Philipp Keßler DH

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Guten Tag 15.04.2019 Von Philipp Keßler

Fußballerische Brexit-Erfahrung

Ganz ehrlich: Ich hab allmählich nicht nur die Geduld, sondern auch die Übersicht verloren. Der „Brexit“ schleppt sich von Woche zu Woche wie ein 64-jähriger Bauarbeiter kurz vor seinem Ruhestand. Keine Ergebnisse, immer wieder wird im britischen Parlament abgestimmt und Premierministerin Theresa May kommt gefühlt alle drei Tage mit einem neuen Gesetzesentwurf für einen geregelten Austritt aus der europäischen Staatengemeinschaft. Und zur Abwechslung wird hin und wieder ein Misstrauensvotum gegen May gestellt. Klingt eigentlich eher nach einer Comedy-Soap auf Pro7. Der englische Fußballverband FA sieht den erneut verschobenen „Brexit“ als Chance für den einheimischen Nachwuchs. Bisher müssen in den 25er-Kadern der Premier-League-Klubs acht in England ausgebildete Spieler stehen. In Zukunft solle diese Zahl auf mindestens zwölf erhöht werden, schlägt Geschäftsführer Martin Glenn vor. Durchaus sinnvoll, denn schließlich könnten ausländische Spieler je nach Abkommen nach dem EU-Austritt nur noch dreijährige Arbeitsvisa bekommen. Nutznießer könnten die anderen europäischen Ligen sein. Theresa May hat klargemacht, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit außer Kraft gesetzt wird, wenn Großbritannien aus der EU ausscheidet. Für Fußballer würde das bedeuten: Wollen sie auch künftig in England gültige Arbeitsverträge unterschreiben, brauchen sie eine Aufenthaltserlaubnis. Und die ist an ziemlich strenge Auflagen geknüpft. Die massive Häufung von Spitzenspielern auf der Insel könnte also schnell vorbei sein.

Das fußballerische Pendant zum „No-Deal-Brexit“, bei dem Großbritannien ohne einen Vertrag aus der EU ausscheiden würde, erprobte das Vereinigte Königreich schon von 1884 bis 1984: Beim British-Home-Championship traten die vier Nationalmannschaften Nordirland, England, Schottland und Wales gegeneinander an. Warum wurde das Turnier eingestellt? England und Schottland teilten mit, nicht mehr mitmachen zu wollen und sich der UEFA anzuschließen. Es hatte aber auch ein „Geschmäckle“, denn in diesem Jahr belegten Nordirland und Wales die ersten beiden Plätze.

Ähnliches wiederholte sich: Die Engländer, allen voran der damalige Premier Gordon Brown, forderten 2006 die Neuauflage des Championship-Turnieres. Auch hier lag der Ideen-Ursprung in den schlechten sportlichen Leistungen – sowohl die Engländer, die Nordiren, die Waliser und auch die Schotten hatten sich nicht für die EM 2008 in Österreich und der Schweiz qualifiziert. Offensichtlich gehört es inzwischen zur Tradition, gelegentlich mal ein eigenes Ding durchziehen zu wollen.

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Erstellt:
15. April 2019, 07:13 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 09sec

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