Aufgepasst und losgefahren: Beim Fahrradkurs mussten die Teilnehmerinnen auch auf die andern Verkehrsteilnehmerinnen achten. Foto: Schmidetzki

Aufgepasst und losgefahren: Beim Fahrradkurs mussten die Teilnehmerinnen auch auf die andern Verkehrsteilnehmerinnen achten. Foto: Schmidetzki

Nienburg 03.10.2020 Von Nikias Schmidetzki

Fahrradfahren für mehr Flexibilität

Kurs für Migrantinnen von Koordinierungsstelle und Sprotte

Ziemlich sicher sieht es aus, wenn die Frauen auf die Fahrräder steigen und losfahren. Das ist besonders deshalb, weil sie eine Woche zuvor mitunter noch nie auf einem solchen Gefährt gesessen haben. Eingeladen zu diesem Kurs speziell für Migrantinnen hatten die Koordinierungsstelle „Frau + Wirtschaft“ sowie das Begegnungszentrum Sprotte, auf dessen Parkplatz die Teilnemerinnen die ersten Versuche unternahmen.

Und so fahren sie am letzten Tag aufeinander zu, um auszuweichen oder stehen zu bleiben oder mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Mauer, um rechtzeitig zu bremsen. Acht Tage lang haben sie Schritt für Schritt gelernt. „Vom Roller, über Ballance-Übungen und Koordinierung – und am Ende auf den Rädern“, erklärt Lisa Doppler von der Koordinierungsstelle.

Ein wichtiges Stück Mobilität haben neun Migrantinnen nun erworben. Angeschoben hatte den Kurs noch Ajsche Al-Molla als Mitarbeiterin von „Frau + Wirtschaft“. Sie war zuständig für die Förderung von Migrantinnen. Derzeit wird sie vertreten von Lisa Doppler, die ihre Idee nun gemeinsam mit Vertreterinnen des Begegnungszentrums Sprotte in der Nienburger Lehmwandlung umsetzte. In den Beratungen der Koordinierungsstelle sei deutlich geworden, dass viele Frauen nicht mobil sind, erklärt sie. Daher sollte der Kurs für zusätzliche Selbstständigkeit der Teilnehmerinnen, die allesamt aus dem Quartier der Lehmwandlung kommen, sorgen. Selbst dort seien schließlich einige Wege, zur Schule etwa, zu Fuß recht weit, erklärte die Geschäftsführerin des Sprotte-Vereins Stefanie Krüger-Meinshausen.

Ausweichen oder anhalten? Das richtige Verhalten bei Gegenverkehr war auch Thema beim Fahrradkurs unter den Augen von Charlotte Niebuhr, Lisa Doppler und Stefanie Krüger-Meinshausen (von links). Foto: Schmidetzki

Ausweichen oder anhalten? Das richtige Verhalten bei Gegenverkehr war auch Thema beim Fahrradkurs unter den Augen von Charlotte Niebuhr, Lisa Doppler und Stefanie Krüger-Meinshausen (von links). Foto: Schmidetzki

Ziel war es, die Mobilität zu steigern und damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Viele der Frauen mussten bislang fast alle Strecken zu Fuß bewältigen. Nun sind sie flexibler – auch, weil der durch einen Aufruf in der HARKE am Sonntag eine Vielzahl an Fahrrädern zusammenkam.

Geradezu überwältigt waren die Organisatorinnen von der Resonanz auf den Aufruf, Fahrräder zu spenden, in der vergangenen Ausgabe der HARKE am Sonntag. „Gleich am Montag hatte ich rund 60 Anrufe“, sagt Lisa Doppler. Schweren Herzens musste sie den meisten absagen – so sehr sie sich über die Bereitschaft auch gefreut habe.

Die Fahrräder, welche die Absolventinnen des Kurses nun bekommen, werden in der nun beginnenden Woche in der Werkstatt des Sprotte-Zentrums auf die Frauen eingestellt, damit sie ihre neuen Kenntnisse auch direkt einsetzen können.

Viel Spaß hatten die Frauen beim Fahren. Foto: Schmidetzki

Viel Spaß hatten die Frauen beim Fahren. Foto: Schmidetzki

Das Fahrradfahren selbst zu erlernen, mit Freundinnen oder in einem anderen privaten Umfeld habe sich als schwierig erwiesen, sagt Doppler. Entsprechend groß war die Nachfrage, jetzt bei echten Profis zu lernen. Charlotte Niebuhr und Marion Domnick brachten die Frauen zunächst vorsichtig auf die Fahrräder und schließlich eben auch auf die Straße.

Noch am zweiten Kurstag, berichtet Doppler, seien Frauen gekommen, weil sie Interesse hatten. Sie waren leider zu spät und müssen nun auf eine weitere Möglichkeit hoffen. Schnell hatte sich das Angebot rumgesprochen: „Die Frauen kommen hier aus dem Quartier. Viele haben schon an Deutsch- und Integrationskursen teilgenommen“, erklärt Krüger-Meinshausen. Dass sie nun diesen wichtigen Schritt getan haben, könnte der Anfang zu mehr sein, meint sie: „Vielleicht ist es Motivation für andere Dinge, wenn sie jetzt mehr aus dem häuslichen Umfeld herauskommen.“

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Erstellt:
3. Oktober 2020, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 35sec

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