Tanja Scheer zeigt, wie sich Patientinnen ein Tuch um den Kopf binden können. Foto: Schmidetzki

Tanja Scheer zeigt, wie sich Patientinnen ein Tuch um den Kopf binden können. Foto: Schmidetzki

Nienburg 06.01.2020 Von Nikias Schmidetzki

„Gut zu wissen, wie man sich mag“

Bei „Look good feel better“-Seminaren lernen Krebspatientinnen, kosmetisch auf Veränderungen zu reagieren

Was sie eint, wollen sie allesamt nicht haben. Der Kampf gegen den Krebs, die Krankheit, deren Ausgang häufig ungewiss ist, bringt sie zusammen. Der Umgang mit körperlichen Veränderungen und Möglichkeiten, kosmetisch mit ihnen umzugehen, ist Inhalt eines Seminars.

Die Runde ist persönlich, die Ansprache „per du“, auch wenn sich die Frauen zuvor nicht gekannt haben. Aber neben dem reinen Kurs in Theorie und Praxis geht es auch ums Reden, um Erfahrungen, Befürchtungen und Hoffnungen.

Anbieterin des Seminars ist DKMS LIFE, eine eigenständige Tochterorganisation der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei.

Die Organisation will krebskranken Menschen Hoffnung und Lebensmut schenken, um sie während ihrer Therapie zu unterstützen und ihren Heilungsprozess positiv zu beeinflussen. Dazu gehören auch das „Look good feel better“-Patientenprogramm. Es soll das Wohlbefinden von krebskranken Menschen steigern und neue Lebensfreude schenken.

Seit vier Jahren ehrenamtlich tätig

Die Seminare dieser Art leitet Kosmetikerin Tanja Scheer schon seit fast vier Jahren in ganz Niedersachsen ehrenamtlich für DKMS LIFE. „Bei den Seminaren soll jeder aktiv mitmachen und ausprobieren“, erklärt Tanja Scheer. Hauptberuflich arbeitet sie in der Neuen Apotheke in Nienburg, wo es seit diesem Jahr auch die besonderen Kurse gibt.

„Man führt Chemo-Gespräche, aber wie etwas zu kaschieren ist oder hervorzuheben, muss man sich selbst aneignen“, sagt eine der Teilnehmerinnen. Was mit dem Körper passiert, ist nicht immer vorherzusagen. Manche Patientinnen verlieren ihre Haare, manche auch Augenbrauen und Wimpern dazu, manche bekommen trockene oder fleckige Haut.

Neben Make-Up-Ratschlägen mit Techniken und passenden Farbtönen zeigt Scheer auch Möglichkeiten, mit einer Glatze umzugehen – aus optischen Gründen und ganz pragmatischen, weil es ohne Haare auf dem Kopf recht kalt werden könne.

Tanja Scheer und Bettina Menke stellen den Teilnehmerinnen die Produkte vor. Foto: Schmidetzki

Tanja Scheer und Bettina Menke stellen den Teilnehmerinnen die Produkte vor. Foto: Schmidetzki

„Die Teilnehmerinnen werden ermutigt, wieder einen Blick in den Spiegel zu werfen und das Erlernte auch im Anschluss an das Seminar umzusetzen. Denn für Krebspatientinnen ist Kosmetik oft viel mehr als nur Make-up – sie kann Therapie und Lebenshilfe sein“, sagt Scheer.

Die Teilnehmerinnen kommen mit gemischten Gefühlen.

Sorge aufgrund der Erkrankung auf der einen Seite – Hoffnung auf Heilung und speziell hier auf ein Stück Normalität auf der anderen. „In Erwartung, dass man für sich selbst ganz gruselig aussieht, ist es gut zu wissen, wie man sich selbst sehen mag“, sagt eine der Patientinnen.

Dass es ums Wohlbefinden geht, macht auch die Aussage von Tanja Scheer deutlich: „Wir sind nicht medizinisch, sondern wollen schöne zwei Stunden haben.“ Wenn die Frauen dann noch nachhaltig etwas von der Beratung haben und die Tipps umsetzen, geht das Konzept auf. Sie sollen Wissen und Können mitnehmen. Zur reinen Kosmetik in Theorie und Praxis gibt es auch Ernährungstipps.

Die Teilnahme ist kostenfrei

Die Teilnahme ist kostenlos, eine Tasche mit Kosmetikprodukten, die auf die Schritte des Programms abgestimmt sind, gibt es obendrein. Unterstützung erfährt die Organisation von Unternehmen der Kosmetikindustrie.

„Look good feel better“ gibt Hilfe zur Selbsthilfe, die nachhaltig das Selbstwertgefühl und damit die Lebensqualität von Krebspatientinnen in Therapie verbessern soll. Damit will DKMS LIFE krebskranke Menschen motivieren, mit Optimismus gegen den Krebs anzukämpfen. Denn führende Mediziner bestätigen: Eine positive Lebenseinstellung kann den Heilungsprozess positiv beeinflussen.

„Die gesunden Zellen wollen die Oberhand behalten“, sagt Apothekerin Bettina Menke, die selbst auch onkologische Fortbildungen absolviert hat. „Man kann das Leben auch trotz Chemotherapie genießen.“ Und manchmal komme es sogar vor, dass nach der überstandenen Therapie das Haar etwa ganz anders wachse als zuvor. Das könne einigen Frauen ganz neue Möglichkeiten geben.

Außerdem, auch das ist bei den Seminaren nicht zu unterschätzen, hilft den Frauen, mit Gleichgesinnten zu sprechen, ohne sich immer wieder erklären zu müssen. „Ich fand es angenehm, sich auch mal austauschen zu können, zu wissen, dass man nicht alleine ist“, meint eine Patientin.

Auch in diesem Jahr wird es wieder die Kosmetikkurse geben. Der nächste beginnt am Mittwoch, 15. Januar, um 15 Uhr in der Neuen Apotheke, ein weiterer am 22. April. Anmeldungen sind möglich unter Telefon (05021) 97680. Angedacht ist zudem, auch Kurse für Männer anzubieten.

Zum Artikel

Erstellt:
6. Januar 2020, 17:40 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 04sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Themen

Orte


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.