Am 5. Mai 1989 begrüßte Bürgermeister Rudi Niemann (weiße Jacke) Ministerpräsident Ernst Albrecht zum Rundgang durch das Dorf und das Scheunenviertel. Links: Landwirtschaftsminister Dr. Burkhard Ritz. Foto: Harke-Archiv/Lange

Am 5. Mai 1989 begrüßte Bürgermeister Rudi Niemann (weiße Jacke) Ministerpräsident Ernst Albrecht zum Rundgang durch das Dorf und das Scheunenviertel. Links: Landwirtschaftsminister Dr. Burkhard Ritz. Foto: Harke-Archiv/Lange

Estorf 03.09.2021 Von Arne Hildebrandt

Historischer Freitag: Alte Scheunen vor dem Verfall gerettet

Vor 40 Jahren fiel der Startschuss für die Dorferneuerung in Estorf/Scheunenviertel mit viel Mühe restauriert

Lebendige Geschichte unter alten Eichen: Das Scheunenviertel in Estorf ist ein einmaliges Kleinod in der Region. Von den ursprünglich mehr als 40 alten Vorratsscheunen aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind noch neun erhalten.

Sieben wurden aufwendig restauriert und werden heute vom Heimatverein Estorf für Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt. „Wir haben das Scheunenviertel gerettet. Heute ist es ein Leuchtturm in der Samtgemeinde Mittelweser und darüber hinaus“, sagt Rolf Bodermann (65). Er hat in der Bauverwaltung der ehemaligen Samtgemeinde Landesbergen die Restaurierung der Scheunen maßgeblich begleitet. Seit 2005 war Bodermann bis zu seiner Pensionierung im November 2019 auch hauptamtlicher Geschäftsführer des Heimatvereins Estorf und hat Stars wie Helen Schneider, Gitte Haenning, und Heinz Rudolf Kunze nach Estorf geholt, wo sie in der restaurierten Kulturscheune auftraten.

Richtfest der letzten restaurierten Scheune im Scheunenviertel Estorf am 5. August 1989. Foto: Harke-Archiv/Lange

Richtfest der letzten restaurierten Scheune im Scheunenviertel Estorf am 5. August 1989. Foto: Harke-Archiv/Lange

1981 bot das Dorf mit dem Scheunenviertel einen trostlosen Zustand. Eine Folge des Strukturwandels in der Landwirtschaft. „Um 1980 standen etwa 35 Gebäude leer, bei 20 weiteren Gebäuden war eine Nutzung nicht mehr gesichert. Etwa ein Drittel der Bausubstanz im Altdorf war abgängig“, schildert der 2018 gestorbene Heimatforscher und ehemalige Vorsitzende des Heimatvereins Estorf, Günther Deking, im Niedersachsenbuch ’97. Dann kam die Rettung. Estorf wurde 1981 eines von zehn in Niedersachsen ausgewählten Dörfern, in dem erstmals ein Dorferneuerungsprojekt startete. Und das bedeutete Geld vom Land für Projekte, die das Dorf verschönern.

„In den Jahren 1982 bis 1990 wurden mit einem Investitionsaufwand von circa drei Millionen DM und mit Zuschüssen von einer Million DM in einem beispielhaften Einsatz aller Beteiligten die wesentlichen Ziele der Dorferneuerung erreicht. Insgesamt wurden 55 private und öffentliche Maßnahmen erfolgreich realisiert“, berichtet Deking im Niedersachsenbuch.

Heimatverein restaurierte

Ohne den am 2. Oktober 1984 gegründeten Heimatverein Estorf gäbe es das heutige Scheunenviertel allerdings nicht. Die finanzielle Förderung des Landes war im Gründungsjahr des Heimatvereins ausgelaufen, ohne dass die abseits des Dorfkerns liegenden Scheunen erneuert worden waren. Weil die Scheunen im Eichenkamp dem Verfall preisgegeben waren, beschloss eine Gruppe aktiver Estorfer Bürger, sie zu retten.

Das Scheunenviertel heute. Links die Kulturscheune, hinten die Radler-Scheune. Foto: Hildebrandt

Das Scheunenviertel heute. Links die Kulturscheune, hinten die Radler-Scheune. Foto: Hildebrandt

Aus dieser Idee entstand der Heimatverein. Zehn Jahre später hatte der Heimatverein Estorf bereits fünf historische Scheunen mit eigenen Kräften entweder völlig erneuert oder restauriert. Das Material stellte die Gemeinde zur Verfügung.

Uriges Nachlager für Radler

Aus Angst vor vernichtenden Feuern wurden die meisten der Scheunen zwischen 1700 und 1800 außerhalb von Dörfern errichtet und boten Platz für Lagergut und Unterstellmöglichkeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren sie an Bedeutung und verfielen. 1984 sollten die letzten Estorfer Scheunen des „Schünebusch“ abgerissen werden. Heimatvereinsvorsitzender Peter Gerking betrachtet den Wiederaufbau in einer Broschüre des Heimatvereins: „In letzter Minute fanden sich Männer und Frauen aus der Gemeinde bereit, diesen Teil dörflicher Kultur zu bewahren: In Tausenden von Arbeitsstunden, mit viel Fleiß, Ideen, Engagement und nicht zuletzt auch Mut wurden die alten Scheunen vor dem Verfall bewahrt, saniert und auf vielfältige Weise mit neuem Leben erfüllt.“

Heute bieten die einzelnen Scheunen Raum für unterschiedlichste Nutzungen. Sie beherbergen das Heimatmuseum mit verschiedenen Ausstellungen (landwirtschaftliche Geräte, bäuerliche Wohnkultur, Backstube, Geschichte des Dorfes) und die Radler-Scheune, in der Gruppen nach Voranmeldung ein uriges Nachtlager aufschlagen können.“

„Es ist überaus lebendig“

Heute machen vor allem Radtouristen im „Schünebusch“ Station. Außerdem finden im „Schünebusch“ in unregelmäßigen Abständen besondere Feste und Aktionen der Dorfgemeinschaft statt. „Unsere Scheunen erinnern an das gemeinsame Leben und Arbeiten vergangener Zeiten. Die uralten Eichen atmen Geschichte. In ihrer majestätischen Größe strahlen sie Ruhe und Kraft aus“, schwärmt Gerstenkorn.

Eine noch nicht restaurierte Scheune am 31. Mai 1988. Foto: Harke/Heckmann

Eine noch nicht restaurierte Scheune am 31. Mai 1988. Foto: Harke/Heckmann

„Dabei ist das Scheunenviertel nicht nur Museum: Wie früher in jedem Dorf üblich, haben sich hier viele Menschen zusammengetan, um gemeinsam etwas zu schaffen. Dieses Miteinander spiegelt die Vielfalt des Schünebusch: Er ist überaus lebendig – mit Kultur, Erholung, Spaß, gutes Essen und auch Geschichte.“

Albrecht und Schröder kamen

Das Scheunenviertel wurde in den 80er und 90er-Jahren mehrfach von Landespolitikern besucht. Das Datum 5. Mai 1989 hat Rolf Bodermann nicht vergessen. „Der Hubschrauber landet auf dem Estorfer Sportplatz. Wenig später sieht sich Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) das restaurierte Scheunenviertel an“, erinnert er sich.

Auch den 22. August 1996 hat er nicht vergessen: Albrechts Nachfolger Gerhard Schröder kommt zur 900-Jahr-Feier nach Estorf. „Das war auch was Besonderes.“ Und im Juli 1999 eröffnete Bremens damaliger Bürgermeister Henning Scherf im Scheunenviertel die restaurierte Brösking-Scheune, wo Radler übernachten können. Er kam mit dem Rad vom Nienburger Bahnhof. Rund 400 Leute begrüßten ihn in Nienburg am Weserwall.

Bautätigkeit am 4. August 1989 im Scheunenviertel. 20 Studenten aus Deutschland und Italien halfen beim Innenausbau. Foto: Harke-Archiv/Lange

Bautätigkeit am 4. August 1989 im Scheunenviertel. 20 Studenten aus Deutschland und Italien halfen beim Innenausbau. Foto: Harke-Archiv/Lange

„Es war eine bewegende Zeit“, blickt Bodermann zurück. Drei Namen verbindet Bodermann mit der Rettung des Scheunenviertels: „Planer Professor Dr. Joachim Grube aus Nienburg, Heimatforscher Günther Deking und Estorfs ehemaliger Bürgermeister Rudi Niemann waren die Motoren, die man für ein derartiges Projekt braucht.“

Für Gerstenkorn steht fest: „Heute ist das Estorfer Scheunenviertel nicht nur unser ganzer Stolz, sondern weithin anerkannt und beliebt als Kultur- und Veranstaltungsort. Es belebt unser Dorf, und Tausende auswärtige Gäste genießen die besondere Atmosphäre jenseits kommerzieller Interessen.“ Bodermann: „Es ist das Aushängeschild für Estorf.“

Im Scheunenviertel kann man sich auch standesamtlich trauen lassen. Auskunft erteilt das Standesamt Samtgemeinde Mittelweser, Telefon (0 57 61) 7 05 - 2 12.

Fahrrad-Telefon für die Übernachtung in der Scheune: 01 62 - 8 52 76 81.

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Erstellt:
3. September 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 43sec

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