Die Bundeswehr räumte im Jahr 1979 mit Bergepanzern des Typs „Leopard“ die Straßen im Landkreis Nienburg.  Foto: Archiv

Die Bundeswehr räumte im Jahr 1979 mit Bergepanzern des Typs „Leopard“ die Straßen im Landkreis Nienburg. Foto: Archiv

Landkreis 04.02.2021 Von Mara Kakoschke, Von Helge Nußbaum

„Historischer Freitag“: Der Jahrhundertwinter

Mit eisiger Kälte und extremen Schneefällen stürzte der Winter 1978/79 den Norden ins Chaos, auch der Landkreis Nienburg war betroffen

Vergangene Woche sorgten eisige Temperaturen und dicke Schneeflocken für Abwechslung zum grauen Januarwetter. Besonders am Sonntag bescherte Hoch „Ferdinandea“ trockenes, kaltes Winterwetter mit viel Sonne und klarem Himmel in ganz Niedersachsen.

Auch viele Menschen im Landkreis Nienburg nutzten den seltenen Schnee-Sonne-Mix für einen ausgiebigen Spaziergang. Im Lokalportal der HARKE finden sich dazu etliche idyllische Bilder. An diesem Wochenende soll es laut den Meteorologen erneut eine ordentliche Winterlandschaft geben. Nicht immer bringen Schnee und Eis jedoch so viel Freude mit sich: Im Winter 1978/79 waren sie der Grund für wochenlanges Chaos. Vor 42 Jahren waren im Landkreis Nienburg sogar Bergepanzer der Bundeswehr im Einsatz, um die Straßen von den Schneemassen zu befreien.

Die ersten Vorboten

Alles fing kurz vor dem Silvestertag 1978 an. Schneestürme und Eisregen legten den Verkehr erst in Schleswig-Holstein und dann in Hamburg lahm, bevor die Kaltfront auch Niedersachsen erreichte. Die ersten Alarmnachrichten waren dort am Donnerstagabend (28. Dezember 1978) eingegangen.

Schwerem Eisregen an der Ostseeküste folgte ein Schneesturm, der sich rasch bis nach Hamburg ausdehnte. Mit am härtesten war damals der Landesteil Angeln zwischen Schleswig und Flensburg betroffen, dort waren zahlreiche Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten. Während Zehntausende in Schleswig-Holstein wegen des Stromausfalls im Kalten und Dunkeln saßen, führten Montageteams einen verzweifelten Kampf gegen die Naturgewalten, doch auch sie blieben meist im Schnee stecken und konnten die Leitungen selten reparieren.

Der Wetterbericht, den DIE HARKE am 30. Dezember 1978 veröffentlichte, ließ auch für den Landkreis Nienburg nichts Gutes erahnen: „Bedeckt, schauerartige Schneefälle. Schneeglätte. Bei stark böigen Ostwinden stellenweise Schneeverwehungen. Minus 5 bis minus 3 Grad – Dauerfrost.“ Doch vorerst blieb unser Landkreis verschont.

DIE HARKE wurde mit einem MB-Trac ausgeliefert. Foto: Archiv

DIE HARKE wurde mit einem MB-Trac ausgeliefert. Foto: Archiv

Am 2. Januar 1979 lautete die Titelschlagzeile der HARKE: „Schnee-Katastrophe in Norddeutschland fordert zwölf Tote“, der Schnee war zwar auch in Nienburg angekommen, doch noch war alles im normalen Rahmen. Die Panzerbrigade 3 der Langendammer Clausewitz-Kaserne setzte am 2. Januar drei Leopard-Bergepanzer in Marsch, die im tief verschneiten Norden der Republik helfen sollten. Sie wurden auf dem Nienburger Bahnhof verladen, nichts ahnend, dass sie auch bald hier gebraucht werden könnten.

Nienburg versinkt

Mitte Februar 1979 erwischte es dann auch den Landkreis Nienburg. Die einsetzenden Schneefälle am 13. Februar und kurz darauf 24 Stunden andauernder Schneefall förderten Schneemassen zutage, die den Verkehr in Norddeutschland erneut lahmlegten.

Mit dem Schlitten ging es zum Einkaufen. Foto: Archiv

Mit dem Schlitten ging es zum Einkaufen. Foto: Archiv

Schneeverwehungen durch Sturmböen der Stärke neun bis zehn hatten die Verkehrsverhältnisse am 14. Februar in Nordwestdeutschland derart verschlechtert, dass in fast 20 Landkreisen Niedersachsens und Schleswig-Holsteins Katastrophenalarm ausgelöst wurde.

Der Katastrophenfall wurde in Nienburg zwar noch nicht eingeleitet, doch der Landkreis verhängte infolge der gefährlichen Witterungs- und Straßenverhältnisse ein Fahrverbot für den privaten Straßenverkehr, der Berufsverkehr war allerdings explizit ausgenommen. Gleiches geschah auch im Nachbarkreis Diepholz.

Polizist Kurt Branding war damals mit seinem Streifenwagen im „Schneedienst“ an der Landesberger Weserbrücke. Foto: Branding

Polizist Kurt Branding war damals mit seinem Streifenwagen im „Schneedienst“ an der Landesberger Weserbrücke. Foto: Branding

Besondere Probleme für die Straßenmeistereien warf vor allem der Wind auf, der für immer neue Schneewehen sorgte. Es war trotz aller Anstrengungen nicht möglich, alle Straßen freizuhalten, sodass es besonders im Bereich Husum, Linsburg, Landesbergen, Leese und Stolzenau zu Straßensperrungen kam. Somit musste die Post ihre Brief und Paketzustellungen fast komplett ausfallen lassen.

Auch DIE HARKE kapitulierte am 16. Februar endgültig und konnte die Freitagsausgabe nicht zu den Lesern bringen. Schon die Donnerstagsausgabe (15. Februar) wurde nur unter größten Schwierigkeiten in die Haushalte gebracht. Mit von Privatfirmen geliehenen, geländegängigen Fahrzeugen (drei Unimogs und ein MB-Trac) kämpfte man sich durch die Schneewehen, sodass die meisten HARKE-Abonnenten ihren Lesestoff bekommen konnten. Trotz des Schneesturms herrschte im Landkreis Nienburg aber kein Versorgungsproblem. Die ausreichende Versorgung mit Gas, Wasser und Strom war jederzeit gewährleistet. Freude gab es damals wohl vor allem bei den Schulkindern, die aufgrund der Schneemassen einige Tage dem Unterricht fernbleiben durften.

Katastrophenfall beendet

Am 17. Februar erschien auch DIE HARKE wieder und durfte gleich vermelden, dass die bestehenden Fahrverbote um Mitternacht aufgehoben wurden und der am Donnerstag (16. Februar) verhängte Katastrophenfall ebenfalls nicht mehr besteht. Die von der Außenwelt abgeschnittenen Ortschaften und Höfe hatten durch den Einsatz der Bundeswehr wieder eine Anbindung.

Die in Stolzenau stationierten Holländer halfen mit schwerem Gerät und Schneefräsen. Foto: Archiv

Die in Stolzenau stationierten Holländer halfen mit schwerem Gerät und Schneefräsen. Foto: Archiv

Vier Bergepanzer vom Typ „Leopard“ trugen nach ihrem Einsatz zu Jahresbeginn in Schleswig-Holstein nun auch im Landkreis Nienburg zur Entspannung der Lage bei. Zuvor hatten sich bereits die damals in Nienburg stationierten Briten und die Stolzenauer Holländer an den Räumungsarbeiten beteiligt.

Schnee bis Mai

Der anhaltende Frost sorgte damals dafür, dass auch noch eine Woche später schweres Gerät im Einsatz war. Tag und Nacht waren bis Ende Februar Männer des kommunalen Räumkommandos des Nienburger Straßenbauamtes, der Bundeswehr, der Engländer und Holländer im Einsatz, um auch die letzten Wege von den weißen Massen zu befreien.

Die Parkuhren ragten gerade noch aus dem Schnee. Foto: Archiv

Die Parkuhren ragten gerade noch aus dem Schnee. Foto: Archiv

Noch wochenlang war Norddeutschland von einer dichten Schneedecke bedeckt. Bis alle Straßen komplett geräumt waren, sollte es noch fast drei Monate dauern. Im schleswig-holsteinischen Husum lag der Schnee beispielsweise noch bis zum 20. Mai 1979.

Schneeschaufeln war eine Tagesaufgabe. Foto: Archiv

Schneeschaufeln war eine Tagesaufgabe. Foto: Archiv

Aus der Not eine Tugend gemacht: Ein Nienburger Autohaus röffnete kurzerhand eine „Schneebar“. Foto: Archiv

Aus der Not eine Tugend gemacht: Ein Nienburger Autohaus röffnete kurzerhand eine „Schneebar“. Foto: Archiv

Der Spaß kam im Winter 1979 jedoch auch nicht zu kurz: Schlittenfahrer in der Wesermarsch. Foto: Archiv

Der Spaß kam im Winter 1979 jedoch auch nicht zu kurz: Schlittenfahrer in der Wesermarsch. Foto: Archiv

Welche Erinnerungen haben Sie an den Jahrhundertwinter 1978/79? Wir freuen uns auf Ihre Geschichten und Fotos. Schicken Sie diese bitte per Mail an lokales@dieharke.de.

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Erstellt:
4. Februar 2021, 06:55 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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