Eine hart arbeitende Frau. PenguinRandomHouse

Eine hart arbeitende Frau. PenguinRandomHouse

Kolumne 28.04.2017 Von Jörg Nierzwicki

Hinterhältiger als Fake News

Irgendwann steigt ein denkender Mensch aus – bei diesem gequirlten Wortbrei. Irgendwann gibt es kein Rede und Gegenrede mehr, kein Faktencheck ist mehr möglich. Irgendwann sind wir bei Bullshit angekommen. Jemand sagt etwas Dummes, Ärgerliches. Wenn es das nur wäre. In den postfaktischen Zeiten eines Donald Trump ist Bullshit leider mehr – nämlich nichts. Es sind Phrasen, eine Aneinanderreihung von Buchstaben, ein Versuch, den Gegenüber in einem Meer von Desinformation zu ertränken.

"Ich glaube daran, dass, wenn es um Frauen und Arbeit geht, es nicht nur einen einzigen Weg gibt. Die einzige Person, die wirklich Einfluss darauf hat, wie dein Arbeitsleben verläuft, bist du selbst." Ein Tipp aus dem Buch von Ivanka Trump „Women who Work“, ein Tipp, wie frau die Regeln, erfolgreich zu sein, neu definieren kann. Ja, die „First Daughter“, die sich gerade in Berlin als Vorbild der hart arbeitenden Frau stilisierte.

Hört sich wichtig an, hört sich selbstbewusst an – und sagt … nichts, rein gar nichts. Gerade Altenpflegerinnen oder Kassiererinnen oder Soldatinnen spüren jeden Tag, wie ihr Arbeitsleben sie verändert – und sie mit den Tipps eines Modepüppchens nichts, rein gar nichts daran ändern können.

Buhrufe bekam sie für den Bullshit, den sie in Berlin über das Handeln ihres Vaters verbreitete: Sie wisse aus eigener Erfahrung, dass er eine positive Haltung gegenüber Frauen habe und auch ihre Rolle in der Arbeitswelt schätze. Mittlerweile ist ja hinlänglich bekannt, dass Donald Trump seine „positive Haltung“ dadurch ausdrückt, dass er das eine oder andere Mal Frauen begrabscht haben soll.

Wichtig: Es sind keine Lügen – Bullshit trübt gewollt die Urteilsfähigkeit ein.

Tobias Hürter bringt dafür in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung ein gut verständliches Beispiel von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Thema, zu dem wirklich jeder etwas sagen kann – oder will:

„Deutsche Hersteller bieten heute Fahrzeuge an, die effizienter und sparsamer sind als je zuvor. (...) Ich hoffe, dass wir mit der EU zu Regelungen kommen, die Innovationsanreize fördern. (...) Wir sind fest davon überzeugt, dass ökonomische und ökologische Belange zu vereinbaren sind.“

Ist doch schön, wir schonen die Umwelt und produzieren doch wie die Weltmeister. Merkel hätte auch sagen können: „Wir verhindern strengere Umweltauflagen, damit unsere Industrie weiter manipulierte Dieselstinker verkaufen kann.“ Die unschöne Wahrheit bleibt ungesagt, trotzdem können Umweltschützer wie Autolobby mit der Aussage der Kanzlerin irgendwie leben.

Natürlich muss man bei Bullshit nicht gleich so schwarzsehen wie Philosoph Tobias Hürter, der „eine Jahrtausende anhaltende Bemühung, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen“ in Gefahr sieht. Aber: Bullshit informiert nicht, erklärt nicht, das Gequatsche verwirrt, bestenfalls soll er noch Emotionen hervorrufen.

Wenn First-Daughters-Daddy Trump im Wahlkampf sagte, er wolle Millionen Mexikaner, Einwanderer aus den USA werfen – und jetzt passiert nichts, war das Bullshit in Reinkultur: Emotionen für Trump – der Rest ist egal. Er hat nicht gelogen. Es passiert einfach nichts, rein gar nichts.

Ok, auf der Facebook-Seite der HARKE läuft die Geschichte eine Nummer kleiner. Aber ist es nicht manchmal so, dass man denkt: Informiert mich das, regt mich das auf – oder ist das nur ein dumpfer Grauschleier, der sich über mein Gehirn legt? Sichtet mal unsere Meldungen, schreibt – wahrheitsgetreu – was ihr in diesem Sinn als Bullshit entlarvt habt. Vielleicht gibt es ja noch echte Emotionen – nicht nur hartnäckigen Blödsinn.

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Erstellt:
28. April 2017, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 46sec

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