16.03.2014

Für Deutschland – gegen die Eltern

Die HamS im Gespräch mit Karim Iraki über die aktuelle Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft

Von Edda Hagebölling

Nienburg. Er trägt seinen deutschen Pass mit Würde bei sich. Doch warum sich Deutschland so schwer tut mit der doppelten Staatsbürgerschaft, kann er nicht so recht verstehen. Als der Langendammer Karim Iraki 1991 seine Einbürgerungsurkunde und damit auch den deutschen Pass erhielt, war er glücklich. Endlich gehörte er dazu. Allerdings war er damals auch nicht dem Konflikt ausgesetzt, nur den deutschen Pass bekommen zu können, wenn er den seines Heimatlandes abgeben würde. Als palästinensischer Flüchtling hatte er offiziell gar keine Heimat mehr. Diesem Konflikt ausgesetzt sind jedoch auch im Landkreis immer wieder zahlreiche überwiegend türkischstämmige junge Menschen. Sie werden von den Behörden im Alter von 18 Jahren aufgefordert, sich bis zu ihrem 23. Geburtstag zu entscheiden, ob sie künftig als Türke oder als Deutscher im Landkreis Nienburg weiterleben wollen.

Aus seinen Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Nationlitäten weiß Iraki, dass viele junge Leute durch den Druck, sich entscheiden zu müssen, in einen enormen Konflikt geraten. Wer hier geboren und aufgewachsen ist, fühlt sich als Deutscher. Er würde sich möglicherweise sogar gerne bei der Polizei oder bei der Bundeswehr bewerben, müsste dafür aber einen hohen Preis zahlen. Sich mit dem „Ja“ zum deutschen Pass gleichzeitig gegen die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern zu entscheiden, kommt für viele einem Verrat gleich.

Experten haben längst darauf hingewiesen, dass doppelte Staatsbürgerschaften in Deutschland mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme sind. 4,5 Millionen Menschen seien in diesem Land bereits im Besitz von zwei Pässen.

In Berlin wird zurzeit darüber gestritten, ob die bestehende Bestimmung dahingehend gelockert werden kann, dass zumindest in Deutschland geborene Kinder mit ausländischen Wurzeln von dem Druck entbunden werden, sich für die deutsche und damit gegen die Staatsbürgerschaft ihrer Eltern entscheiden zu müssen. Unter der Bedingung, dass sie nachweisen können, die ganze Zeit hindurch auch in Deutschland gelebt zu haben. „Bürokratisch kaum zu leisten,“ kristisieren die Gegner. Sie fordern die deutsche Staatsangehörigkeit für alle in Deutschland geborenen jungen Leute. Von dem Druck, sich bis zum 23. Lebensjahr entscheiden zu müssen, sind überdurchschnittlich viele Jugendliche mit türkischen Wurzeln betroffen, weil die Türkei nicht zur EU gehört. Ausnahmen fordern Experten aber auch für Kinder, deren Eltern Staatsbürger eines Landes sind, das seine Bürger nicht aus der Staatsangehörigkeit entlässt. Oder für Flüchtlingskinder.

Zum Artikel

Erstellt:
16. März 2014, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 14sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.