Vier ehemalige Zwangsarbeitende des Werkes beim intensiven und sehr freundschaftlichen Wiedersehen im Jahr 2002: Jouke Wind und Joop van der Eijck aus den Niederlanden umrahmen Iwan Dudar und Katerina Derewjanko (Ukraine). Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Vier ehemalige Zwangsarbeitende des Werkes beim intensiven und sehr freundschaftlichen Wiedersehen im Jahr 2002: Jouke Wind und Joop van der Eijck aus den Niederlanden umrahmen Iwan Dudar und Katerina Derewjanko (Ukraine). Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Liebenau, Steyerberg 09.07.2021 Von Mara Kakoschke, Von Helge Nußbaum

Historischer Freitag: Wie aus Fremden Freunde wurden

Die „Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau“ fördert den Austausch mit ehemaligen Zwangsarbeitenden

Bei der Errichtung der Pulverfabrik zwischen Liebenau und Steyerberg spielte die Zwangsarbeit Tausender Frauen und Männer eine erhebliche Rolle. Mehrere Lager waren Teil der zwölf Quadratkilometer umfassenden Anlage und dienten während des Zweiten Weltkrieges der Unterbringung von Arbeitskräften aus unterschiedlichen Nationen.

Teilweise gehören die Gebäudekomplexe noch heute zum Ortsbild der Gemeinden Liebenau und Steyerberg – wie zum Beispiel die „Waldsiedlung“, der „Lebensgarten“ oder „Ledigenheim“ (heute der Landsitz Eickhof). Nach dem „Historischen Freitag“ über die Geschichte der „Anlage Karl“ wird nun die im Rahmen dessen erbrachte Zwangsarbeit sowie die Aufarbeitung durch die „Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau“ beleuchtet.

Zwangsarbeit in der Pulverfabrik

Im Sommer 1939 startete der Bau einer Pulverfabrik in unmittelbarer Umgebung der Ortschaften Liebenau und Steyerberg. Zu Beginn der Bauarbeiten waren 3000 bis 4000 Kräfte im ständigen Einsatz, Einheiten des „Reichsarbeitsdienstes“ sowie über 70 Vertragsfirmen übernahmen den Aufbau der Pulverfabrik. Beim Bau und in der Produktion des unter dem Decknamen „Anlage Karl“ bekannten Werksgeländes wurden jedoch von 1939 bis 1945 verhältnismäßig wenig deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter eingesetzt, dafür aber weit mehr als 11 000 ausländische Kräfte.

Am stärksten vertreten waren Frauen und Männer aus Polen, Belgien, Frankreich und den Niederlanden sowie der ehemaligen Sowjetunion, die zum größten Teil aus der heutigen Ukraine stammten. Im Sommer 1940, ein Jahr nach Baubeginn der Pulverfabrik, wurde an der Liebenauer Schloßstraße das „Polizei-Gewahrsamslager“ der Gestapo Hannover, später in „Arbeitserziehungslager“ (AEL) Liebenau umbenannt, eingerichtet.

Neben der Ausbeutung der Arbeitskraft diente das Lager auch zur Abschreckung, Einschüchterung und Disziplinierung der Arbeitskräfte auf der Baustelle selbst.

Auf dem heutigen Gelände der Liebenauer Schule standen damals die Baracken dieses Lagers. Nach dem Überfall auf die russische Bevölkerung am 21. Juni 1941 wurden viele, oft schon sehr erschöpfte, sowjetische Kriegsgefangene in der Pulverfabrik zwangsmäßig eingesetzt. Bis 1945 starben über 2000 dieser Frauen und Männer an den harten Lebensumständen und der schlechten Verpflegung.

1942: Die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen Maria Timoschenko, Pelageja Struk und Valentina Serdjuk, unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Pulverfabrik Liebenau. Die Aufnahme entstand im „Ostarbeiterlager“ Steyerberg, das zum Komplex von acht Arbeiterlagern der Pulverfabrik gehörte. Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

1942: Die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen Maria Timoschenko, Pelageja Struk und Valentina Serdjuk, unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Pulverfabrik Liebenau. Die Aufnahme entstand im „Ostarbeiterlager“ Steyerberg, das zum Komplex von acht Arbeiterlagern der Pulverfabrik gehörte. Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Katerina Derewjanko aus der Ukraine besuchte 1998 als erste ehemalige Zwangsarbeiterin Liebenau. Sie wurde im Frühjahr 1943 als Jugendliche zur Zwangsarbeit nach Liebenau und Steyerberg deportiert. Da sie aus der damaligen Sowjetunion kam, wurde Derewjanko im „Ostarbeiterlager“ Steyerberg untergebracht und musste stets eine „OST“-Kennzeichnung an der Kleidung tragen.

Erst 1945, nach zwei Jahren seelischer Strapazen und schwerster körperlicher Arbeit in der Pulverproduktion, konnte sie in ihre Heimat zurückkehren. Oftmals hörte das Leid jedoch auch nach der Heimkehr nicht auf, denn viele Rückkehrende wurden ausgegrenzt, da sie sich an der Waffenproduktion beteiligt und somit gegen das eigene Land gestellt haben sollen.

Die Gründung der Dokumentationsstelle

Der eindrucksvolle, nachhaltige Austausch mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie die verstärkten Anfragen nach Nachweisen und Dokumenten führten im Mai 1999 zu der Gründung des Vereins „Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau“, der besonders von der Samtgemeinde Liebenau getragen wird. Seitdem ergründet und rekonstruiert das vom Land Niedersachsen geförderte Rechercheprojekt die Geschichte der Pulverfabrik sowie der in diesem Zusammenhang errichteten Bauten und Lager.

Im Fokus steht dabei besonders die Zwangsarbeit von über 20 000 Europäerinnen und Europäern während der Zeit des Nationalsozialismus. Martin Guse, einer der Mitinitiatoren des Vereins, kann viel über die damaligen Arbeitsbedingungen berichten, hat selbst mehrfach Reisen nach Osteuropa unternommen und steht bis heute in engem Kontakt mit ehemaligen Zwangsarbeitenden oder deren Nachfahren. „Es ist wichtig, nicht zu schweigen“, betont Guse. „Wir wollen Opfer aus der Anonymität holen, den Toten ihre Namen zurückgeben und Angehörigen Gewissheit verschaffen.“

Besonders wichtig ist dem Diplom-Sozialpädagogen die Jugendarbeit, die unter anderem durch möglichst mehrtägige Workshops und jährliche, internationale Austauschprojekte gefördert wird. In der Dokumentationsstelle, die sich aktuell außerhalb des Gesamtgeländes befindet, sollen Interessierte – vor allem Schülerinnen und Schüler unterschiedlichster Jahrgänge – die Möglichkeit zur Annäherung und Auseinandersetzung mit der Thematik Nationalsozialismus erhalten.

Gedenktreffen und Jugendaustausch

2002 waren erstmals acht ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf Einladung der Dokumentationsstelle für eine Woche zu Besuch in Liebenau. Das Gedenktreffen sollte unter anderem dem Austausch der Betroffenen und ihrer Angehörigen untereinander dienen, die aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengekommen waren. Auch zwölf jungen Menschen hatten unter der Leitung von Martin Guse in Form einer Arbeitsgemeinschaft an den Treffen teilgenommen und diese aktiv mitgestaltet.

Innerhalb dieser Tage wurden neben dem Austausch von intensiven Gesprächen und erschütternden Zeitzeugenberichten schnell freundschaftliche Kontakte geknüpft, die auf zahlreichen weiteren Treffen in den folgenden Jahren vertieft wurden. Das weitläufige Pulverfabrik-Gelände und der ehemalige Standort des „Arbeitserziehungslagers“ wurden ebenfalls gemeinsam besichtigt.

Iwan Dudar im Jahr 1946, nach seiner Rückkehr in die Heimat. Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Iwan Dudar im Jahr 1946, nach seiner Rückkehr in die Heimat. Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Zu den Besuchern im Jahr 2002 gehörte neben Katerina Derewjanko, die bereits zum dritten Mal in Liebenau war, auch Iwan Dudar. Als junger Mann wurde er aus seinem Heimatort, dem ukrainischen Klischki, nach Deutschland verschleppt. Nach kurzen Aufenthalten in Berlin und Bielefeld brachte man ihn in die Liebenauer Pulverfabrik. Ab Oktober 1942 erfuhr Dudar die harten Lebensumstände im „Ostarbeiterlager“ und musste die dortigen Missstände sowie Todesfälle hautnah miterleben.

Über seine Erfahrungen berichtete er der Dokumentationsstelle: „Die ‚Ostarbeiter‘ hungerten. Bei einigen waren die Beine geschwollen und alle waren sehr mager. Wir durften das Lager nicht verlassen. Die Sterblichkeit war wegen der schweren Arbeit und des Hungers sehr hoch. Es herrschte eine sehr strenge Disziplin und die Menschen wurden geschlagen. Es war eine grausame, unmenschliche ‚Erziehung‘ gegenüber Menschen, die nicht durch ein Gesetz geschützt waren. Und in Liebenau gab es außerdem ein Extralager. Wegen Sabotage, wegen Diebstahles oder wegen einer ‚Störung des Tagesablaufes‘ bekamen die Arbeiter 12, 16, 24, 30 und mehr Tage Haft. Aus diesem Lager kamen nur wenige ‚Skelette‘ zurück, die sich kaum bewegen konnten – andere sind gar nicht zurückgekehrt.“

Iwan Dudar im Jahr 2005 bei einem Besuch in Liebenau.  Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Iwan Dudar im Jahr 2005 bei einem Besuch in Liebenau. Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Bildungsstätte mit verschiedenen Präsentationsformen entsteht

Auch die Staatsanwaltschaft Verden stellte im Jahr 1962 zu den Lebensbedingungen im „Arbeitserziehungslager“ in Liebenau fest: „Die allgemeinen Lagerverhältnisse entsprachen im Wesentlichen denen eines Konzentrationslagers. Die Häftlinge mussten bei schlechter Verpflegung schwer arbeiten und wurden häufig misshandelt. Die ärztliche Versorgung war mangelhaft. Infolge dieser Verhältnisse starb eine große Zahl von Häftlingen.“

Während des Kriegsverlaufes hatte das Standesamt Liebenau insgesamt 277 Todesfälle unter Zwangsarbeitenden beurkundet – allein 250 von ihnen starben in diesem „Arbeitserziehungslager“. Auch sie sind auf dem damaligen Werksfriedhof, der heutigen Kriegsgräberstätte Deblinghausen-Hesterberg, beerdigt. Für insgesamt 653 von über 2000 Todesopfer konnte die Dokumentationsstelle bisher die Namen ermitteln, die man dort nun auf Stahl-Gedenktafeln lesen kann.

Internationale Jugendprojekte: Auf dem Schulhof der damaligen Hauptschule Liebennau entstand im Jahr 2007 der„Friedensplatz“. Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Internationale Jugendprojekte: Auf dem Schulhof der damaligen Hauptschule Liebennau entstand im Jahr 2007 der
„Friedensplatz“. Foto: Dokumentationsstelle Pulverfabrik

Für die Opfer des „Arbeitserziehungslagers“ wurde eine Gedenktafel an der heutigen Schulanlage in Liebenau angebracht. Ein Friedensplatz erinnert ebenfalls an sie. Bis 2023 entsteht zudem in einem Gebäudetrakt der ehemaligen Hauptschule, am historischen Ort des damaligen „Arbeitserziehungslagers“, eine Gedenk- und Bildungsstätte mit unterschiedlichen Präsentationsformen, in der die historischen Fakten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Betreten des gesamten Geländes der Pulverfabrik in Liebenau ist verboten und wird zur Anzeige gebracht. Ausgenommen hiervon sind Führungen, die über die Dokumentationsstelle angemeldet werden können. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite der Dokumentationsstelle.

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Erstellt:
9. Juli 2021, 08:18 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 35sec

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