Eine Mitarbeiterin des Paula Modersohn-Becker Museum schaut sich das Bild „Selbstbildnis, die rechte Hand am Kinn“ von Paula Modersohn-Becker an. Carmen Jaspersen/dpa

Eine Mitarbeiterin des Paula Modersohn-Becker Museum schaut sich das Bild „Selbstbildnis, die rechte Hand am Kinn“ von Paula Modersohn-Becker an. Carmen Jaspersen/dpa

Bremen 12.09.2019 Von Deutsche Presse-Agentur

„Ich bin ich“

Ausstellung „Paula Modersohn-Becker in Selbstbildnissen“ ab Sonntag in Bremen zu sehen

Paula Modersohn-Becker (1876 bis 1907) gehört zweifellos zu den bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. Ihre Arbeiten hängen mittlerweile in so namhaften Häusern wie dem New Yorker Museum of Modern Art.

In ihrem kurzen Leben war die Worpsweder Malerin ausgesprochen produktiv und hat allein mehr als 60 Selbstbildnisse geschaffen. Erstaunlich, dass diese Arbeiten noch nie Inhalt einer großen Ausstellung gewesen sind, obwohl sie in jeder Monografie zu ihrer Person präsent sind. Das holt nun das nach ihr benannte Bremer Paula Modersohn-Becker Museum nach. Vom Sonntag, 15. September, an bis zum 9. Februar zeigen die Bremer unter dem Titel „Ich bin Ich“ etwa 50 Selbstporträts der Künstlerin. „Ich bin Ich“, das ist ein Zitat aus einem Brief, den sie am 17. Februar 1906 an ihren Freund Rainer Maria Rilke schrieb und in dem sie in Worte fasste, wie sehr sie um ihren eigenen Stil, um ihre eigene künstlerische Persönlichkeit rang, auch in ihren Selbstbildnissen: „Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin ich, und hoffe es immer mehr zu werden. Das ist wohl das Endziehl (rpt. Endziehl) von allem unsern Ringen.“

Aushängeschild der Ausstellung sei der erste Selbstakt der Kunstgeschichte „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ aus dem Mai 1906, sagt Museumsdirektor Frank Schmidt. Mit den Initialen ihres Mädchennamens „P.B“ gekennzeichnet, dokumentierte die Künstlerin auf dem Bild ihr mittlerweile gewonnenes Selbstbewusstsein als eigenständige Malerin. Das Bild war eine Revolution und kam erst 20 Jahre nach dem Tod von Paula Modersohn-Becker an die Öffentlichkeit.

Die Ausstellung sei ein biografischer Rundgang durch das Leben der Malerin und biete die Chance, ihre Entwicklung als Mensch und Künstlerin zu verfolgen, meint Museumsdirektor Schmidt. Am Anfang stehen deshalb die frühesten und nach Angaben des Kunsthistorikers selten gezeigten Arbeiten aus den 1890er-Jahren, auf denen sich die Kunstschülerin noch bemüht, möglichst detailreich zu malen. Das ändert sich mit den Jahren, was aufgrund der Wiederholung des Motivs gut nachvollziehbar ist.

Bald ist sie auf dem Weg zu einer Bildsprache, für die sie später in die Kunstgeschichte eingehen sollte. „Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel“, notiert sie 1903 in ihrem Tagebuch.

Die Eheschließung mit Otto Modersohn aber vor allem ihre Paris-Aufenthalte beeinflussen ihren Stil. „Die Lust am Experimentieren und die Begegnung mit anderen Kulturen und Künstlern treiben die Suche nach der großen Einfachheit an“, erläutert Schmidt. Der Wechselblick zwischen Biografie und Kunstwerken in der Ausstellung offenbart auch, dass sich Paula Modersohn-Becker und ihr Selbstbild vor allem in Zeiten verändern, die eine Zäsur in ihrem Leben darstellen.

Nach 1905 reduziert Paula Modersohn-Becker ihr Gesicht fast zur Maske, auch beeinflusst und fasziniert von den antiken Mumienporträts, die sie zu jener Zeit im Pariser Louvre gesehen hat. Beispielhaft zeigt das ihr „Selbstbildnis mit Kamelienzweig“, das 1906/1907 entstand und nun aus dem Museum Folkwang in Essen nach Bremen kam. Individuelle Gesichtszüge treten immer mehr zurück - zugunsten stilistisch-kompositorischer Aspekte.

Den Endpunkt dieser Entwicklung stellt Schmidt zufolge das „Selbstbildnis nach halbrechts, die Hand am Kinn“ dar, das 1906 entstand. „Es erinnert bereits an zeitgleich entstehende proto-kubistische Werke Pablo Picassos“, beschreibt der Museumsdirektor. Das Individuum trete hier wie in folgenden Werken zugunsten einer allgemeingültigen großen Einfachheit der Form zurück. „Die Gesichter, entpersonalisiert und entrückt, werden in ihrer Zeichenhaftigkeit zu Archetypen.“ Paula Modersohn-Becker scheint nun ganz bei sich angekommen, so, wie sie es ihrem Freund Rilke beschreibt: „Ich bin ich.“

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Erstellt:
12. September 2019, 23:38 Uhr
Lesedauer:
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