Stefan Reckleben

Stefan Reckleben

24.07.2015 Von Stefan Reckleben

Faktor oder Papiertiger?

Natürlich gehört das Handwerk zum Mittelstand, natürlich ist das Handwerk eine Wirtschaftsmacht. Es spielt keine Rolle, ob es der Bäcker, Elektriker oder Tischler ist mit fünf bis sechs Mitarbeitenden, mit einem Boss und einem Auszubildenden. Die Summe macht‘s: Bundesweit gibt es eine Million Betriebe mit 5,15 Millionen Mitarbeitenden und 417000 Auszubildenden. Das Handwerk erwirtschaftet einenJahresumsatz von knapp 500 Milliarden Euro, stellt 12,5 Prozent aller Beschäftigten und 30 Prozent aller Azubis. Anders dargestellt sind das 760-mal so viele Filialen wie McDonald, viermal so viel Umsatz wie der Volkswagen-Konzern und mehr Patente als Apple.

Doch so lange diese Wirtschaftsmacht von derselben keinen politischen Gebrauch macht, so lange ist er ein politischer Papiertiger. Und das gilt auch für die Kreishandwerkerschaft. Die klagt intern seit etwa sieben Jahren über den Schwund junger Leute, über sinkende Zahlen von Azubis und über die Zunahme von nicht ausbildungsfähigen jungen Menschen. Die Kreishandwerkerschaft sieht abwandernde junge und ältere Fachkräfte. Chefs und Altgesellen lassen den verbliebenen Freigesprochenen weitere Ausbildung zur selbstständigen Arbeitsfähigkeit angedeihen.

Fazit: Die Firmen merken jetzt, heißt es aus der Kreishandwerkerschaft, „dass sie keinen Zugriff mehr auf Personen haben“. Die, die da sind, sind kaum ausbildungsfähig. Der Azubi- und Fachkräftemangel ist akut, die Wirtschaftsmacht gefährdet.

Das Handwerk geht in die Duale kommunale Ausbildungsoffensive, betreibt Imagewerbung und muss zuschauen, wie eine der wesentlichen Arbeitsgrundlagen verschwindet. Während dessen übernehmen Chefs Erziehungsaufgaben und Vaterrollen, um jungen Leuten Selbstvertrauen, Selbstbestimmtheit und Selbstständigkeit auch im Lernen beizubringen.

Vor dem Hintergrund diskutierten die Landräte Diepholz und Nienburg mit der Arbeitsagentur, Volkshochschule und Kreishandwerkerschaft über Wege, Flüchtlinge stärker in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu binden. Während das Handwerk Flüchtlinge und Ausländer integrieren und zum Bestandteil der Ausbildung aller jungen Menschen heranziehen möchte, will die Verwaltung abwarten, wie sich auf Bundesebene das Abschiebeszenario zum Balkan entwickelt und darauf, dass das Land Rahmenbedingungen schafft.

Das Handwerk wäre gut beraten, seine Macht politisch laut einzubringen. Dazu gehören die Forderung nach unkonventioneller Heranbildung von Flüchtlingen und die Erklärung, dass das Handwerk wie die IHK von der Kreispolitik große und schlagkräftige Ganztagsschulen erwartet. Das darf aus politischer Rücksichtnahme nicht im Vorstand bleiben.

Zum Artikel

Erstellt:
24. Juli 2015, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 07sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.