Jörg Nierzwicki DH

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Kolumne 03.03.2017 Von Jörg Nierzwicki

Ich saß mal neben Igor Kostin. Igor wer?

Neulich – auf Facebook. Schon wieder eine dieser vielen DemunddemFreundgefälltdasunddas-Anzeigen. „Sie wissen nicht, wie man fotografiert? Kein Problem!“ Ich sah ein zweigeteiltes Bild – vorher, nachher. Vorher: Ein Bauernhof. Nachher: Der Bauernhof scheint umgezogen zu sein. Statt eines fadgrauen Horizonts erheben sich Wolkenformationen apokalyptischen Ausmaßes hinter dem jetzt griechisch-weißen Haus. Das Versprechen der Anbieter: „Ein Klick – und Sie können sich mit den Göttern der Fotografie vergleichen.“ Quasi. Diese Angebote gibt es wie Sand am Meer. Wer Menschen fotografiert, kauft einen Algorithmus, der jede Bäuerin mit einem Klick hyperperfekt wie Heidi Klum aussehen lässt (oder umgekehrt). Dafür gibt’s dann Likes, Wows, Herzchen, what ever. Es ist beliebig – es ist wertlos. Stumpfsinn.

Wo ist die besondere Sekunde, der besondere Blick, das Licht, vor allem: die Geschichte, die ein Foto ausmacht?

Jim Rakete ist einer von Deutschlands versiertesten People-Fotografen. Seine Bilder von Jimi Hendrix, Mick Jagger, David Bowie, Nena und Herbert Grönemeyer sind Ikonen. Rakete sagt lakonisch: „Früher arbeitete der Fotograf mit der Kamera. Heute puzzeln und weichzeichnen sich die Leute irgendetwas im PC zurecht.“

Recht hat er. Sehen, einstellen, festhalten, begeistern. Das ist der Weg. Dieser ganze „Ichbinsotoll“-Scheiß kann mich mal.

Ich saß mal neben Igor Kostin. Igor wer? Nu, einfach der Mann, der 1986 die ersten Bilder von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl aus dem Hubschrauber geschossen hat, die Liquidatoren in ihren Bleianzügen auf dem Dach des zerstörten Meilers fotografierte. Wie tickt so einer? Er habe zuerst daran gedacht, dass man das der Welt zeigen müsse, sagte er damals lakonisch. Teile seines Films waren durch die Radioaktivität unbrauchbar. Aber einige Bilder kamen durch, über die Grenze, und erzählten im Westen die Geschichte.

Und ja, das geht auch im Kleinen. Einzigartigkeit entsteht nicht durch Anpassung. Sie braucht Handwerk – und vor allem Zeit. Kostin hatte eine halbe Stunde – und erzählte seine Geschichte. Manchmal ist es ein Tag. Manchmal ist dieser Tag für die Katz. Wer aber nie versucht hat, die Geschichte zu einem Foto zu finden, wird nie sein Publikum wirklich berühren – da hilft auch kein noch so perfekter Algorithmus.

Die Anzeige auf Facebook. Nierzwicki

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Erstellt:
3. März 2017, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 07sec

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