Stefan Reckleben

Stefan Reckleben

02.10.2015 Von Stefan Reckleben

Gewinn und ferner Zauber

Am Abend des Mauerfalls sind es die Kindheitsbilder des Wessis, die jedes Wort ersticken. Ebenso Erinnerungen, als der Dampfzug von Schierke zum Brocken hinauffaucht. Auch, als mit dem letzten Notarvertrag das arrondierte Rittergut just hinterm ehemaligen Todesstreifen im Schoß der dankbaren Familie zu altem, neuen Leben erwacht. Da erfüllt sich Schicksal.

In den 1950er Jahren spielen Kinder aus Bad Harzburg an der Demarkationslinie aus Stacheldraht und Minenstreifen–der Albtraum jeder Mutter. Da grüßen die Grenzer noch. Ganz verstohlen.

Über allen Abenteuern in der Stadt und auf dem Torfhaus thront der Brocken. Da darf niemand hin. Da sind die Russen, die horchen und schießen: Das Verbotene, Unbekannte und Unheimliche prägt und verleiht der kindlichen Phantasie Flügel.

Als mit dem Mauerbau Park und Herrenhaus des Ritterguts fallen, sehen die Kinder das erste Mal ihren Vater weinen. Auf der Westseite des Zauns bricht ihm das Herz. Es bleiben Gemälde mit dem beständigen und tröstenden Brocken darüber.

In Schierke ruckt 1993 der Dampfzug an und schraubt sich an den Bergflanken hinan. Der Wurmberg wandert mit der alten Sprungschanze vorüber. „Komm da runter“, hatte der Vater den Hans-Dampf-in-allen-Gassen gebremst, dessen Erinnerung zwischen Gleisen und Dampf schlummert. Sie wartet, hier und da geweckt zu werden.

Die Grenze ist längst geschliffen. Die Heimat liegt in der Samtgemeinde Uchte. Und in all den Jahren hat der Brocken seinen Zauber nie verloren.

Zum Artikel

Erstellt:
2. Oktober 2015, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 1min 43sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.