Freudentänze, wie hier die Estorfer Fußballer nach der gewonnenen Relegation 2017, wird es in diesem Sommer nicht geben. Foto: DIE HARKE

Freudentänze, wie hier die Estorfer Fußballer nach der gewonnenen Relegation 2017, wird es in diesem Sommer nicht geben. Foto: DIE HARKE

Nienburg 22.04.2020 Von Philipp Keßler

Etwas Normalität für die Außergewöhnlichkeit, bitte!

Ein Kommentar zum aktuellen Schwebeverfahren im Fußball

Es sind schwere Zeiten für Fußballjunkies. Kalter Entzug sozusagen. Der Energie des Sports wurde eiskalt der Stecker gezogen. Fans und Spielern fliegen bald die Sicherungen raus.

Das Coronavirus greift nicht nur die Gesundheit der Menschen an, es massakriert auch ihr gewohntes soziales Leben – und aus diesem ist der Fußball eben nicht mehr wegzudenken.

Am besten, man denkt gar nicht daran, wie es jetzt eigentlich wäre. Ohne Corona. Etliche unvergessliche Momente verbleiben im Konjunktiv. Wer den Fußball liebt, dem schmerzt es besonders, dass ausgerechnet jetzt die Plätze ge- und die Bälle weggesperrt sind. Denn: ohne Corona würde die Saison aktuell auf ihre Zielgerade einbiegen, nur noch wenige Spieltage stünden aus; von der Bundesliga bis zur Kreisklasse.

Das Ende einer jeden Spielzeit ist doch der Zeitpunkt im Jahr, dem man am meisten entgegenfiebert. Die Meisterfrage wird entschieden, im Abstiegskampf gehen die Lichter aus. Absolute Freude und tiefste Trauer liegen selten so nah beieinander. Wenn Fußballer oder Fans sich an die ganz besonderen Augenblicke und Partien erinnern, sind es meist jene entscheidende an den abschließenden Spieltagen.

Hätte beispielsweise Till Pielhop nicht ausgerechnet den entscheidenden Treffer kurz vor Schluss gegen den TuS Drakenburg im letzten Relegationsspiel 2017 erzielt, wäre er beim RW Estorf-Leeseringen vermutlich nicht zum glamourösen Aufstiegshelden mutiert.

Solche Relegationsthriller werden wir Ende Mai definitiv nicht erleben. Ebenso wenig das alljährliche Highlight des hiesigen Fußballs: Das Kreispokalfinale am Pfingstmontag in Marklohe.

Mein Fernseher daheim hat seine Existenzberechtigung verloren. Ausgestattet mit Sky- und DAZN-Abonnement, aber ohne packende Livespiele, ohne K.o.-Spiele der Champions-League, ohne DFB-Pokal-Halbfinale. Als hätte man einen Porsche in der Garage stehen – ohne Motor und ohne Räder. Mit der Bundesliga-Konferenz am Samstag um 15.30 Uhr kann nicht die beste Serie auf Netflix konkurrieren.

Ein Ende dieser Fußball-Diät ist nicht in Sicht.

Die Obrigkeit des NFV will die Saison in den Spielklassen von der Oberliga abwärts einfrieren, und im September nach hoffentlich überstandener Pandemie fortsetzen. So würden all die emotionalen Momente zumindest konserviert werden. Für eine Saisonabschlussfeier mit dem Planwagen Ende November müssten sich die Kicker dann allerdings warm anziehen – oder direkt zur Weihnachtsfeier umschwenken. Ein Ende dieser Fußball-Diät ist nicht in Sicht.

Auch die Fußball-Europameisterschaft wurde auf kommendes Jahr verschoben. Auf dem Bürgermeister-Stahn-Wall, an dem stets das große Nienburger Public-Viewing stattfindet, darf der Rasen ungehindert ein Jahr weiter sprießen. Keine Fußballfans werden sich auf ihm in diesem Sommer jubelnd oder weinend in den Armen liegen und ihr Bier beim Torjubel über ihm vergießen.

Aber die wichtigste Frage in der aktuellen Debatte kann noch nicht beantwortet werden: Wann können wir alle wieder ruhigen Gewissens auf den Fußballplatz? Klappt September wirklich? Der NFV würde bei einem Einfrieren der Saison alle Mannschaften in eine Art Winterpause versetzen, potenziellen Auf- und Absteiger lange hinhalten, Kaderplanungen wären kaum möglich.

Wann würde gewechselt, wann könnte der neue Trainer mit seiner Arbeit beginnen? Hier müssten etliche Regularien angepasst oder erst geschaffen werden, um auf breite Zustimmung zu stoßen. Ein Schlussstrich unter die jetzige Saison, mit Berücksichtigung der Quotientenregelung – wie es der Handball vorgemacht hat – wäre die besser, weil „normalere“ Lösung.

Der Fußball würde nun quasi in die Sommerpause gehen, so wie es die Vereine kennen, nur eben etwas länger als gewohnt. Würde die neue Spielzeit gar erst im November beginnen können, hätte man immer noch die Option, kommendes Jahr bis in den späten Juni zu kicken – das wäre für alle Teams planbar.

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Erstellt:
22. April 2020, 20:56 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 50sec

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