Die Sitze in den Stadien der Fußball-Bundesliga sind seit einem Jahr fast durchgehend leer. Foto: AdobeStock

Die Sitze in den Stadien der Fußball-Bundesliga sind seit einem Jahr fast durchgehend leer. Foto: AdobeStock

Nienburg 15.03.2021 Von Philipp Keßler

Geisterjubiläum mit Folgen

Guten Tag – ein Kommentar

Knallende Sektkorken, goldene Girlanden, große Feiern – besondere Jubiläen verdienen einen gebührenden Rahmen. Es gibt allerdings auch Anlässe, an denen niemand vor Freude weint. So ein trauriges Jubiläum war beispielsweise der vergangene Donnerstag, an dem sich erstmals der Corona-Ausbruch im Kreis Nienburg jährte. Für den Amateursport an der Mittelweser war dieses Ereignis ein heftiger Einschnitt, der auch zwölf Monate später nicht überwunden ist.

Ebenfalls seit einem Jahr herrscht nicht nur auf den Sportplätzen zwischen Hassel und Lavelsloh, sondern auch in den großen Fußballtempeln der Nation Totenstille. Mit dem feinen Unterschied: In den Stadien wird gespielt. Die Amateure dürfen vom heimischen Sofa aus zuschauen – insofern sie denn bei einem der Anbieter ein bezahltes Abo haben und damit das Riesenrad Profifußball mitfinanzieren.

Während die Fußball-Profis der Pandemie zum Trotz munter weiterkickten, blieben die Ränge der modernen Arenen die meiste Zeit über leer. Geisterspiele sind das neue Normal geworden. Anfangs herrschte bei den TV-Zuschauern noch Euphorie: Plötzlich hörte man daheim, was die Spieler und Trainer über den Rasen bölkten. Wie spannend! Und wer doch Lust auf echte Fanatmosphäre hat, schaltet diese einfach per Knopfdruck hinzu – die Technik macht diesen gut funktionierenden Selbstbetrug möglich.

Die Abstinenz der Anhänger hat Folgen: Vor allem die Mannschaften, die oft von ihrem zwölften Mann auf den Rängen profitiert haben, leiden darunter. Ich nenne nur ein Beispiel: der FC Schalke 04. Stellen Sie sich vor, welch lautes Pfeifkonzert die Spieler der Königsblauen nach den etlichen desaströsen Auftritten hätten ertragen müssen. Jetzt müssen sie sich den Fans nicht stellen. Sie fahren einfach nach Hause, wie Otto-Normalbürger nach einem schlechten Arbeitstag.

Mir als leidenschaftlicher Stadiongänger fehlt vor allem all das, was auf der Couch zu Hause auf der Strecke bleibt: Inmitten anderer Anhänger auf den vollen Rängen eine Grätsche abfeiern, dabei einen Bierbecher in der Hand halten und gnadenlos mitfiebern. Oder eine Auswärtsfahrt antreten, mit Freunden durch die Republik gurken, um mit einer Pleite der eigenen Mannschaft im Gepäck frustriert wieder zurückzufahren. Immerhin muss man sich nicht mehr ärgern, dafür auch noch Eintritt und Sprit bezahlt zu haben.

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Erstellt:
15. März 2021, 06:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 07sec

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