Historischer Freitag: Die letzte schwimmende Brücke der Mittelweser

Historischer Freitag: Die letzte schwimmende Brücke der Mittelweser

Das aus den 30er Jahren stammende Foto zeigt neben der Wagenfähre (beladen mit einem bespannten Leiterwagen und Pkw) zwei Handkähne besetzt mit Melkerinnen, die offensichtlich darauf warten, vom Fährmann zum östlichen Ufer übergesetzt zu werden. Foto: Gemeindearchiv Schweringen

Die Fähre Schweringen ist die letzte schwimmende Brücke der Mittelweser. Und sie fährt klimafreundlich: Um den 70 Meter breiten Fluss zu überqueren braucht sie Strom. „Sie ist eine von zwei per Elektroantrieb betriebene Wagenkettenfähren in Europa“, sagt Michael Schwessinger (59), Vorsitzender des Traditionsvereins Schweringer Fähre. Eine bauähnliche Fähre mit gleichem Antrieb fährt auf der Saale in Wettin. „Sie ist schon ein Unikat“, sagt Schwessinger. „In Europa gibt es nur sechs Kettenfähren.“ Die auf dem Grund der Weser liegende Kette zieht die Fähre von einem Ufer zum anderen.

Vom 1. März bis 31. Oktober läuft der Fährbetrieb. Die Fähre Schweringen profitiert vom viel befahrenen Weserradweg. Rund 100 Radwanderer am Tag gelangen mit ihr auf direktem Weg von einem Ufer zum anderen. 2017 waren es rund 9.000 Radfahrer im Jahr, 2020 schon 14.000. „Wenn das Wetter so bleibt, werden wir wohl in diesem Jahr auf 17.000 Radfahrer kommen“, sagte Schwessinger an einem sonnigen Tag Ende Juli. Die Corona-Pandemie kommt der Fähre zugute: Viele Menschen sind nicht in die Ferne gereist und machen stattdessen Radtouren durch Deutschland.

Doch nicht nur für Radtouristen ist die Fähre wichtig. Auch Autofahrer nutzen sie, sparen sich den 20 Kilometer langen Umweg über Hoya. Für die Landwirte, die auf der Eystruper Seite der Weser Weiden und Äcker haben, ist die Fähre während der Feldbestellung und in der Erntezeit von Bedeutung. „Ab und zu werden auf der Fähre sogar Rinder mit einem Treibewagen auf die andere Weserseite gebracht“, sagt Schwessinger.

25 Fährleute im Einsatz

Früher gab es einen festangestellten Fährmann. Heute teilen sich 25 Fährleute den Dienst. Als die Fähre Schweringen im Jahr 2000 vom Realverband in Betrieb genommen wurde, reichten die wenigen Fährpatente nicht aus, um die Fährdienste zu gewährleisten. Auch der ehemalige Dorflehrer und Fährmann Christian Müller (83), der so oft es ging, Dienst auf der Fähre schob, erreichte allmählich seine Kapazitätsgrenze. Somit musste man für Nachwuchs sorgen.

Doch welche Ausbildung brauchte man für die neue Fähre, die die alte Gierseilfähre ablöste? Eigentümer der Fähre ist der Realverband Strohfelder. Schon bald nach Inbetriebnahme der neuen Fähre wurde er vom Wasser- und Schifffahrtsamt darauf aufmerksam gemacht, dass zum Betrieb der Fähre die Ausstattung mit einem UBI-Sprechfunkgerät notwendig sei. So mussten die anfangs noch wenigen Fährleute eine Funkscheinausbildung absolvieren.

2007 und 2008 erwarben einige Schweringer Bürgerinnen und Bürger zunächst einmal den Sportbootführerschein Binnen und das Funkzeugnis UBI. Nach erfolgreicher Prüfung wurde schließlich ein eigener Ausbildungsplan für das Fährpatent Mittelweser Kilometer 288 beim Wasser- und Schifffahrtsamt Minden erarbeitet und eine Prüfung konzipiert, die an aktuelle Erfordernisse der Binnenschiffahrt angepasst war. Aktuell machen drei Dorfbewohner ihre Fährscheinausbildung.

Der Realverband verpachtet die Fähre an den 2018 gegründeten Fährverein, der die Fähre betreibt. 130 Mitglieder zählt der Verein inzwischen. Der Unterhalt der Fähre ist kein Pappenstiel. Alle fünf Jahre muss die Fähre von Grund auf überholt werden. Rund 50.000 bis 60.000 Euro kostet die Revision jedes Mal. Michael Schwessinger freut sich über den hohen ehrenamtlichen Einsatz in seinem Verein. „Viele Hände, schnelles Ende“, sagt Fährmann Uwe Nörmann (69). „Er ist der Haupttechniker. Er lebt für die Fähre“, sagt Schwessinger.

Fährstelle seit 1583

1583 wurde die Fährstelle erstmals urkundlich erwähnt. In der von Friedrich-Wilhelm Brand 1999 verfassten Chronik über die Weserfähre, die in einer Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Binnenfähren in Deutschland erschienen ist, schreibt der Autor: „Leider wissen wir aus den Quellen kaum etwas über die Bauweise, die Maße und Kosten sowie die Bauplätze der vielen Wagenfähren, die über die Jahrhunderte in Schweringen über den Fluss wechselten.

Bekannt ist, dass der vorletzte Prahm aus dem Jahr 1905 zwar schon einen geschlossenen Pontonrumpf hatte, allerdings aus Holz unter Verwendung von Verbindungsteilen aus Eisen.“ 1948 wurde die Vorgängerfähre in Betrieb genommen. Sie wurde 1947 auf der für U-Boote spezialisert gewesene Bremer Werft AG Weser gebaut. Sie war 17 Meter lang, 5,50 Meter breit und hatte eine Seitenhöhe von 70 Zentimetern. Sie war aus U-Boot-Stahl gebaut und deshalb besonders robust. Im Herbst 1999 wurde die heutige 20 Meter lange Weserfähre in Dienst gestellt.

Alte Fähre nach Landesbergen

Die alte Fähre hatte der Heimatverein Landesbergen für 10.000 Mark erworben. Im Dezember 1999 wurde sie nach Landesbergen geschleppt, an Land gezogen und auf dem Mühlenplatz ausgestellt. „Wir haben uns schweren Herzens von ihr getrennt“, sagte damals Schweringens Bürgermeister Ludwig Böhme. Heute bereut es Michael Schwessinger. „Die alte Fähre wäre ein schönes Ausstellungsstück.“ In Landesbergen erinnerte sie bis zur Verschrottung im Mai 2017 an die 400 Jahre Fährzeit in Landesbergen. Denn auch in Landesbergen verkehrte eine Weserfähre, bis 1961 die Brücke über den Fluss gebaut wurde.

Die alte Fähre fand ein trauriges Ende: Nur drei Tage dauerte es, dann war die rund 27 Tonnen schwere „Schweringen“ vom Nienburger Recyclingunternehmen Schulz in neun Teile zerlegt und abtransportiert. Die Fähre auf dem Mühlenplatz war in die Jahre gekommen. Der Heimatverein Landesbergen hatte sich aufgelöst, die Fähre dümpelte vor sich hin. Schon monatelang vor der Verschrottung war sie mit einem Flatterband abgesperrt. Die Bohlen waren morsch, ein Betreten zu gefährlich. „Eine Reparatur wäre zu teuer gewesen“, sagte damals Landesbergens Gemeindedirektor Jens Beckmeyer.

Die alte Fähre genügte den Anforderungen nicht mehr, da die landwirtschaftlichen Fahrzeuge immer größer und schwerer geworden sind. Die heutige Fähre hatten die 25 Fährinteressenten – zumeist Landwirte – 1999 auf der Bartel-Werft in Magdeburg in Auftrag gegeben. 353.888 Mark kostete sie. Hinzu kam der Umbau des Fähranlegers, der mit Hochseilmasten ausgerüstet wurde. Die Fähre ist 20 Meter lang und 8,60 Meter breit. Sie wiegt 40 Tonnen. Am 22. Dezember 1999 traf sie nach der Überfahrt in Schweringen ein. Im Frühjahr 2000 startete der Betrieb mir ihr. Seit 2011 fährt die Fähre mit Elektroantrieb. Der Dieselmotor an Bord ist geblieben. Er dient für den Notfall, sollte der Strom einmal ausfallen.

Hochbetrieb beim Kreiselbau

2017 herrschte Hochbetrieb auf der Fähre: Wegen der Kreiselbaus in Hoya sollte der Verkehr teilweise über die Fähre umgeleitet werden. Über 20.000 Autos transportierte die Fähre innerhalb von dreieinhalb Monaten über die Weser. Die Mehreinnahmen wurden allerdings von den stark angestiegenen Instandhaltungskosten aufgefressen.

Im Juli 2018 wurde der Traditionsverein Schweringer Fähre gegründet. Er betreibt seit dem nicht nur die Fähre, sondern will die Fährstelle heimatkundlich aufarbeiten. Ziel ist auch, die Fährstelle unter Denkmalschutz zu stellen. Die alte Bude des Fährmannes ist am Anleger liebevoll hergerichtet worden und gibt einen Einblick, wie er früher den Arbeitstag verbrachte.

Ab und zu kommen Fährliebhaber vorbei. Erst kürzlich hat ein Fährfan die Schweringer Fähre besucht und um einen Stempel für sein Fährbuch gebeten. Der Verein hat erkannt, dass Fanartikel gefragt sind. ImFan-Shop gibt es nun jede Menge hochwertige und nützliche Weserfähren-Geschenke: vom Baby-Strampler über kuschlige Pullover bis zum Kaffeebecher.

Michael Schwessinger ist vom Beruf IT-Fachmann. Man merkt es. „Die Schweringer Fähre ist die einzige Fähre in Europa, bei der man die Schranken mit dem Handy bedienen kann.“, erzählt er. Dann schließt er aus rund 80 Metern Entfernung vom Rastplatz des Fähranlegers die Schranken an Bord. Stolz bemerkt er: „Auf unserer Webseite bekommt unsere Fähre bei der Googlebewertung fast immer fünf Sterne. Besser geht es nicht.“

Die Fährzeiten: 1. Juli bis 30. September 8 bis 12 Uhr und 13 bis 18 Uhr, an Wochenenden 10 bis 18 Uhr. Vom 1. November bis 28. Februar ruht der Betrieb. Die Einzelfahrt kostet einen Euro, Radfahrer zahlen zwei Euro, Autofahrer drei Euro. Weitere Infos unter faehre.schweringen-news.de.