25.11.2012

Häusliche Gewalt kein Tabuthema mehr

25. November „Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen“ / Polizei besonders gefordert

Nienburg (DH). Der 25. November ist der „ Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen“. Ilona Scheller, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Nienburg, und Frank Kreykenbohm, Leiter der Polizeiinspektion Nienburg-Schaumburg, zeigen aus diesem Anlass Flagge – symbolisch, mit einer Fahne von Terre des Femmes. Für die Polizei ist insbesondere häusliche Gewalt Thema in der täglichen Arbeit.

Die Fallzahlen bei häuslicher Gewalt haben sich im Bereich der Polizeiinspektion seit 2006 verdoppelt. Das, so der Leitende Polizeidirektor, bedeute indes keine Zunahme häuslicher Gewalt. Vielmehr würden mehr Fälle bekannt. Die Öffentlichkeit reagiere deutlich sensibler; Gewalt in der Familie werde nicht mehr pauschal als „Privatangelegenheit“ betrachtet oder als „häusliche Streiterei“ verharmlost. Auch die Polizei selbst reagiere mit einem umfangreichen Maßnahmenkatalog, die Beamten seien geschult, um mit den teils emotional sehr aufgeladenen und zugleich schwer durchschaubaren Situationen adäquat umgehen zu können. Und sie verfolgten auch, ob beispielsweise verhängte Auflagen auch tatsächlich umgesetzt würden.

Trotz einer deutlich veränderten Sichtweise auf häusliche Gewalt und gestiegener Sensibilität geht der Polizeichef davon aus, dass nach wie vor nur ein Bruchteil der Gewalttaten bekannt werde. „Es gibt Studien, nach denen in Deutschland etwa jede vierte Frau mindestens einmal im Leben Opfer häuslicher Gewalt wird. Das zeigt, welche Dimension dieses Thema hat.“ Häufig schreckten die Opfer davor zurück, den Täter anzuzeigen oder sie zögen ihre Anzeige später wieder zurück. „Es gibt eine nachvollziehbare Angst vor den tiefgreifenden Folgen eines solchen Schrittes; vor allem, wenn eine ganze Familie betroffen ist“, sagt Frank Kreykenbohm. Vor diesem Hintergrund kann nach Überzeugung der Gleichstellungsbeauftragten dem „Netzwerk ProBeweis“ eine Schlüsselrolle zukommen: Es ermöglicht den Frauen, die Opfer einer Gewalttat wurden, ihre Verletzungen nicht nur behandeln zu lassen, sondern vor allem rechtsmedizinisch wirksam begutachten zu lassen. Das Opfer kann in Ruhe abwägen, ob es Anzeige erstatten will oder nicht; die Spuren sind gesichert und gegebenenfalls gerichtlich verwertbar. Allerdings, warnte Kreykenbohm, beträfe das lediglich die Verletzungen des Opfers. Spuren am Tatort und am Täter selbst ließen sich nach Tagen oder Wochen kaum auswerten. Einen besonderen Raum im Themenfeld häuslicher Gewalt nehmen nach Einschätzung Kreykenbohms Familien aus anderen Kulturkreisen ein. Der Wechsel nach Deutschland könne dazu führen, dass sich überkommene Familienstrukturen und Rollenverhältnisse auflösen - mit zum Teil dramatischen Folgen. Spannungen und Gewalttaten in diesem Kontext würden tendenziell zunehmen.

Das, so der Polizeichef, stelle die Beamten vor Ort vor eine doppelte Herausforderung: Sie müssten die Situation an sich richtig beurteilen und sich trotz Sprachbarrieren in ein anderes Wertesystem hineindenken.

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Erstellt:
25. November 2012, 00:00 Uhr
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