Ruhig und majestätisch thront das Grafenschloss Hoya über der Weser am östlichen Ufer. Fotos: Lüers-Grulke

Ruhig und majestätisch thront das Grafenschloss Hoya über der Weser am östlichen Ufer. Fotos: Lüers-Grulke

Hoya 08.10.2021 Von Sabine Lüers-Grulke

Grafenschloss Hoya: Die erste steinerne Burg an der Mittelweser

HARKE-Serie „Historischer Freitag“: Das Shloss hat über 800 Jahre Geschichte erlebt / Umbau schreitet voran und soll Ende 2023 fertig sein

Seit geraumer Zeit tut sich was am Grafenschloss Hoya. Nachdem das Gebäudeensemble viele Jahre vor sich hin träumte, nur gelegentlich mal eine Open-Air-Kulturveranstaltung im Innenhof stattfand, wird das historische Baudenkmal nun aufwendig restauriert. Ende 2023 soll es fertig sein und dann unter anderem touristischen und kulturellen Zwecken dienen. Heute steht es im Mittelpunkt der HARKE-Jubiläumsserie „Historischer Freitag“.

Um 1213 entstand auf der östlichen Weserseite die Stammburg der Grafen von Hoya als Wasserburg. Sie war die erste steinerne Burg an der Mittelweser. Als Residenz der Niedergrafschaft hatte sie im Mittelalter eine bedeutende Rolle zwischen den Bistümern Bremen und Minden inne. Oft belagert und zerstört, aber immer wieder aufgebaut, stammen die Hauptteile der dreiflügeligen Anlage aus dem 19. Jahrhundert. Nur der Ost- und Westflügel sind im Kern mittelalterlich.

Das Grafenschloss Hoya, als es noch das Amtsgericht beherbergte. Das Foto entstand im Jahr 1991. Foto: HARKE-Archiv

Das Grafenschloss Hoya, als es noch das Amtsgericht beherbergte. Das Foto entstand im Jahr 1991. Foto: HARKE-Archiv

Seit 2014 ist es im Besitz der Stadt Hoya. Das ehemalige Schloss wurde 2013 – genauer: 431 Jahre nach dem Tod des letzten Grafen – für 224.000 Euro von der Stadt Hoya vom Land Niedersachsen gekauft. Diese Entscheidung war durchaus umstritten; der Rat der Stadt Hoya stimmte dafür mit neun gegen sechs Stimmen.

Bis zum November 2010 hatte im Schloss noch das kleinste Amtsgericht Niedersachsens residiert: 15 Jahre lang hatte da allerdings schon das Damoklesschwert der Schließung über dem Amtsgericht Hoya geschwebt. 1997 war das „Aus“ noch einmal abgewendet worden; schlussendlich erfolgte jedoch die Zusammenlegung mit Nienburg.

Geschichte der Grafschaft Hoya

Das Geschlecht der Grafen von Hoya geht vermutlich auf die Grafen von Stumpenhausen zurück. Deren ehemalige Burg in Wietzen ist nicht erhalten. Mit der Gründung der Grafschaft Hoya um 1200 verknüpfte sich die Geschichte der Stadt mit derer der Grafen von Hoya und ihrer Burg. An diese Zeit erinnern als Erzählung die Zwergensage von Hoya, der ein Brunnen an der Grundschule in Hoya gewidmet ist, ebenso wie die 900 Jahre alte Pfarrkirche St. Martini, die als Kulturzentrum genutzt wird, und eben das ehemalige Grafenschloss.

Die Sagen und Überlieferungen, die mit der Gründung Hoyas verknüpft werden, schreiben der Weser eine besondere Rolle zu. Die Weser war Nahrungsquelle und Verkehrsweg. Die 1362 erstmals erwähnte Brücke stellte lange Zeit die einzige Verbindung zwischen Bremen und Verden im Norden und Nienburg im Süden dar. Hoya wuchs auf beiden Weserufern vermutlich schon vor dem 12. Jahrhundert heran.

So könnte das Grafenschloss Hoya im 17. Jahrhundert ausgesehen haben: ein Modell aus dem Heimatmuseum.

So könnte das Grafenschloss Hoya im 17. Jahrhundert ausgesehen haben: ein Modell aus dem Heimatmuseum.

Eine damals noch vorhandene Weserinsel war idealer Standort für die Burg der Grafen. Im Bürgerpark kann man mit etwas Fantasie noch die Senke erkennen, in der der alte Weserarm verlief. Diese Burg lag genau am Weg, den die Bremer Bischöfe zum Stift Bücken nehmen mussten. Für dessen Gründung als Missionszentrum ist bereits das Jahr 882 überliefert; Bücken war ein Zufluchtsort für die Kirchenherren der Hansestadt.

Bereits zu Beginn seiner Herrschaft um 1200 ließ Graf Heinrich I. von Hoya eine hölzerne Befestigung bauen: dort, wo heute ein Einkaufszentrum liegt. Es war die Zeit des Thronstreits zwischen Welfen und Staufern. Die Kämpfe um die Kaiserkrone tobten vom Mittelmeer bis zur Nordsee, und auch die eben errichtete Burg in Hoya fiel ihnen zum Opfer. Nach zwei Misserfolgen baute Graf Heinrich auf dem Weserwerder wieder eine Bur – wie vorher, nur von Palisaden umgeben, aber durch ihre Lage zwischen dem Weserstrom und einem Altwasser, der „kleinen“ oder „alten Weser“, auf zwei Seiten geschützt.

Im Heimatmuseum Hoya ist eine der schweren hölzernen Kerkertüren aus dem Grafenschloss ausgestellt.

Im Heimatmuseum Hoya ist eine der schweren hölzernen Kerkertüren aus dem Grafenschloss ausgestellt.

Die Stärke dieser Burg wurde bald auf die Probe gestellt. 1208 und von 1212 bis 1217 unternahmen die Stedinger Bauern, die an der Unterweser lebten, verheerende Kriegszüge in die Umgebung. 1213 bedrohten sie auch Hoya, wurden jedoch vernichtend geschlagen. Viele von ihnen wurden gefangen genommen und nur gegen hohe Lösegelder freigegeben. Das Lösegeld verwendete Graf Heinrich I. für den Bau einer steinernen Burg, der ersten ihrer Art an der Mittelweser.

In den folgenden Jahrzehnten weiteten die Hoyaer Grafen ihr Territorium aus. Unter Graf Gerhard II. (1265-1312) erlebte der Hoyaer Hof eine kulturelle Blütezeit. Otto VII. war der letzte Graf, der in Hoya residierte. Mit seinem Neffen, Jobst I., übernahm die Nienburger Linie die wieder vereinte Grafschaft. Als mit Graf Otto VIII. 1582 die männliche Linie der Grafen ausstarb, blieben in der alten Grafenburg Verwalter, Drosten und Amtmänner, die die herrschaftlichen Geschäfte führten: Aus der Hofhaltung wurde Administration.

Blick aus dem rechten Flügel des Hoyaer Schlosses, dem früheren Amtsgericht, zum ehemaligen Grundbuchamt. Archiv-Foto: Lüers-Grulke

Blick aus dem rechten Flügel des Hoyaer Schlosses, dem früheren Amtsgericht, zum ehemaligen Grundbuchamt. Archiv-Foto: Lüers-Grulke

Katastrophenjahre brachen für das Grafenschloss an, als zu Beginn des 17. Jahrhunderts europäische Konflikte eskalierten und im Dreißigjährigen Krieg mündeten. In Hoya begannen die Kämpfe 1622, vier Jahre nach dem Prager Fenstersturz. Pest und Hochwasser sorgten 1624 dafür, dass die Kriegsparteien sich zurückzogen – eine Atempause für den Ort. Dann, Ende 1624, griff König Christian IV. von Dänemark in den Krieg ein.

Hoya wurde mehrfach belagert und beschossen. Hauptquartier der jeweiligen Sieger war stets das Grafenschloss. Im Herbst und Frühwinter 1626 sollen die Kämpfe am schlimmsten gewesen sein, so schreibt es Elfriede Hornecker in ihrem Buch. Im Oktober vertrieben Tillys Truppen die Dänen, im November griff König Christian das Schloss aus Richtung der Kirchstraße an. Fünf Tage lag es unter schwerem Beschuss, bis schließlich die Mauer neben dem Turm brach.

Versuche, die Burg zu zerstören, waren im Mittelalter noch an der guten Schutzanlage auf der Insel in der Weser gescheitert. Erst der Dreißigjährige Krieg mit seiner veränderten Waffentechnik hatte nun gezeigt, dass neue Befestigungsbauten zum Schutze Hoyas notwendig wurden. Hoya hatte nach dieser Zeit allerdings keine so große Bedeutung mehr, sodass eine Investition in teure Verteidigungsanlagen nicht mehr lohnte. Der kleine Weserarm wurde deshalb am Ende des 17. Jahrhunderts zugeschüttet.

Ein Modell von Hoya aus dem Jahr 1845, als ein Eindeichungsprojekt geplant war.

Ein Modell von Hoya aus dem Jahr 1845, als ein Eindeichungsprojekt geplant war.

Hoya fungierte nun als Amtssitz und wurde später Sitz des Landkreises Hoya. Der Flecken Hoya/Weser erhielt 1929 die Stadtrechte. 1932 wurde der Kreissitz nach Syke verlegt; 1974 bildete sich die Samtgemeinde, der neben der Stadt Hoya als Sitz der Samtgemeinde die Mitgliedsgemeinden Flecken Bücken und die Gemeinden Hilgermissen, Hoyerhagen, Schweringen und Warpe angehörten. Im Rahmen der Kreisreform 1977 gliederte man die Samtgemeinde dem Landkreis Nienburg an. Um die Beziehung zu der ehemaligen Grafschaft wieder aufleben zu lassen, benannte sich die Samtgemeinde ab 1979 in „Samtgemeinde Grafschaft Hoya“ um und verwendet seitdem in ihrem Wappen das ehemalige Grafenwappen, die Bärentatze.

Zum 1. Januar 2011 schloss sich die Samtgemeinde Grafschaft Hoya mit der Samtgemeinde Eystrup zusammen. Die neue Verwaltungseinheit heißt weiterhin Samtgemeinde Grafschaft Hoya. Zu ihr gehören jetzt die Mitgliedsgemeinden Flecken Bücken, Eystrup, Gandesbergen, Hämelhausen, Hassel, Hilgermissen, Stadt Hoya, Hoyerhagen, Schweringen und Warpe.

Die Lage an der Weser

Für Hoya war die Lage an der Weser von größter Bedeutung. Erstmals wird im 11. Jahrhundert eine neben der Weser gelegene Kaufmannssiedlung erwähnt. Die Grafen von Hoya hatten ein stattliches Territorium aufgebaut, und die Hoyaer Burg sicherte den einzig möglichen Weserübergang zwischen Sebbenhausen und Verden. Nach Aussterben der Hoyaer Grafen fiel die ganze Grafschaft 1582 an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Nach der Zerstörung Hoyas im Dreißigjährigen Krieg blühte der Flecken erst im 18. Jahrhundert wieder merklich auf, Handel und Gewerbe florierten. Nachdem im Jahr 1885 Hoya Kreisort und Sitz des Landrats geworden war, wurde Hoya zum bedeutendsten Viehumschlagplatz in Nordwestdeutschland.

Der Eingang zum Schlosshof, aufgenommen 1977. Foto: HARKE-Archiv

Der Eingang zum Schlosshof, aufgenommen 1977. Foto: HARKE-Archiv

Als aber 1932 der Kreissitz des neuen „Landkreises Grafschaft Hoya“ nach Syke verlegt wurde, war dies ein großer Einbruch für Hoya. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte durch Industrieansiedlungen der wirtschaftliche Niedergang gestoppt werden.

Die Sage von den Zwergen

Es gibt eine Sage über die Zwerge im Schloss zu Hoya, aufgeschrieben 17 Jahre nach dem Untergang der Herrscherdynastie, von Hermann Hamelmann 1599 in der Oldenburger Chronik:

„Eines Nachts erschien beim Grafen von Hoya ein kleines Männlein. Der Graf erschrak, aber das Männlein meinte, der Graf solle sich doch nicht fürchten und seine Bitte ruhig anhören. Weiter sagte der Kleine: ‚In der nächsten Nacht möchten meine Gesellen und ich in deinem Schlosse ein Fest feiern. Keiner soll davon wissen, als du allein. Es wird auch niemandem im Schlosse ein Leid geschehen, und wir Zwerge werden dir und deinem Geschlecht allzeit dankbar sein.‘

Der Graf, der wohl wusste, dass man sich mit dem Zwergenvolk gut stellen muss, war einverstanden. Da kamen in der nächsten Nacht viele Zwerge über die Brücke in das Schloss, brieten und buken in der Küche, und im Saal wurde getanzt und gefeiert. Am nächsten Morgen suchte das kleine Männlein den Grafen wieder auf und bedankte sich herzlich. Dann überreichte es dem Grafen seine Geschenke, nämlich ein Schwert, ein Salamanderlaken und einen Ring mit einem roten Stein, in den ein Löwe geschnitten war. Dabei sprach das Männlein: ‚Den goldenen Ring, das Salamanderlaken und das Schwert sollst du gut verwahren und deine Nachkommen auch, denn solange diese drei beieinanderbleiben, wird es um die Grafschaft wohl stehen. Geht aber eins davon verloren, werden Unglück und Zwietracht über das gräfliche Haus kommen.‘

Lange Jahre verwahrten die Grafen die Geschenke des Zwerges mit Sorgfalt und hielten sie in Ehren. Wenn aber ein Graf von Hoya im Sterben lag, wurde kurz vorher der rote Löwe in dem Ring ganz blass.

Damals, als Graf Jobst und seine Brüder die Grafschaft gemeinsam regierten, gingen Schwert und Salamanderlaken verloren. Da wurden die Brüder uneins, und es gab Krieg und Blutvergießen in der Grafschaft. Dem letzten Grafen von Hoya, Otto VIII., gab man den Ring der Zwerge mit ins Grab.“

Manche meinen daher auch, die Fahne der Grafschaft habe das Schwarz und Gelb von dem Salamanderlaken – das möglicherweise ein Tarnumhang gewesen sein soll.

Zwischen den Kriegen

Im Siebenjährigen Krieg hatten Preußen und England/Hannover den österreichischen, französischen, russischen und schwedischen Truppen gegenüber gestanden. Im Juli 1757 war ein großer Teil Hannovers – und damit auch die alte Grafschaft Hoya – von Frankreich besetzt. Herzog Ferdinand von Braunschweig übernahm den Oberbefehl über das englisch-hannoversche Restheer und eroberte am 22. Februar 1758 Hoya zurück.

Das Schloss war stark beschädigt, die Fachwerkaufbauten ausgebrannt. In der Folge wurden Turm und Bastionen abgerissen und ein Gebäude im Süden des Komplexes neu errichtet.

Den letzten Beschuss überstand das Schloss Ende des Zweiten Weltkriegs, im April 1945, als sich deutsche Truppen auf dem Rückzug dort verschanzten. Sie konnten den Engländern, die bereits auf dem linken Weserufer standen, aber nicht standhalten.

Von 1852 bis 2010 befand sich im Hoyaer Schloss das Amtsgericht und im selben Komplex das Gefängnis. Prominentester Häftling war der Bremer Pastor Rudolph Dulon, ein radikaler Demokrat, den der Hoyaer Amtmann im Oktober 1851 während einer Bahnfahrt in Eystrup verhaften und im Schloss einsperren ließ.

1982 wurde das Amtsgericht Hoya im Zuge einer Kommunalreform dem Amtsgericht Nienburg zugeordnet.

Zuletzt waren hier ohnehin nur noch Landwirtschafts- und Vollstreckungssachen sowie Ordnungswidrigkeiten verhandelt worden. Wiederholte Kosten-Nutzen-Analysen des Finanzministeriums in den folgenden Jahren führten zur Schließung zum 31. Dezember 2010.

Die neue Nutzung

Das Gebäudeensemble mit seiner Nutzfläche von rund 1600 Quadratmetern ist heute das wichtigste Kulturdenkmal der Stadt. In 2014 wurde eine bauhistorische, restauratorische und schadenstechnische Untersuchung erstellt. 2015 erfolgte die Erarbeitung eines Nutzungskonzepts. Ideen und Impulsgeber waren die Stadt Hoya, die lokalen Unternehmen sowie die Bürger der Samtgemeinde Grafschaft Hoya. Das Nutzungskonzept wurde vom Rat der Stadt Hoya vor fünf Jahren einstimmig verabschiedet.

Das Projekt gliedert sich in vier Bausteine: Die Gebäude werden instand gesetzt, restauriert, modernisiert und können neu genutzt werden. Das Gebäude mit direktem Blick auf den Fluss, der sogenannte Weser-Flügel, soll im Obergeschoss als Restaurant genutzt werden. Auch die Weserterrasse vor dem mittleren Flügel soll der Gastronomie dienen. Im Untergeschoss sollen die Küche und die technischen Einrichtungen sowie ein Ausstellungsbereich vor den zwei historischen Kerkern entstehen.

Das zweite, mittlere Gebäude soll als Tourist-Information und als Standesamt mit repräsentativem Trauzimmer im Untergeschoss genutzt werden; Büros sind im Obergeschoss vorgesehen.

Im Kellergeschoss des dritten Gebäudes, dem Ostflügel, befinden sich zwei mittelalterliche Gewölbekeller für Feiern und gastronomische Veranstaltungen sowie für eine bau-, stadt- und regionalgeschichtliche Ausstellung. Im Obergeschoss wird unter einer durchgehenden, historischen Balkendecke ein früherer Saal wieder hergestellt. Dieser Tagungsraum kann 100 Personen fassen; im Dachgeschoss entsteht eine Gewerbeeinheit. Auch der Hof wird komplett umgestaltet für Open-Air-Veranstaltungen.

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Erstellt:
8. Oktober 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 7min 15sec

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