Das Kraftwerk Landesbergen in der seiner Hochzeit mit vier Schornsteinen. Foto: Statkraft

Das Kraftwerk Landesbergen in der seiner Hochzeit mit vier Schornsteinen. Foto: Statkraft

Landesbergen 17.12.2021 Von Arne Hildebrandt

Historischer Freitag: Kraftwerk Landesbergen

Kraftwerk in Landesbergen 1962 erbaut / Es war das erste Großkraftwerk in Deutschland / Heute nur noch Reservekraftwerk / Biomassekraftwerk der neue Stromerzeuger

Es war einst das modernste Erdkraftwerk Europas. Heute ist das vom norwegischen Energieerzeuger Statkraft betriebene Kraftwerk Robert-Frank an der Weser in Landesbergen nur noch ein Reservekraftwerk, das Strom in Spitzenzeiten erzeugt. Namensgeber für das Kraftwerk war Robert Frank (1879-1961), von 1927 bis 1933 Mitglied des ersten Preussen-Elektra-Vorstands.

Das im Mai 2004 offiziell in Betrieb genommene Biomasseheizkraftwerk auf dem Gelände des Gaskraftwerkes an der B 215 hat die Stromproduktion übernommen. Für 40 Millionen Euro hat es der Eon-Konzern als größtes Werk dieser Art in Niedersachsen erbaut. Heute gehört es ebenfalls zu Statkraft. In dem 20-Megawatt-Biomasseheizkraftwerk werden jährlich rund 140.000 Tonnen Altholz, zum Beispiel Sperrmüll, alte Möbel, Dachstühle aus Gebäudeabrissen und Baustellenholz verbrannt und in Energie zur Stromerzeugung verwandelt. Statkraft veröffentlicht jedes Jahr einen Emissionsbericht auf der Firmen-Webseite und in der HARKE.

Das Kraftwerk Landesbergen noch mit vier Schornsteinen. Foto: Archiv

Das Kraftwerk Landesbergen noch mit vier Schornsteinen. Foto: Archiv

140.000 Megawatt Strom im Jahr

„Rund 140.000 Megawatt Strom im Jahr erzeugt das Biomassekraftwerk. Das entspricht dem Stromverbrauch von rund 35.000 Vier-Personen-Haushalten. Der Betrieb des Kraftwerks spart jährlich rund 124.000 Tonnen CO2 ein – etwa so viel wie 61 moderne Windkraftanlagen. Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz“, sagen Kraftwerksleiter Wolfgang Mönig und Maik Thalmann, bei Statkraft Leiter der Stromerzeugung in Deutschland. 16 Monate dauerte die Bauzeit. Prominentester Teilnehmer der etwa 300 geladenen Gäste bei der Einweihung waren Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Christian Wulf, der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander und Landwirtschaftsminister Heiner Ehlen.

Maik Thalmann, Statkraft-Leiter Stromerzeugung in Deutschland. Foto: Statkraft

Maik Thalmann, Statkraft-Leiter Stromerzeugung in Deutschland. Foto: Statkraft

Preussen-Elektra ging im Jahr 2000 in Eon auf, seit 2009 wird das Kraftwerk von Statkraft Germany mit Sitz in Düsseldorf betrieben. Landesbergen ist ein alter Kraftwerksstandort. 350 Mitarbeiter waren in den 1970er-Jahren im Kraftwerk Robert Frank beschäftigt. Heute sind es 29. Erdgasfunde im nahen Ems-Gebiet während der 50er-Jahre sowie ausreichend Kühlwasser für den Betrieb eines großen Kraftwerks bestimmten die Entscheidung für den Bau der Anlage auf Erdgasbasis.

Das Gas gelangte über eine 50 Kilometer lange Pipeline mit Unterquerung der Weser in das Kraftwerk. Block 1 ging am 6. Dezember 1962 in Betrieb, Block 2 im Frühjahr 1963. Beide baugleichen Blöcke erzeugten zusammen 300 Megawatt Strom. Am 15. Dezember 1967 ging um 21.29 Uhr Block 3 ans Netz und lieferte 310 Megawatt Strom. Block 4, ein Gas-Dampf-Kombiblock, wurde 1973 in Betrieb genommen. Zunächst wurde eine Dampfturbine mit 455 Megawatt in Betrieb genommen. Ein Jahr später wurde eine Gasturbine mit weiteren 55 Megawatt vorgeschaltet.

Holger Bicknäse im Kontrollraum des Biomassekraftwerkes. Foto: Oliver Tjaden/Statkraft

Holger Bicknäse im Kontrollraum des Biomassekraftwerkes. Foto: Oliver Tjaden/Statkraft

350 Mitarbeiter in den 70er Jahren

350 Mitarbeiter waren in den 1970er Jahren im Kraftwerk Robert Frank beschäftigt. Zwischen 1974 und 1983 wurden alle vier Blöcke von einer gemeinsamen Warte aus gefahren und überwacht. Bis 1983 waren alle vier Blöcke in Betrieb. In den Jahren 1983, 1985 und 1996 wurden aus betriebswirtschaftlichen Gründen nacheinander die ersten drei Blöcke stillgelegt.

Am 20.Juli 1984 um 10.54 Uhr kam es durch einen Kurzschluss im Transformator zu einem Brand. Im November 1987 wurden 25 Jahre Standort gefeiert.

Die 165 Meter hohen Schornsteine der ersten beiden Blöcke wurden Mitte der 90-er Jahre abgerissen. Der dritte rund 180 Meter hohe Schornstein mit 22 Metern Durchmesser ist im Juli 2008 abgerissen worden. Gleichzeitig wurde das 1966 gebaute und seit 1997 stillgelegte 45 Meter hohe, rund 54 Meter lange und 32 Meter breite Kesselhaus von Block 3 abgerissen. Inzwischen kann nur noch der zuletzt gebaute Block 4 betrieben werden. „Im Jahr 2013 wurde beschlossen das Gaskombikraftwerk am Kraftwerksstandort Landesbergen in Kaltreserve zu stellen. Vorausgegangen war eine intensive Analyse der wirtschaftlichen Perspektiven des Kraftwerks. Die Entwicklungen der europäischen Energiemärkte war ein wesentlicher Treiber für diese Entscheidung“, sagt Maik Thalmann.

Das Biomassekraftwerk und das Gaskraftwerk in Landesbergen. Foto: Oliver Tjaden/Statkraft

Das Biomassekraftwerk und das Gaskraftwerk in Landesbergen. Foto: Oliver Tjaden/Statkraft

„Seit Oktober 2020 liefert die Gasturbine des Gaskombikraftwerks Kapazitätsreserve für die Übertragungsnetzbetreiber. Die Kapazitätsreserve ist von der Bundesnetzagentur eingeführt worden, um eine Notreserve bei drohenden Netzausfällen durch Unterversorgung aufzubauen. Auf Anforderung der Netzbetreiber können wir die Gasturbine innerhalb von acht Stunden aktivieren. Bisher wurde die Gasturbine aber nicht für Kapazitätsreserve angefordert“, erklären Thalmann und Mönig.“Grundsätzlich ist es technisch möglich, die Dampfturbine zu reaktivieren, jedoch ist die Perspektive derzeit aus Gründen der Wirtschaftlichkeit ungewiss.

Keine Pläne für Reaktivierung der Dampfturbine

Derzeit gibt es keine Pläne die Dampfturbine zu reaktivieren. Künftig könnten moderne Gas- und Dampfturbinen-Anlagen (GuD-Anlagen) mit Wasserstoff statt mit Erdgas betrieben werden – es ist durchaus möglich, dass neue Gaskraftwerke in Zukunft wasserstofftauglich sein müssen. Bereits heute könnten bestehende GuD-Anlagen mit bis zu 25 Prozent Wasserstoff betrieben werden. Wir prüfen, was das für unsere Anlagen bedeutet und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um im Bedarfsfall Wasserstoff einsetzen zu können.“

Wolfgang Mönig, Leiter des Kraftwerkes in Landesbergen. Foto: Statkraft

Wolfgang Mönig, Leiter des Kraftwerkes in Landesbergen. Foto: Statkraft

Die Gemeinde Landesbergen hat sich durch das Kraftwerk rasant entwickelt. Allein in den Jahren 1957 bis 1967 hat sich die Einwohnerzahl um über 400 oder um 20 Prozent erhöht. Mit der Ansiedlung des Kraftwerkes ist die sogenannte Preag-Siedlung für die Arbeitskräfte, die von außerhalb zugezogen sind, entstanden. Landesbergen blühte dank sprudelnder Gewerbesteuer durch das Kraftwerk auf. Aus Dankbarkeit und als Zeichen der Verbundenheit mit dem Kraftwerk fügte die Gemeinde 1971 einen Stromblitz in ihr Gemeindewappen ein.

Bei der 50-Jahrfeier im September 2012 sagte Statkraft-Vorstand Steinar Bysveen: „1962 war das Gaskraftwerk in Landesbergen ein Pionier. Es war das erste Großkraftwerk in Deutschland. 2003 war es wieder ein Pionier, als das Biomassekraftwerk in Betrieb ging.“ Er lobte die rund 50 Mitarbeiter, die heute noch am Standort arbeiten. „Sie legen jeden Tag Energie und Kraft in ihre Arbeit.“ Dr. Gundolf Dany, Geschäftsführer Startkraft Markets GmbH sagte während der Feier: „Das Kraftwerk ist gut in Schuss. Dennoch: Der große Kamin raucht zu wenig in letzter Zeit wegen der energiepolitischen Lage.“ Es sei der größte Wandel in der Energiepolitik seit der Liberalisierung Ende der 90-er Jahre. „Regenerative Energien werden weiter ausgebaut, das ist sicher. Wir brauchen aber auch weiter thermische Kraftwerke. Es gibt Szenarien, wie man das umsetzt. Einige schmecken uns nicht, einige stimmen uns aber zuversichtlich.“

Beim Tag der offenen Tür im Kraftwerk. Foto: Archiv

Beim Tag der offenen Tür im Kraftwerk. Foto: Archiv

Von den 29 Mitarbeitern im Biomassekraftwerk arbeiten 15 im Drei-Schichtdienst, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Vier Personen sind in der Verwaltung, zehn Mitarbeiter arbeiten in der Instandhaltung und Planung. „Durch den technischen Fortschritt – der Automatisierungsgrad ist gestiegen, manuelle Arbeit hat sich verlagert auf die Betreuung und Steuerung von Anlagen und Maschinen kommt der Betrieb eines Kraftwerkes heutzutage mit weniger Personal aus“, sagt Wolfgang Mönig, der das Kraftwerk Landesbergen seit 2006 leitet.

30 ehemalige Mitarbeiter an den Folgen von Asbest gestorben

„Während es früher viel mehr spezialisierte Jobprofile gab, haben die Kollegen jetzt eine viel breiter gefächerte Expertise. Die Mitarbeiter haben sich von Spezialisten zu Generalisten im technischen Bereich entwickelt. Früher gab es am Kraftwerkstandort auch Gärtner, Maurer, Maler, Schlosser oder Elektriker – heutzutage werden Gewerke, die nicht zum Kerngeschäft des Kraftwerkbetriebs gehören, extern vergeben.“

Bau des dritten Blocks. Foto: Statkraft

Bau des dritten Blocks. Foto: Statkraft

Ein trauriges Kapitel in der Kraftwerksgeschichte: Bis heute sind nach Angaben des Vorsitzenden der Asbestose-Selbsthilfegruppe Landesbergen Ernst Branding (80) 30 ehemalige Mitarbeiter gestorben, weil sie im Werk Asbest eingeatmet haben. Unter den Opfern sind nicht nur technische Angestellte, sondern auch Meister, Techniker und Ingenieure. Branding, der bis 1996 über 30 Jahre im Kraftwerk gearbeitet hat, kannte alle Verstorbenen persönlich.

„Liebe, nette Kollegen. Das trifft einen dann schon.“ Hauptursache waren die Revisionen, bei denen die Isolierung der Turbinen abgeschlagen wurde und sich dabei der giftige Asbeststaub im Werk verbreitete. „Ab 1994 begann im Kraftwerk die Asbestsanierung. Heute ist das Kraftwerk asbestfrei“, sagt Branding.

Zum Artikel

Erstellt:
17. Dezember 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 50sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.