Stefan Schwiersch DH

Stefan Schwiersch DH

Guten Tag!

Es dürfte Ihnen aufgefallen sein, dass das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft es geschafft hat, alle globalen Sorgenthemen zwischen Finanzkrise, Syrien-Türkei-Konflikt und Schlecker-Kollaps in den Hintergrund zu drängen. Da waren wir im Geiste schon Europameister, haben im Traume die Italiener als Vorspeise vernascht und anschließend die Spanier durch den Wolf gedreht. Doch dann: Flucht aus Danzig statt Endspiel in Kiew. Jeder, der irgendwann schon mal einen Ball aufgepumpt hat, hat eine Meinung zum 1:2 gegen Italien. Das Schlimme ist: Jeder hat irgendwie Recht. Man muss nicht mal über eine gespaltene Persönlichkeit verfügen, um die konträren Argumentationen nachzuvollziehen. Ich zeige Ihnen das mal anhand einiger Beispiele.

1. „Joachim Löw hat im entscheidenden Moment taktisch und personell völlig versagt.“ – „Joachim Löw wurde bis zum Halbfinale von allen Seiten für seinen Mut gelobt, Änderungen vorzunehmen, zumal der ausgeglichene Kader das erlaubte. So hielt er die Spannung im Team hoch und minimierte Frustgefühle in der zweiten Garde. Nun soll er der Depp sein, weil zwei individuelle Abwehrfehler das Team gegen starke Italiener aus der Bahn warfen?“

2. „Stehgeiger Mario Gomez war die völlig falsche Wahl, der kombinationsstärkere Klose hätte spielen müssen.“ – „Gomez hat in der Vorrunde dreimal getroffen und durchaus sein Können aufblitzen lassen. Den Bomber mit der starken Quote und dem sensiblen Gemüt anschließend im Viertel- und im Halbfinale auf die Bank zu verbannen, wäre einer Bestrafung gleichgekommen. Deutschland schien stark genug, um den Abschluss-Stürmer einsetzen zu können.“

Man könnte den Faden noch weiter spinnen, den Kreis größer ziehen.

3. „Löw hat Schaden angerichtet: Durch das verpasste Endspiel erlitten viele Public Viewing-Veranstalter und Gastwirte große Einnahmeverluste, in Berlin hätten gestern 100?000 vor dem Brandenburger Tor gestanden.“ – „Stimmt, eine riesige Party ist ausgefallen. Aber nur dank der deutschen Mannschaft haben die Veranstalter in der Vorrunde und den beiden anschließenden K.o-Spielen fünfmal hübsche Umsätze verzeichnet.“

Zwei Dinge sind klar: Nur die eine Wahrheit gibt es nicht und hinterher ist man immer schlauer. Klar ist auch: Von Löw jetzt den Rücktritt zu verlangen, ist impulsiver Blödsinn. Seit mindestens zwei Jahren begeistert uns diese Mannschaft mit tollem Fußball, Titel hin oder her. Und nun sollen 90 schlechte Minuten das Zeichen für eine Zäsur an höchster Stelle sein? Das würde vielleicht Sinn machen, wenn wir alle holländische Vize-Weltmeister wären und nach drei Vorrundenniederlagen gedemütigt und von der Welt verspottet nach Hause gefahren wären.

Stefan Schwiersch

Zum Artikel

Erstellt:
2. Juli 2012, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 16sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.