Mit dem zweiten Stich sei der Thorax und damit ein hochvitaler Bereich getroffen worden.  Paul Hill/Fotolia

Mit dem zweiten Stich sei der Thorax und damit ein hochvitaler Bereich getroffen worden. Paul Hill/Fotolia

Münchehagen/Verden 15.11.2018 Von Wiebke Bruns

Gericht geht von Notwehr aus

Die 7. Große Strafkammer befasste sich mit einer Messerattacke in Münchehäger Unterkunft

Durch Notwehr gerechtfertigt waren die beiden Messerstiche, die im Mai 2018 ein 23 Jahre alter Angeklagter seinem zehn Jahre älteren Bruder in einer Unterkunft für rumänische Zeitarbeiter in Münchehagen zugefügt hatte. Die 7. Große Strafkammer des Landgerichts Verden hat den Rumänen vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung jetzt freigesprochen. Mit dem Urteilsspruch war der Untersuchungshäftling wieder ein freier Mann. Nachdem eine psychiatrische Sachverständige ihr Gutachten erstattet und im direkten Anschluss Erste Staatsanwältin Dr. Annette Marquardt und Verteidiger Torben Müller auf Freispruch plädiert hatten, war der Weg in die Freiheit geebnet. „Wir sind der sicheren Überzeugung, dass Sie für das, was Sie Ihrem Bruder angetan haben, strafrechtlich nicht zu belangen sind“, wandte sich der Vorsitzende Richter Markus Tittel direkt an den Angeklagten.

Deutlich machte der Vorsitzende dem 23-Jährigen aber zugleich, dass er seinem Bruder „Schreckliches angetan“ habe. „Sie haben ihn fast getötet“, so Tittel. Sofort eingeleitete Rettungsmaßnahmen und eine Notoperation hatten dem Opfer das Leben gerettet. Bei der Tat hatte der Angeklagte seinen 33 alten Bruder mit zwei Messerstichen potenziell lebensgefährlich verletzt. „Dem Opfer wurde einmal der Magen aufgeschlitzt“, benannte Marquardt die harten Fakten.

Mit dem zweiten Stich sei der Thorax und damit ein hochvitaler Bereich getroffen worden. Vorausgegangen war dem Ganzen ein Streit in der Unterkunft, die sich in einer ehemaligen Gastwirtschaft in Münchehagen befindet. Der Angeklagte war dort mit Freunden zu Besuch. Zunächst verlief alles ruhig, doch der später verletzte Bruder und ein weiterer Mann waren auf Streit aus, so Tittel. Nicht mit dem Angeklagten, sondern mit einem Zeugen.

Der Angeklagte und der Zeuge hatten den Raum daraufhin verlassen, doch die Streit suchenden Männer tauchten wieder auf. Nachdem der Zeuge einen Faustschlag ins Gesicht bekommen hatte, stellte der Angeklagte seinen Bruder zur Rede.

„Der Angeklagte wurde gepackt und mit dem Kopf nach unten gedrückt“, schilderte der Vorsitzende. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme wurde ihm die Jacke, in deren Taschen er gerade seine Hände hatte, über den Kopf gezogen. Der Bruder ließ nicht von ihm ab. Zu berücksichtigen war bei der Bewertung des weiteren Tatgeschehens, dass der Angeklagte in der Vergangenheit von seinem Bruder auf unfassbare Weise misshandelt und gedemütigt worden sei.

„Mit den Stichen wollte er erreichen, dass sein Bruder von ihm abließ“, erklärte der Vorsitzende. In dieser Situation war es nicht erforderlich, den Einsatz des Messers, dass er in der Jackentasche greifbar hatte, anzukündigen. Die Stiche waren durch Notwehr gerechtfertigt.

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Erstellt:
15. November 2018, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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