Forever Punk: Nina Hagen feiert Geburtstag. Foto: Steffen Kugler/dpa

Forever Punk: Nina Hagen feiert Geburtstag. Foto: Steffen Kugler/dpa

Berlin 10.03.2020 Von Deutsche Presse-Agentur

„Godmother of Punk“ - Nina Hagen wird 65

Die Szene ist vergleichsweise harmlos - aus heutiger Sicht. Nina Hagen katapultiert sich damit allerdings 1979 aus ihrer Welt der Punk-Bühnen direkt ins Wohnzimmer schockierter Spießbürger.

„Frauenorgasmen sind so wichtig“, sagt die damals 23-Jährige in der TV-Sendung „Club 2“, und dann zeigt sie es allen ganz genau: „Frauen müssen sich anfassen! Nämlich da!“ Hagens Zeigefinger liegt auf ihrer Klitoris. Es folgen noch Hinweise zu hilfreichen Stellungen bei der Selbstbefriedigung. Dass die Sängerin dabei eine Hose trägt, tut dem folgenden Skandal keinen Abbruch. Ihr Leben wird unberechenbar bleiben. Am Mittwoch (11.3.) wird die „Godmother of Punk“ 65 Jahre alt.

Ein Jahr vor ihrem legendären TV-Auftritt löst Hagen bereits in der Musikwelt ein ähnliches Beben aus. Mit „Einen recht schönen guten Abend, meine Damen und Herren“ grüßt ihre Stimme auf dem ersten Album der „Nina Hagen Band“ so freundlich-verbindlich wie die damals noch allabendlichen Fernsehansagerinnen. Anschließend haut der Song „TV-Glotzer“ der Fernsehidylle mit rotzfrechen Punktönen die Fernbedienung um die Ohren. Die deutsche Version von „White Punks On Dope“ der US-Glitterpunkband The Tubes wird Hagens Hymne werden.

Das erste Album der Nina Hagen Band ist Musikgeschichte. Songs wie „Auf'm Bahnhof Zoo“, „Rangehn“ oder „Unbeschreiblich weiblich“ bekennen sich offensiv zu sexueller weiblicher Selbstbestimmung. Hagen legte damit einen Grundstein für New Wave in Deutschland, was dann als Neue Deutsche Welle zunehmend Pop-Charakter annahm.

Zu dem Zeitpunkt hat Nina Hagen ihre erste musikalische Karriere bereits hinter sich. Die in Ost-Berlin geborene Tochter der schon in der DDR gefeierten Brecht-Akteurin Eva-Maria Hagen will auch Schauspielerin werden. Allerdings ist Mutter Hagen zu dem Zeitpunkt mit Regimekritiker und Ziehvater Wolf Biermann liiert. Das macht die Tochter aus Stasi-Sicht politisch unzuverlässig. Nina Hagen wird Schlagersängerin, produziert Ohrwürmer wie „Du hast den Farbfilm vergessen“. Nach der Ausbürgerung Biermanns versucht sie, so schnell wie möglich in den Westen zu gelangen.

Dass sie für knallharte Konflikte keine diktatorische Staatsmacht braucht, zeigt Hagen gleich im Streit mit ihrer ersten Band. Das zweite Album mit dem vielsagenden Titel „Unbehagen“ wird bereits separat von Musikern und Sängerin eingespielt, anschließend trennen sich die Wege. Wie gut diese erste Band ist, zeigt sich auch am Erfolg, den die Musiker um Herwig Mitteregger anschließend als Spliff mit Hits wie „Carbonara“ oder „Déjà vu“ haben. Hagen antwortete auf ihre Art. Die nächste Band heißt The No Problem Orchestra.

Hagens Stil mag schrill erscheinen, vor allem ist er radikal. Sie setzt sich scheinbar keine Grenzen und probiert Dinge aus. Ihr Spiel zwischen Kunstfigur und Realität erinnert an David Bowie. Oft dramatisch stark geschminkt mit auffälligsten Outfits. Auch wenn sie der dpa vor einiger Zeit versicherte, „es ist ja nicht so, dass ich jedesmal in den Farbeimer gefallen bin, wenn ich auf der Bühne stehe!“

Ihre Stimme spannt sich nicht nur oktavenweit zwischen furchterregenden Tiefen und anstrengenden Höhen mit Koloraturkompetenz. Sie nutzt alles, was irgendwie die Bezeichnung Ton rechtfertigt. Da gluckst es, reibt, röhrt, kratzt, gackert, hechelt, überschlägt sich.

Ihr Leben in verschiedenen Ländern bringt zahlreiche Partner und Projekte mit sich. Musikalisch ist sie sehr produktiv, nimmt enorm viele Alben auf, variiert ihre Songs.

Zum Geburtstag wirft sie einen Blick zurück, es kommt das Album „Was denn...?“ mit Liedern aus der Zeit des DDR-Labels Amiga raus. Kooperationen mit zahlreichen bekannten Musikern markieren Hagens Laufbahn. Sie singt Brecht genauso wie Oper, mixt Punk und Pop, greift Gospel auf, fällt in den Schlager zurück, spielt „Eisern Union“ für den Fußballclub 1. FC Union Berlin ein.

Fernsehauftritte bergen stets Aufregungspotenzial. Hagen wird nicht berechenbar. Auch dem Film bleibt sie treu, schon zu DDR-Zeiten war sie in vielen Produktionen zu sehen. Das reißt bis heute nicht ab. „Es gibt halt Regisseure, die Frauen in fortgeschrittenem Alter sehr schön finden.“ Gleichzeitig engagiert sie sich in sozialen Projekten. „Wir sollten uns dafür einsetzen, dass der Raubtierkapitalismus heute nicht überall das Sagen hat.“

Auch Übersinnliches begleitet sie über die Jahrzehnte. Ashram in Indien, Eingebungen, Sichtung eines UFOs. Ihre Tochter nennt sie anschließend Cosma Shiva. Die ist inzwischen als Schauspielerin ebenfalls erfolgreich, was die Hagens zur Künstlerinnen-Dynastie macht.

Sie habe „versucht, auch andere Religionen zu verstehen“, sagt Nina Hagen einmal. Später lässt sie sich taufen, schreibt dem Papst (ohne Antwort), redet viel über die Bibel. Sie spricht auch von einer „wunderbaren Offenbarung“, als sie sich von Gott höchstselbst aus einem LSD-Trip gerettet sieht, aus „einem Höllenbereich“. Hagen fühlt sich stets in Begleitung: „Ich und Jesus, wir kommen im Doppelpack.“

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Biografie

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Nina Hagen zu Selbstbefriedigung

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Erstellt:
10. März 2020, 12:10 Uhr
Lesedauer:
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