Fritz Bormann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Nienburger Spargel“, im heimischen Wohnzimmer mit Blick auf den Weserradweg. Foto: Hagebölling

Fritz Bormann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Nienburger Spargel“, im heimischen Wohnzimmer mit Blick auf den Weserradweg. Foto: Hagebölling

Rohrsen 19.04.2020 Von Edda Hagebölling

„Für die Kunden ist alles wie immer“

Fritz Bormann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Nienburger Spargel“, über die Ernte trotz geschlossener Restaurants und mit Saisonarbeitskräften, die per Flugzeug kommen

Das einzige, was Fritz Bormann bisher von der Verwaltung des Landkreises gehört hat, war die Frage, wie er denn die Einhaltung der Hygienebestimmungen für seine Saisonarbeitskräfte in Zeiten von Corona sicherstelle. Man berief sich auf Unterlagen aus dem Jahr 2003.

Fritz Bormann ist als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Nienburger Spargel seit vielen, vielen Jahren unermüdlich unterwegs, um den Namen Nienburgs und eines seiner erlesensten Produkte in die Welt zu tragen. 2003 hatten Bormanns beim Landkreis den Bau eines Duschcontainers für die Spargelstecherinnen und Spargelstecher beantragt. Dumm nur: Bei Bormanns wird heute gar kein Spargel mehr angebaut.

Nachdem Fritz und Elke Bormann ihren Betrieb im vergangenen Jahr altersbedingt an ihren Sohn abgegeben hatten, hatte der wegen der Bürokratie im allgemeinen, aber auch wegen der Auflagen rund um Corona, entschieden: Mit dem Spargel ist Schluss.

„Man behandelt uns Kleine wie Großbetriebe, doch im Gegensatz zu den Großen, die extra Leute fürs Büro beschäftigen, müssen wir normalen Spargelanbauern das nach Feierabend erledigen. Das passt alles nicht mehr“, meinte Fritz Bormann Mitte der Woche im Gespräch mit der HARKE am Sonntag.

Dass der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft keinen Spargel mehr anbaut, heißt jedoch keinesfalls, dass der nicht mehr im Thema ist. Eher im Gegenteil. Der Landwirt im Ruhestand hat jetzt viel mehr Zeit, sich um die Belange der anderen Spargelanbauer zu kümmern. Das Telefon klingelt bei ihm nach wie vor mehrmals am Tag.

Gerade hatte er „Schüssel-Schorse“ an den Spargelbetrieb Backhaus in Landesbergen vermittelt. Der kultige Mitarbeiter des NDR wird darüber berichten, welch positive Erfahrungen Familie Backhaus mit einem Spargelstecher aus Syrien macht. Bei Fritz Bormann rufen aber auch Leute an, die gerne dabei helfen wollen, die Ernte des Edelgemüses in Zeiten von Corona sicherzustellen.

Der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft hat aber ebenso gut den Anruf eines Spargelanbauers aus dem benachbarten Haßbergen im Ohr, der jetzt schon zum dritten Mal eine Gruppe von Laien in die Kunst des Spargelstechens eingearbeitet hat. Auch erinnert er sich noch gut an die Kampagne aus dem Jahr 2006. Seinerzeit hatte die Politik beschlossen, das arbeitslos Gemeldete zum Spargelstechen verpflichtet werden sollen. „Kaum einer hat mehr als einen Tag durchgehalten, nicht wenige haben das Spargelgeschirr mitten im Feld zurückgelassen und sind einfach von dannen gezogen. Spargelstechen ist nichts, was man mal eben so macht“, so Fritz Bormann.

Zehn bis zwölf Saisonarbeitskräfte sind jedes Jahr zu Bormanns gekommen. Zum Stechen, zum Sortieren und zum Schälen der Stangen, die auf acht Hektar geerntet wurden. Familienanschluss inklusive. Die Saisonarbeitskräfte, die jetzt im Landkreis arbeiten, kommen zum allergrößten Teil aus Rumänien. Sie wurden, wie auch überregional berichtet, per Flugzeug eingeflogen. Für 265 Euro pro Person. „Dafür, dass das möglich wurde, können wir uns bei Julia Klöckner und bei Barbara Otte-Kinast bedanken. So können wenigstens erst einmal die ersten Engpässe abgefedert werden“, so Bormann.

Denn noch sind längst nicht alle Spargelfelder aufgepflügt. 100 Hektar Spargel werden insgesamt im Landkreis Nienburg angebaut. Weil nach wie vor unklar ist, wie sich die Spargelsaison 2020 entwickelt, liegt vielfach der vor fünf, sechs Jahren angepflanzte Spargel noch brach. Das kann sich jedoch schnell ändern, wenn zum Beispiel die Gastronomie wieder öffnen darf und die Menschen wieder essen gehen.

Gekniffen sind momentan die Spargelanbauer, die bisher Gaststätten und Hotels zu ihren Hauptabnehmern zählten. Anders dagegen diejenigen, die die Wochen- und Lebensmittelmärkte beliefern. Sie können sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. Sehr gut nachgefragt sind auch die Direktvermarkter.

„Für die Kundinnen und Kunden ist im Grunde alles wie immer. Sie bekommen überhaupt nicht mit, unter welch erschwerten Bedingungen der Spargel besonders in diesem Jahr geerntet wird“, so der Spargelexperte. Dass das Edelgemüse momentan noch etwas teurer ist als sonst, möchte Bormann nicht ausschließen. „Wie viel das Kilo kostet, regeln wie immer Angebot und Nachfrage“, ist er überzeugt.

Nach wie vor nicht anfreunden kann sich Fritz Bormann, der zusammen mit seiner Frau Elke insgesamt 46 Jahre lang Spargel angebaut hat, dass es Berufskollegen gibt, die alles daransetzen, den Spargel im Landkreis Nienburg so früh wie möglich auf den Markt zu bringen.

„Die Spargelanbieter aus Peru warten doch nur darauf, dass in Deutschland die Runde macht: Der erste Spargel ist da. In diesem Jahr war es Anfang März so weit. Uns regionalen Spargelbauern gehen damit die ersten ein, zwei Mahlzeiten verloren. Spargel muss etwas besonderes bleiben“, so Fritz Bormann, erst recht der echte „Nienburger Spargel“.

Das Spargelfest im Museumsgarten und den Spargellauf in Nienburgs Innenstadt wird es in diesem Jahr wegen Corona nicht geben. Und auch keine neue Spargelkönigin. „Zum Glück hat sich Leonie Ritz bereit erklärt, ihre Amtszeit um ein Jahr zu verlängern“, so der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft.

Mit „ihren“ Polen stehen Bormanns nach wie vor in gutem Kontakt. Sie seien zwar traurig, in diesem Jahr nicht nach Rohrsen kommen zu können, den extra für die Spargelernte in Deutschland beantragten Urlaub würden sie jedoch mittlerweile dafür verwenden, den Spargel zu stechen, der im eigenen Land angebaut wird.

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19. April 2020, 06:45 Uhr
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