Der Weser-Radweg kann auch auf Teilstücken in Angriff genommen werden, wie von dieser Gruppe in Nienburg. Foto: Mittelweser-Touristik

Der Weser-Radweg kann auch auf Teilstücken in Angriff genommen werden, wie von dieser Gruppe in Nienburg. Foto: Mittelweser-Touristik

Landkreis 22.10.2021 Von Heidi Reckleben-Meyer

Historischer Freitag: der Weserradweg

Vom „Hirngespinst“ zum touristischen Zugpferd / Der Weser-Radweg blickt 2022 auf eine 30-jährige Geschichte / Idee, Skepsis, Umsetzung, Hürden und Erfolg

Die Bevölkerung winkte erst ab. Doch ihr belächeltes „Hirngespinst“ mauserte sich zu einem bundes- und europaweit beachteten touristischen Zugpferd: dem Weser-Radweg mit einer Wertschöpfung von rund 6,5 Millionen Euro. Die Summe lassen jährlich gut 150.000 Radtouristen springen. Nach einer Idee 1984, der Geburt 1989 und mit beträchtlichen Anlaufproblemen in den 1990ern läuft der Weser-Radweg 2022 in sein 30. Jahr.

Immer vorn dabei

Der Weser-Radeweg hat sich etabliert: Seit 20 Jahren behauptet er sich im Ranking der großen bundesdeutschen Fernradwege stets unter den beliebtesten fünf. In diesem Jahr liegt er nach der Radverkehrsanalyse des ADFC auf Platz zwei – im Vorjahr sogar auf Platz 1. Er wurde zum zweiten Mal als 4-Sterne-Qualitätsradroute vom ADFC zertifiziert, das erste Mal von 2017 bis 2019 und aktuell von 2020 bis 2022.

Viele Radwanderer schauen, was es entlang der Strecke zu entdecken gibt. Foto: Mittelweser-Touristik

Viele Radwanderer schauen, was es entlang der Strecke zu entdecken gibt. Foto: Mittelweser-Touristik

Dieser Erfolg hat viele Eltern. 1984 trafen sich Kommunal- und Landespolitik sowie Touristiker zum Weser-Tag im Kloster Corvey bei Höxter. Dabei der nordrhein-westfälische Städtebauminister Christoph Zöpel. Der ergriff die Initiative, denn solch ein Fernradweg entlang des Flusses passte in Zöpels Weserprogramm, an dem die Weseranrainer Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Bremen beteiligt waren.

Potenzial nicht erkannt

Allerdings sollten noch acht Jahre vergehen, bis der Weser-Radweg konkrete Gestalt annahm: Acht Jahre Gespräche und Verhandlungen mit den beteiligten Bundesländern, mit 26 Städten und zig Gemeinden, viele Arbeitsschritte waren nötig – vor allem Überzeugungsarbeit. Beispiel aus dem Gemeinderat Landesbergen: Radtourismus? „Blödsinn. Wer mit dem Rad in Urlaub fährt, der hat kein Geld.“ An der Auffassung änderte auch der seinerzeit meistbefahrene Donau-Radweg zwischen Passau und Wien nichts, der als Vorbild für den Weser-Radweg diente. Ebenso wenig die Tatsache, dass Radtouristen damals schon rund 49 Mark pro Tag entlang der Strecke ausgaben.

Abseits von Hauptverkehrsstraßen, ohne nennenswerte Steigungen und auf gut befahrbaren Strecken führt der Weg durch eine vielfältige Flusslandschaft. Und auch für gemütliche Pausen gibt es schöne Plätze. Foto: Mittelweser-Touristik

Abseits von Hauptverkehrsstraßen, ohne nennenswerte Steigungen und auf gut befahrbaren Strecken führt der Weg durch eine vielfältige Flusslandschaft. Und auch für gemütliche Pausen gibt es schöne Plätze. Foto: Mittelweser-Touristik

Die vier Bundesländer wandten sich 1989 beim Weser-Tag mit der Bitte an den Weserbund Bremen, die Federführung für Konzeption und Umsetzung des Fernradwegs zu übernehmen. Der Weserbund sagte Ja und betraute dessen Geschäftsstelle, für Streckenführung, Beschilderung, guten Zustand und Marketing zu sorgen – teils belächelt, „weil einige Kommunalvertreter zu dieser Zeit das touristische Potenzial eines Weser-Radweges nicht erkannten“, unterstreicht Ralf Rüdiger Heinrich, der 40 Jahre lang Geschäftsführer des Weserbunds war.

Klar, die Kommunen sollten selbst für Beschilderung und guten Zustand des Radwegs in ihren Gefilden sorgen. Das durfte bloß kein Geld kosten.

Infrastruktur verbessern

Doch nach der Eröffnung 1992 stieg die Zahl der Radler, die „die schönste Reise entlang der Weser“, so der Werbeslogan, für sich entdeckten. Und mit der unübersehbaren Zahl der Radtouristen aus dem Bundesgebiet wuchs die Bereitschaft in den Gemeinden, Städten und Landkreisen, die radtouristische Infrastruktur des Weges wesentlich zu verbessern. So entstanden neue Radwege in Flussnähe, vor allem abseits des Autoverkehrs, Wegeoberflächen wurden optimiert und Rastplätze sowie Unterstellmöglichkeiten hergerichtet.

Wegen einer Änderung im Gemeinnützigkeitsrecht musste der gemeinnützige Weserbund die touristische und auf Wirtschaftsinteressen ausgerichtete Betreuung des Weser-Radwegs abgeben. Der Weserbund-Vorstand beschloss mit Unterrichtung der Mitgliederversammlung 2001, die „WeserKontor“-Gesellschaft Bremen mit der Betreuung zu beauftragen, zumal das „WeserKontor“ seit Mitte der 1990er-Jahre die Internet-Präsentation des Weser-Radwegs eigenverantwortlich und ohne gesellschaftsrechtliche Verbindung zum Weserbund betrieben hatte.

Das WeserKontor übernahm mit seiner InfoZentrale Weser-Radweg (Bremen) Marketing, Fortentwicklung und Überprüfung der Streckenführung, Beseitigung von Mängeln und Defiziten und die Herausgabe von Karte und „RADgeber“ zum Weser-Radweg, das Logo und dessen Weiterentwicklung. Wenige Jahre später entdeckte vom Süden aus der Tourismusverband Weserbergland (Hameln) die Chance, in die Betreuung des Weserradwegs mit Marketing und Vermittlung von Streckenbuchungen einzusteigen.

Die Fähre Schweringen bietet eine besondere Art der Weser-Überquerung. Foto: Mittelweser-Touristik

Die Fähre Schweringen bietet eine besondere Art der Weser-Überquerung. Foto: Mittelweser-Touristik

Das führte zu Konflikten zwischen den Infozentralen Hameln und Bremen, die in eine engere Zusammenarbeit der beteiligten Kommunen mündete und zur heiß umstrittenen Frage, ob der Weser-Radweg ständig am Fluss entlanggeführt werden sollte oder auch und mehr durch Orte. Die Frage war Mitte 2000 im Landkreis Nienburg Anlass zu Auseinandersetzungen zwischen Streckenoptimierern wie Kreis und beispielsweise der Gastronomie in Bücken.

Die HARKE begleitete auch dieses Kapitel des Weser-Radweges eng. Während es im Bereich der Oberweser mangels Deiche ohne Weiteres möglich ist, die Strecke nah mit Sicht auf den Fluss zu führen, radeln Radtouristen an der Mittelweser eher hinterm Deich. Dass Streckenführungen mit dem Argument „Wassersicht“ aus Orten herausgelegt und mit Schildern versehen wurde, bemängelte Professor Heinz-Dieter Quack vom Europäischen Tourismus-Institut 2016 in der Mitgliederversammlung des Tourismusverbandes Weserbergland: Radler würden mehr Geld ausgeben, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gebe.

„Die Qualität des Radweges spielt eine entscheidende Rolle“, so Martin Fahrland als Geschäftsführer der Nienburger Mittelweser-Touristik-Gesellschaft. „Hier konnte in den vergangenen Jahren vieles verbessert werden. Die Kommunen, Landkreise und Touristiker dürfen aber nicht nachlassen. Es gibt noch Streckenabschnitte, die qualitativ aufgewertet werden müssen. Auch an Wegeneubau sollte gedacht werden, denn das Flusserlebnis steht im Vordergrund, heißt, der Radler möchte die Weser auch sehen. Bei der Vermarktung des Weges arbeiten die kommunal getragenen touristischen Organisationen seit Jahren erfolgreich zusammen. Der Weser-Radweg generiert eine hohe touristische Wertschöpfung, ist aber auch ein beliebtes Freizeitangebot für die Einheimischen.“

Touristisches Highlight

Mit jährlich rund 150 000 Radtouristen hat sich der Fernradweg zum touristischen Highlight entwickelt. „Viele dieser Gäste wären wohl kaum auf den Gedanken gekommen, in ihrem Urlaub einzelne Orte am Weser-Radweg zu besuchen. Erst das Gesamtprodukt Weser-Radweg animiert, in diese Region zu fahren, und trägt damit wesentlich dazu bei, dass sich die Tourismuswirtschaft mit ihren Beherbergungsbetrieben und der Gastronomie, aber auch die touristischen Highlights wie Museen, Schlösser und Burgen als auch der regionale Einzelhandel positiv entwickeln“, kommentiert Heinrich.

„Die Mittelweser verzaubert die Gäste nicht nur mit ihrer charakteristischen Landschaft. Sehens- und erlebenswert sind auch die malerischen Orte und historisch gewachsenen Städte. Die Stadt Nienburg mit ihrer mehr als 1.000-jährigen Geschichte und ihren liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern liegt im Herzen dieser Landschaft“, betont Fahrland und verweist auf 77,3 Kilometer des 518 Kilometer langen Radweges, die durch den Landkreis Nienburg führen – das ist der längste Abschnitt, der durch einen einzigen Landkreis führt.

Der damalige Landrat des Landkreises Minden-Lübbecke, Heinrich Borcherding (Mitte), eröffnete 1992 gemeinsam mit Vertretern der niedersächsischen und der nordrhein-westfälischen Landesregierungen – so war zum Beispiel auch der Nienburger Peter Gruber (Dritter von links) als damaliger SPD-Landtagsabgeordneter dabei– den Weser-Radweg. Archiv-Foto: Weserbund

Der damalige Landrat des Landkreises Minden-Lübbecke, Heinrich Borcherding (Mitte), eröffnete 1992 gemeinsam mit Vertretern der niedersächsischen und der nordrhein-westfälischen Landesregierungen – so war zum Beispiel auch der Nienburger Peter Gruber (Dritter von links) als damaliger SPD-Landtagsabgeordneter dabei– den Weser-Radweg. Archiv-Foto: Weserbund

Rund 150.000 Radtouristen belegen das, wobei die Streckenabschnitte unterschiedlich stark frequentiert sind. An einigen Stellen, wie zum Beispiel in Haßbergen, ist die Alternativroute nach Mittelweser-Touristik-Zahlen besser frequentiert als die Hauptstrecke. Die Mittelweser-Touristik geht zudem von einer Wertschöpfung durch Radwanderer von 6,5 Millionen Euro aus; Tagestouristen erhöhen die Gesamtsumme des Weser-Radweges um weitere 1,45 Millionen. „Eines ist klar“, betont Ralf Rüdiger Heinrich, „würde es den Weser-Radweg nicht geben, so müsste er sofort konzipiert und umgesetzt werden“.

Überraschungen inklusive

Überwiegend abseits von Hauptverkehrsstraßen, ohne nennenswerte Steigungen und auf gut befahrbaren Strecken führt der Weg durch eine vielfältige Flusslandschaft mit Burgen und Schlössern, historischen Fachwerkstädten sowie Märchen- und Sagengestalten. Dr. Eisenbarth oder Frau Holle, der Rattenfänger von Hameln oder Lügenbaron von Münchhausen – die Radtour bietet immer wieder neue Überraschungen und Begegnungen.

Der Weser-Radweg startet im Weserbergland, an der Oberweser. Dort wo die Weser bei der Porta Westfalica in die Weite der Norddeutschen Tiefebene gemächlich Richtung Norden fließt, beginnt die Mittelweser. Sie zieht ihre Bahn durch weites, nur leicht hügeliges Land mit Moor, Heide, saftigen Wiesen und fruchtbaren Feldern. Reizvolle Bachtäler, Seen und ausgedehnte Waldgebiete ergänzen die Urlaubsregion rechts und links der Mittelweser bis kurz vor Bremen, wo der Fluss zur Seewasserstraße wird.

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Erstellt:
22. Oktober 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 43sec

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