Das Quaet-Faslem-Haus hat sich seit dem Jahr 1960 kaum verändert, nur das Straßenbild sieht mittlerweile anders aus. Foto: Archiv

Das Quaet-Faslem-Haus hat sich seit dem Jahr 1960 kaum verändert, nur das Straßenbild sieht mittlerweile anders aus. Foto: Archiv

Nienburg 12.11.2021 Von Mara Kakoschke, Von Helge Nußbaum

Historischer Freitag: Quaet-Faslem – eine Nienburger Persönlichkeit

Der unvergessene Architekt prägt bis heute das Bild der Stadt an der Weser. Vor 236 Jahren wurde Emanuel Bruno Quaet-Faslem geboren, vor 170 Jahren starb er.

Am 2. Juli 1851, vor 170 Jahren, starb Emanuel Bruno Quaet-Faslem, den die Nienburger gern als einen der bedeutendsten Bürger ihrer Stadt im 19. Jahrhundert bezeichnen. Geboren wurde er vor fast genau 236 Jahren am 10. November 1785 in Dendermonde/Flandern (Belgien).

Das Wirken des Königlichen Baurats, Senators und Ehrenbürgers Nienburgs wurde schon oft gewürdigt, denn er schuf einige bedeutende Bauten im Stil des Klassizismus und Historismus.

Der Vater des späteren Nienburger Ehrenbürgers war ein so starker Verfechter freiheitlicher Gedanken gewesen, dass er am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilnahm. Nach seiner Rückkehr in die damaligen Niederlande wurde er Kommandant der Festung Dendermonde. Dort, in dem schönen flämischen Schelde-Städtchen, erblickte Bruno Emanuel Quaet-Faslem im Jahre 1785 das Licht der Welt.

Studium an der Universität Gent

Als Student besuchte er die flämische Universität Gent unter anderem bei dem Architekten Jean Baptiste Pisson. Schon im Alter von 23 Jahren gewann er einen Preis, den die Genter Akademie der Künste ausgesetzt hatte. Dabei rangierte er vor Bewerbern aller belgischen Städte, darunter auch solchen aus Brüssel. Voller Stolz auf den jungen Preisträger gewährte ihm seine Heimatstadt Dendermonde ein Stipendium für ein zweijähriges Studium an der Universität Paris.

Emanuel Bruno Quaet-Faslem gründete die Baugewerkschule. Foto: Archiv

Emanuel Bruno Quaet-Faslem gründete die Baugewerkschule. Foto: Archiv

Als Quaet-Faslem in die französische Hauptstadt kam, hatte Napoleon bereits die Revolution überwunden. Zur Verherrlichung seiner Taten befahl der ruhmreiche Feldherr den Bau des „Arc de Triomphe“. Quaet-Faslem soll an diesem gewaltigen Triumphbogen mitgearbeitet haben. Bald darauf lenkte man die Aufmerksamkeit Napoleons auf den jungen flämischen Architekten, als französische Ingenieure beim Bau der Alpenstraße über den Simplon vor scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten standen.

Quaet-Faslem löste die ihm gestellte Aufgabe und wurde dafür vom Kaiser ausgezeichnet. Als dieser dann im Jahre 1810, nach der Eingliederung Nordhannovers in sein Imperium, die Schaffung eines ausgedehnten Straßensystems in Nordwestdeutschland anordnete, gehörte erneut Quaet-Faslem zu den tatkräftigen Ingenieuren, die dieses gewaltige Projekt vorantrieben. Ihm wurde die Bauleitung für den Teilabschnitt Osnabrück-Bremen übertragen. Sein Quartier hatte er in Bassum genommen. Dort lernte er Johanne, die Tochter des Bassumer Steuereinnehmers Richter, kennen und lieben. 1812 wurde geheiratet, und 1813 kam der Sohn Friedrich Emanuel zur Welt, das einzige Kind der Eheleute.

Das Quaet-Faslem-Haus wurde 1821 im klassizistischen Stil erbaut. Foto: Archiv

Das Quaet-Faslem-Haus wurde 1821 im klassizistischen Stil erbaut. Foto: Archiv

Um 1817 ließ Quaet-Faslem sich vermutlich in Nienburg nieder; als französischer Bürger in eine französische Stadt, denn: Nienburg gehörte fast zwei Jahre lang zu Frankreich. Von Nienburg aus hat Quaet-Faslem nach dem Zusammenbruch Frankreichs mit privaten Finanzmitteln an den geplanten Straßen weitergebaut.

Aber warum gerade Nienburg? Nicht von der Hand zu weisen ist, dass ihn das reiche Betätigungsfeld lockte, das sich hier auftat: „Nienburg ist ein Kälberstall, es soll groß werden“ – so oder so ähnlich soll sich Quaet-Faslem geäußert haben.

Einfluss auf Nienburgs Bauwesen

Die noch unter Napoleons Befehl geschleiften Festungsmauern in Nienburg forderten den jungen, energischen Architekten geradezu heraus, in den neu gewonnenen Flächen ein Betätigungsfeld zu sehen. Auf dem ehemaligen Festungsgelände nahe des Leintores entstanden Quaet-Faslems erste Bauten: sein eigenes Wohnhaus, in dem sich heute das Nienburger Museum befindet, und ein neues Schulgebäude.

Eine Postkarte der Baugewerkschule aus 1912. Foto: Archiv

Eine Postkarte der Baugewerkschule aus 1912. Foto: Archiv

In kurzer Zeit gewann er maßgebenden Einfluss auf das gesamte Bauwesen Nienburgs. 1824 wurde unter Quaet-Faslem im Nordteil des Schloßplatzes ein Gebäude errichtet, das die Bürger-/Volksschule beheimatete. Unter dem Namen Schloßplatzschule zog diese 1908 in ein neues Backsteingebäude im Westen des Platzes und wurde 1925 offiziell in Friedrich-Ebert-Schule umbenannt. Der prominente Quaet-Faslem-Bau nahm in der Folge die Haushaltungsschule, von den Nienburgern auch liebevoll „Puddingakademie“ genannt, das Eichamt und das Arbeitsamt auf, bevor er 1945 eigenen Fliegerbomben zum Opfer fiel. Die von Quaet-Faslem erbaute Synagoge an der Ostseite des Schloßplatzes wurde in der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört.

Die Bekanntmachung der Baugewerkschule aus dem Jahr 1852. Foto: Archiv

Die Bekanntmachung der Baugewerkschule aus dem Jahr 1852. Foto: Archiv

Ehrenbürger und Senator

Schon bald nach Errichtung seiner ersten Bauten in den 1820er-Jahren würdigte die Stadt seine vielfältigen Verdienste: Er wurde Ehrenbürger, Baurat und Senator für das Bauwesen. Quaet-Faslem verschaffte der Stadt wieder eine Garnison, er veranlasste die Kultivierung von Moorflächen zwischen Nienburg und Langendamm, trat als Abgeordneter in Hannover erfolgreich für die Einrichtung einer Bahnstation in Nienburg ein und war der Gründer der Nienburger Realschule, aus der nach seinem Tod die Baugewerkschule für Architektur und Bauingenieurwesen hervorgehen sollte.

So wurde er zu der markanten Persönlichkeit, ohne die man sich das damalige Nienburg überhaupt nicht vorstellen kann. Es war etwas Patriarchalisches in der Gestalt Quaet-Faslems, der im Grunde allein die Geschicke der Stadt lenkte. Das Jahr 1848 brachte seiner überragenden Stellung jedoch ein jähes Ende. Eine aufgebrachte Menge warf ihm die Fensterscheiben ein und – was ihn persönlich noch stärker traf – zerstörte die von ihm initiierten Moorkulturen.

Heute beheimatet das Quaet-Faslem-Haus an der Leinstraße 4 das Nienburger Museum mit einer Dauerausstellung über den Bauherren. Foto: Kakoschke

Heute beheimatet das Quaet-Faslem-Haus an der Leinstraße 4 das Nienburger Museum mit einer Dauerausstellung über den Bauherren. Foto: Kakoschke

Quaet-Faslem hat die Ereignisse des unruhigen Jahres 1848 nie ganz verwunden. Im Jahr 1851 zog Emanuel Bruno Quaet-Faslem ein letztes Mal mit den Bürgerkompanien auf den Scheibenplatz, den er selbst entworfen hatte. Kurze Zeit später, am 2. Juli, verstarb der Baumeister. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof an der Verdener Landstraße.

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12. November 2021, 09:00 Uhr
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