Ein Jahr vor der Sensation gegen Hannover 96 im Pokal: Der ATSV Nienburg feiert den Aufstieg in Kleefeld. Foto: Archiv

Ein Jahr vor der Sensation gegen Hannover 96 im Pokal: Der ATSV Nienburg feiert den Aufstieg in Kleefeld. Foto: Archiv

Nienburg 04.06.2021 Von Philipp Keßler

Historischer Freitag: ATSV Nienburg kickt Hannover 96 aus dem Pokal

Heute vor 69 Jahren: Der ATSV (später ASC) gewinnt gegen die „Roten“ mit 4:2 vor 2800 Zuschauern in der Martinsheide

Sieben Spielklassen trennen den ASC Nienburg und Hannover 96 voneinander, die 1. Kreisklasse von der 2. Bundesliga, Hobbykicker von Profifußballern. Träfen beide Teams aktuell aufeinander, wäre wohl die einzige Frage, ob den Landeshauptstädter 20, 30 oder sogar 40 Tore gelängen. Exakt heute vor 69 Jahren lagen ebenfalls Welten zwischen den Teams von der Weser und von der Leine – und dennoch gelang dem ATSV Nienburg, dem späteren ASC, der größte Erfolg seiner Vereinsgeschichte. Ein Rückblick auf ein unvergessenes Ereignis, das nach wie vor wie ein heller Stern am Firmament der Nienburger Sportgeschichte strahlt.

Pokalschreck aus der Martinsheide

Der ATSV Nienburg, der zehn Jahre später mit dem Sportclub zum ASC fusionierte, spielte zu dieser Zeit noch in der Martinsheide. Nach Kriegsende 1945 galten auf Anordnung der Militär-Regierung sämtliche Vereine als aufgelöst und durften unter dem alten Namen nicht wieder ins Leben gerufen werden.

Außerdem war für Städte wie Nienburg verfügt worden, dass dort nur ein Verein bestehen durfte. So nahmen alte, bereits vor 1933 tätig gewesene Funktionäre die Gründung eines neuen Vereins in Angriff. Die erste Versammlung fand schließlich am 10. November 1945 in der Gastwirtschaft Küster an der Verdener Straße statt. Zum ersten Vorsitzenden des ATSV wurde Karl Elmhorst ernannt.

Die Martinsheide im Nienburger Nordertor war lange Zeit die Heimat des ATSV Nienburg. Foto: Archiv

Die Martinsheide im Nienburger Nordertor war lange Zeit die Heimat des ATSV Nienburg. Foto: Archiv


Sehr bald stellte sich die Frage nach einer akzeptablen Spielfläche. Im Nordertor wurde der Verein fündig: Die Martinsheide, die schon vor und während des Krieges ein beliebter Bolzplatz war. Die Kali Chemie, Eigentümer der Fläche, stand dem Vorhaben wohlwollend gegenüber. Die Fläche bestand allerdings aus mehr oder weniger festem Sand. Da auch die Kali-Betriebsmannschaft den Platz nutzte, stellte die Firma kostenlos einen Schlackenabbrand zur Verfügung, der die Spielfläche zwar ebener, aber für die Akteure verletzungsanfälliger machte.

Die Bezeichnung Martinsheide lässt sich im Übrigen darin ableiten, dass es sich um ein früheres Grundstück der Kirche gehandelt haben könnte und zudem ein wenig nutzbares Sand- und Heidegelände war.

Werder Bremen, TuS Celle und dann Hannover 96

Zwölf Jahre nach Kriegsende wurde in der Saison 1952/53 erstmals der DFB-Pokal ausgespielt – und die Nienburger Amateuroberligisten mischten auf Anhieb ordentlich mit. Mit Siegen über Polizei Bremen, Bomlitz, Werder Bremen und dem TuS Celle hatte sich der ATSV bereits zum Pokalschreck gemausert und bekam in der Auslosung am 29. Mai 1952 die „Roten“ aus Hannover zugeteilt. 96 spielte mit seiner Vertragsligamannschaft zu diesem Zeitpunkt in der Oberliga Nord – die Qualifikation für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft hatten die Hannoveraner mit Tabellenplatz elf deutlich verpasst.

Halbzeitpause in der Martinsheide: Funktionäre und Betreuer reichen den Spielern Jacken und Getränke. Foto: Archiv

Halbzeitpause in der Martinsheide: Funktionäre und Betreuer reichen den Spielern Jacken und Getränke. Foto: Archiv


Rund 2800 Zuschauer tummelten sich am Spieltag in der Martinsheide – deutlich weniger als erwartet. Bei einer vorausgegangen Partie gegen den VfB Oldenburg standen immerhin stolze 5000 Fans am Spielfeldrand im Nordertor. Der Beginn der Urlaubszeit, eine gewisse Müdigkeit nach dem vorherigen Ende der Punktspielsaison und die frühe Anstoßzeit um 18.15 Uhr könnten Gründe dafür gewesen sein. Vielleicht rechneten viele Nienburger ihrem Klub aber auch nicht nur den Hauch einer Chance gegen den klaren Favoriten aus.

96 nimmt Nienburg auf die leichte Schulter

Die Hannoveraner waren selbstbewusst und siegessicher an die Weser gereist, hatten nicht einmal die komplette Vertragstruppe mitgebracht. Die Gastgeber um Trainer Borges hatten hingegen geschworen, sich so teuer wie nur möglich zu verkaufen.

Dieser Plan ging zunächst nur bedingt auf, denn die Nienburger agierten nervös und die Gäste aus der Landeshauptstadt dominierten das Spielgeschehen mit schnellen Kombinationen.

Aber nach einer Viertelstunde fanden die ATSV-Kicker ihr Selbstvertrauen zurück und mischten munter mit, allerdings auch mit unfairen Mitteln: Nach 22 Minuten foulte Nienburgs Wiegrebe Hannovers Ludwig Pöhler im Strafraum, den fälligen Elfmeter verwandelte Heinz Wewetzer und sorgte für die verdiente Führung. Mithilfe der Zuschauer mühten sich die Nienburger zu mehr Feldvorteilen und gingen mit dem 0:1 in die Halbzeit.

Die Meisterelf von Hannover 96 1954, zwei Jahre nach der DFB-Pokalpleite in Nienburg. Foto: Archiv

Die Meisterelf von Hannover 96 1954, zwei Jahre nach der DFB-Pokalpleite in Nienburg. Foto: Archiv

Nach dem Seitenwechsel dauerte es nur fünf Minuten, da staunten selbst die 96er nicht schlecht: Nienburgs Fliege zauberte den Ball in den Winkel zum 1:1, wiederum nur acht Zeigerumdrehung später gelang Horst Lemke – gerade zurück von einer Verletzungspause – per Kopf die 2:1-Führung. Die Martinsheide bebte.

Die Toreflut war damit aber gerade erst eröffnet worden: Fliege zeigte beim folgenden 3:1 erneut einen feinen Fuß, nach wiederholtem Wiegrebe-Foul im Strafraum gab es erneut Elfmeter, den dieses Mal Hannovers Hannes Tkotz einnetzte. Für die Entscheidung sorgte schließlich der Mann des Tages: Nach einer Zuckerflanke von Broda verwandelte Fliege in der Luft schwebend zum 4:2 für die Nienburger. Hannover war raus, hatte nicht ein einziges Tor aus dem Spiel heraus zustande gebracht. Zwei Jahre nach der Niederlage in der Martinsheide krönte sich 96 zum Deutschen Meister.

Endstation gegen Viktoria Hamburg

Das Pokalmärchen der Nienburger fand dann 18 Tage später ein Ende. Gegen den zweitklassigen SC Viktoria Hamburg hieß es am Ende 2:4. Bis zur Pause hielt der ATSV noch gut mit, kam dank zweier Tore von Fliege auf 2:2, doch die Hamburger machten anschließend kurzen Prozess. Im Verlauf des Wettbewerbes unterlag Viktoria dem Stadtrivalen HSV, der erst im Viertelfinale am späteren DFB-Pokalsieger Rot-Weiß Essen scheiterte.

ATSV Nienburg: Gommlich – Vornkahl, Rudolph, Böger, Wiegrebe, Ahlers, Lemke, Weier, Fliege, Bergmann, Broda.
Hannover 96: Wickel – Nab, Geruschke, Pischl, Bothe, Bloch, Wewetzer, Tkotz, Loth, Pöhler, Franz.
Zuschauer: 2800.
Torfolge: 0:1 (22., Elfmeter) Wewetzer; 1:1 (50.) Fliege , 2:1 (58.) Lemke , 3:1 (61.) Fliege , 3:2 (64., Elfmeter) Tkotz , 4:2 (85.) Fliege.
Schiedsrichter: Scheiblich (Alfeld) hielt das oft turbulente Geschehen fest in der Hand.

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Erstellt:
4. Juni 2021, 07:50 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 50sec

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