Patricia und ihr Gastbruder.

Patricia und ihr Gastbruder.

13.07.2014

„Everything is bigger in Texas“

ASS-Schülerin Patricia Meinking über ihr Austauschjahr in The Woodlands, Texas (USA)

Von Patricia Meinking Texas! Der nach Alaska zweitgrößte Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika. Obwohl er fast doppelt so groß wie Deutschland ist, dient das Land der Cowboys nur 26,5 Millionen Einwohnern – ungefähr ein Drittel der deutschen Bevölkerung – als Zuhause. Hier sollte ich ein Jahr meines Lebens verbringen.

Da stand ich also mit gepackten Koffern, um meinen Traum zu erfüllen, aber als ich dann endlich am Flughafen stand, kurz vor meiner Abreise, fiel mir der Abschied doch sehr schwer. Ich wusste ja nicht, was mich auf der anderen Seite des Atlantiks erwarten würde. Dennoch stieg ich in den Flieger, mit dem mein Abenteuer begann.

In ‚The Woodlands’, Texas, meinem neuen Zuhause, angekommen, fing mein noch fremdes Leben auch gleich mit dem Vortanzen für das Tanzteam der ‚The Woodlands High School’, den ‚Highsteppers’, an. Als ich die 80 guttrainierten Tänzerinnen sah, bekam ich Angst, ich würde es nicht schaffen. Von 40 bis 50 Tänzerinnen, die ins Team wollten, schafften es nur ca. 15. Aber mit meiner zwölfjährigen Erfahrung im Ballett und hartem Training bekam ich vom Team sogar ein Stipendium. Und plötzlich befand ich mich mittendrin im sogenannten ‚school spirit’, der mir sehr gefiel und das Einleben um vieles erleichterte und von dem ich gern etwas an meine ASS genommen hätte. Im Herbst ging es jeden Freitag oder Samstag zu einem Footballspiel, um das Footballteam zu unterstützen, und im Frühling fing die Wettkampfsaison an. Muskelkater und blaue Flecken gehörten praktisch zum Alltag, doch der Spaß, den ich mit dem Team hatte, machte das wieder wett.

„Everything is bigger in Texas“ – Die High School in „The Woodlands“ ist, verglichen mit der Albert-Schweitzer-Schule, mehr als dreimal so groß. Rund 3000 Schüler gehen dort auf die Schule, wobei das nur die Jahrgänge 9 bis 12 sind. Das Schulgebäude ist dementsprechend riesig. Die sieben Minuten, die man zwischen den Schulstunden hat, um den Raum zu wechseln, reichen gerade so.

Aber das ist nicht alles: Essensbestellung – double size, Getränke – nachfüllbar, Supermarkt – Familienpackung. Und nicht zu vergessen die monströsen Trucks, die den Texanern sehr wichtig sind – auch mein Gastvater ist stolzer Besitzer eines solchen Gefährts.

Als Europäerin fiel mir die Freundlichkeit der Amerikaner besonders auf. So wird man zum Beispiel von fremden Leuten im Supermarkt mit einem „Wie geht es Ihnen?“ angesprochen. Auch meine Gastfamilie nahm mich herzlich auf und behandelte mich wie ein Familienmitglied. Auf Reisen und Ausflüge nahm meine Gastfamilie mich ebenfalls gerne mit. Beispielsweise verbrachten wir im März eine Woche auf Hawaii, wo wir Meeresschildkröten und Buckelwale beobachten konnten.

Ich hätte mir keine bessere Familie wünschen können, gleichzeitig jedoch fielen diverse kulturelle Unterschiede auf, die nicht immer leicht zu verstehen waren. Homosexualität wurde von vielen als „falsch“ bezeichnet, was zum Teil auch an ihrem strengen religiösen Glauben liegt. Kritik an der Einführung von Sozialhilfe wurde reichlich geübt. Dies hängt mit der Arbeitseinstellung von vielen Texanern zusammen. Hier gilt, wer nichts leistet, soll auch kein Geld bekommen – auch dann nicht, wenn er aufgrund von Krankheit nichts leisten kann.

Die Putzfrauen der „The Woodlands High School“ und auch vieler Hotels, die ich während meiner Abschlussrundreise durch die USA besuchte, waren meist mexikanischer Herkunft. Die USA boten ihnen eben – wirklich!? – unbegrenzte Möglichkeiten.

Einer der größten schockierenden Momente war außerdem, als ich zum ersten Mal das Zimmer meines Gastbruders betrat und dort an seiner Wand alle seine Schusswaffen hingen.

Gewohnt war ich so etwas nicht, geschweige denn, aufs Land zu fahren und zum Spaß das Schießen zu trainieren.

Für die Texaner jedoch ist das Recht, Waffen zu besitzen, unabdinglich. Ein Umstand, an den ich mich bis zum Schluss nur schwer gewöhnen konnte.

Etwas sehr Wesentliches habe ich in den USA gelernt. Es gibt zwar 50 einzelne Bundesstaaten und zwischen diesen auch erhebliche Unterschiede, doch trotz allem verstehen sich die US-Bürger als US-Amerikaner. Es wird immer erst auf das geguckt, was sie eint, wie vor allem die US-Flagge und –Nationalhymne. Für mich ist dies der Grund, warum ich mich zukünftig als Europäerin sehen möchte. Verschiedener aktueller Krisen in Europa zum Trotz möchte ich auf das schauen, was uns als Europäer eint: Frieden und Wohlstand.

Trotz aller kulturellen, politischen und sozialen Unterschiede jedoch war dies das bisher beste Jahr meines Lebens. Mit der Unterstützung meiner Familie in Deutschland sowie meiner amerikanischen Familie wurde Texas zu meinem zweiten Zuhause. So schwer es anfangs für mich war, meine Familie und Freunde in Deutschland zurückzulassen, so schwer fiel es mir am Ende meines Aufenthalts auch, meine Gastfamilie, meine neugewonnenen Freunde und Texas zu verlassen. Ich bin an meinen persönlichen Erfahrungen dort gewachsen und froh, ein ganz anderes Leben kennengelernt zu haben.

Danke an meine wundervolle Familie, die mir dieses Jahr ermöglicht hat, meine ehemalige Englischlehrerin, Frau Freese, die mich einst zu dieser Reise inspirierte, und die Albert-Schweitzer-Schule, die mich nun wieder hat.

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Erstellt:
13. Juli 2014, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 37sec

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