Edda Hagebölling DH

Edda Hagebölling DH

Guten Tag

Bis zum 9. November 1938 besaß die Stadt Nienburg eine Synagoge. Es war ein schlichtes, würdiges Gebäude, von Quaet-Faslem behutsam in die benachbarte Bebauung an der Langen Straße eingefügt. In der Nacht vom 9. zum 10. November zerstörten die Nienburger Nationalsozialisten das Bauwerk, am folgenden Tag verbrannten sie die brennbaren Trümmer auf dem Schloßplatz. Im gleichgültigen bis fröhlichen Beisein einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Nienburgern jeder Altersgruppe vernichtete die Stadt ein Herzstück ihrer eigenen Kultur. Warum erinnern wir immer noch daran, trotz der sieben Jahrzehnte Zwischenzeit und des verkaufsoffenen Sonntags? Wenn Steine sprechen könnten, würden sie es uns sagen. Pflastersteine, die den Juden in der „Reichspogromnacht“ in die Fenster flogen. Grabsteine und Gedenksteine. Kiesel, die von jüdischen Nachkommen auf die Grabsteine ihrer Verstorbenen gelegt werden, um die Ruhe der Toten zu behüten. Die Steine der Häuser blieben, in denen die Juden Nienburgs wohnten, lebten und lachten, geboren wurden und starben, Familien gründeten und ihrem Broterwerb nachgingen. Architektur und städtebauliches Umfeld sagen etwas aus über den Grad der Integration der jüdischen Gemeinde in die gewachsenen städtischen Strukturen. Die Nienburger Juden waren ein Bestandteil des Nienburger Bürgertums. Sie gehörten Vereinen und Verbänden an, nahmen teil an den Festen und Veranstaltungen der Stadt. Die Nienburger Juden gehörten dazu. Doch ihre Integration bis 1933 schützte sie nicht vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Antisemitismus hatten auch frühere Generationen erfahren. Erst mit dem Nationalsozialismus jedoch gewann der Antisemitismus jenen kalten, bürokratischen Tötungswillen, der in den grauen-vollen Bildern des Warschauer Ghettos und des Vernichtungslagers Treblinka gipfelt. All dies wird eine Ausstellung, die am heute im Rathaus eröffnet wird, zeigen. Erstmals wird ein Modell der Synagoge zu sehen sein. Studenten der TU Braunschweig haben es gebaut. Und ein Buchprojekt wird vorgestellt: das Tagebuch der Elisabeth Weinberg. Ein junges Mädchen aus Nienburg schrieb 1936/37 seine Ferienerinnerungen für eine Freundin auf. Keine Anne Frank, keine Heldin, keine Vorkämpferin. Eine ganz normale Fünfzehnjährige. Nur, dass sie Jüdin war. Nur, dass sie fünf Jahre nach der Niederschrift dieses Tagebuchs von der Gestapo nach Warschau verschleppt und in Treblinka ermordet wurde. All dies wird erinnert werden. Und muss es denn nicht erinnert werden, das Gute wie das Böse, die Integration wie die Vernichtung? Weil beides zu unserer Geschichte gehört?

Thomas Gatter,

Stadt- und Kreisarchivar

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Erstellt:
9. November 2008, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 13sec

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