst schlecht darstellen können“, sagt er. „Wir bieten damit die Starthilfe für ,Paare’, die sich sonst wohl nie gefunden hätten“.

Zeigen ausbildungswillige Jugendliche fehlende Ausbildungsreife, können Jobcenter und Arbeitsagentur Einstiegsqualifizierungen anbieten – also sechs- bis zwölfmonatige Praktika, die einer Ausbildung vorgeschaltet sind, aber auf die Ausbildung angerechnet werden können und auch von Beginn an vergütet werden. Im Unternehmen kann die Unterstützung aber weitergehen, beispielsweise mit ausbildungsbegleitenden Hilfen bei Schwierigkeiten in der fachlichen Theorie oder mit sozialpädagogischer Begleitung zur Sicherung des Ausbildungserfolgs. Wenn sich der Arbeitgeber frühzeitig meldet, kann dadurch ein drohender Ausbildungsabbruch mitunter verhindert werden. Timo Stuckert jedenfalls hat bei Göllner angebissen.

Die Hälfte seiner Lehrzeit ist absolviert, und er kann sich vorstellen, danach den „Meister für Kraftverkehr“ draufzusatteln, vielleicht auch nochmal zu studieren: Psychologie. Leon Maurice Hildebrandt ist im ersten Lehrjahr und will irgendwann mal in den Schwerlastverkehr einsteigen; bis dahin möchte er noch ziemlich lange die Göllner-Laster kutschieren. Er will arbeiten, um etwas zurückzugeben an das Unternehmen, das ihm die Tür in die Zukunft geöffnet hat. Darin ist er sich mit Timo Stuckert einig: Sie fühlen sich dem Unternehmen verpflichtet, weil sie dort angekommen sind, wo sie respektiert werden.

Der gemeinsame Arbeitgeberservice von Agentur für Arbeit und Jobcenter platziert Ausbildungsstellen in der Jobbörse, hilft bei der Suche nach geeigneten Kandidaten und berät über Fördermöglichkeiten. Telefonisch erreichbar ist er gebührenfrei unter der Telefonnummer 08 00 4 55 55 20

Das nächste Azubi-Speeddating findet am 2. Oktober 2020 statt – Unternehmer, die ihre Ausbildungsberufe vorstellen möchten, wenden sich an die Wirtschaftsförderung Nienburg.

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Erstellt:
14. Mai 2020, 07:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 40sec

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