Eine Familie mit vier Kindern aus Liebenau hat sich mit haltbaren Lebensmitteln und Toilettenpapier eingedeckt und alles im Keller verstaut. Foto: privat

Eine Familie mit vier Kindern aus Liebenau hat sich mit haltbaren Lebensmitteln und Toilettenpapier eingedeckt und alles im Keller verstaut. Foto: privat

Landkreis 12.03.2020 Von Sebastian Stüben

Hamsterkäufe und Verunsicherung

Wie Nienburgs Gastronomie und Handel von der Corona-Epidemie betroffen sind

Drei Schulen sind geschlossen, Veranstaltungen werden abgesagt, Sportvereine stellen den Betrieb ein, Firmen schicken Mitarbeiter ins Home-Office. Nachdem Corona mit zwei bestätigten Fällen im Landkreis angekommen ist, kommt das öffentliche Leben immer mehr zum Erliegen.

Wirt Benjamin Michaelis, Ausrichter der Abschieds-Partys im ehemaligen Nienburger Filmeck, hat die vier in der Zeit vom 20. bis zum 28. März geplanten Veranstaltungen bis auf Weiteres verschoben.

Wirt Benjamin Michaelis hat weniger Kunden. Foto: Michaelis

Wirt Benjamin Michaelis hat weniger Kunden. Foto: Michaelis

Der Landkreis hatte mit Michaelis Kontakt aufgenommen und im Einvernehmen mit dem Wirt den Schritt auf den Weg gebracht. „Es war ein sehr informatives Gespräch, nach dem wir uns dazu entschieden haben, die Partys zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen“, sagt Michaelis. Wann das sein werde, könne er aktuell noch nicht sagen.

Michaelis: „Die Partys werden steigen, wenn sich das Leben wieder normalisiert hat. Wenn Fußball wieder losgeht, dann können die Menschen auch wieder feiern, denke ich.“

Auch als Betreiber des Bistro-Restaurants „Maximilian“ ist Michaelis nach eigenen Worten von den Folgen der Corona-Epidemie betroffen. „Bis zum vergangenen Wochenende lief es noch super. Seit ein paar Tagen merken wir schon einen Rückgang“, sagt er.

Gemischte Erfahrungen bei Gastronomen

Jens Bokeloh, Betreiber des Hotels „Zum Kanzler“ und des Restaurants „Kanzlers Genusswirtschaft“ sagt: „Der Februar lief für uns in der ,Genusswirtschaft‘ sehr gut. Seit Anfang März wird es weniger. Aber es war auch das Wetter schlecht. Im Catering spüren wir die Auswirkungen massiv. Die Absagen von Veranstaltungen und des Theaterbetriebs treffen uns.“

Georgios Pechlevanoudis, Betreiber des Café-Restaurants „Cup und Cino“, sagt, dass das Jahr bislang super lief für sein Lokal. „Ich wäre froh, wenn es so gut weitergehen würde. Und vor allen Dingen hoffe ich, dass es nicht so weit kommt, dass alle gastronomischen Betriebe geschlossen werden.“

Ein Mitarbeiter des Bistros „Barzzano“ sagte, dass der Betrieb an der Langen Straße in Nienburg nicht merklich zurückgegangen sei. „Wir merken einen Rückgang aber in unseren Restaurants ,Vier Jahreszeiten‘ in Schessinghausen und Marklohe – unter anderem bei den Büfetts“, sagte er: „Außerdem werden größere Veranstaltungen, die wir ausrichten, abgesagt.“

Der Vorsitzende des heimischen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), Friedrich-Wilhelm Gallmeyer, sieht Probleme auf die Betriebe zukommen, für die er nicht zuletzt die Politik verantwortlich macht.

„Dass die Entscheidungen zum Umgang mit der Krise alle so kleckerweise kommen, trägt zur Verunsicherung sowohl der Betriebe als auch der Kunden bei“, sagt Gallmeyer. Er befürchtet, dass das Thema seine Branche noch lange Beschäftigen wird. „Wir sind erst am Anfang.“ Seine Hoffnung: dass es nicht so schlimm wird wie in Italien.

Die Hamsterkäufe in den Supermärkten und Discountern haben gestern nach den Aussagen mehrerer Mitarbeiter wieder angezogen. „Im Zusammenhang mit der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus stellen wir eine erhöhte Nachfrage in einigen Sortimentsbereichen fest. Dies hat zur Folge, dass wir einige Produkte oder Marken innerhalb eines Sortiments zeitweise nicht anbieten können. Es stehen jedoch Ausweichartikel zur Verfügung. Wir sind selbstverständlich bestrebt, unseren Kunden schnellstmöglich wieder sämtliche Artikel anbieten zu können. Grundsätzlich ist die Warenversorgung unserer Märkte weiterhin vollständig gesichert“, sagte Edeka-Pressesprecherin Julia Katharina Simon.

Hamsterkäufe – ist das wirklich so?

Nachdem der Run auf Toilettenpapier, Nudeln und andere haltbare Lebensmittel zu Beginn der Woche vorerst abgeflacht war, haben die Kunden nach dem Bekanntwerden der Coronafälle im Landkreis am Donnerstag umso stärker bei entsprechenden Produkten zugeschlagen.

Zwar waren Nudeln, Toilettenpapier und Co. in den meisten Läden noch zu bekommen, aber bestimmte Marken und Sorten waren radikal abgegrast worden. Die Mitarbeiter müssen mehrmals am Tag die Produkte auffüllen.

Bei Waren wie Nudeln, Drogeriebedarf wie Toilettenpapier und Desinfektionsmittel sowie Konserven verzeichneten die Lebensmittelhändler nach Angaben von Manuel Sasse, Geschäftsführer der Röthemeier Handelsgesellschaft mbH in Warmsen, in den vergangenen Wochen erheblich gestiegene Umsätze.

Fallende Umsätze befürchtet hingegen der Vorsitzende der Werbegemeinschaft „Nienburg-Service“, Jörg Kolossa. „Meine Befürchtung ist, dass Panik geschürt wird und die Leute nicht mehr in die Stadt kommen“, sagt Kolossa. Dabei seien Besucher und Kunden in Nienburg sehr sicher.

„Wir haben im normalen Geschäftsalltag keine großen Ansammlungen von Menschen“, so der Werbegemeinschaftsvorsitzende. Und vielleicht sei auch gerade das Nienburgs Vorteil. „Unsere Stadt ist nicht so groß, und es ballt sich hier nicht so wie zum Beispiel im Zentrum von Hannover. In kleineren Städten ist es sicherer“, sagt Kolossa.

Er plädiert dafür, das Geschäftsleben aufrechtzuerhalten. Denn schließlich könne jeder im Umgang miteinander gewisse Regeln beachten und Körperkontakt vermeiden. „Bei uns im Laden und auch in einigen anderen Geschäften gibt es außerdem die Möglichkeit zum Desinfizieren. Und so kann man ja auch vorbeugen“, sagt der Werbegemeinschaftsvorsitzende.

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Erstellt:
12. März 2020, 20:44 Uhr
Lesedauer:
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