Ildikó von Kürthys neuer Roman ist ein Befreiungsschlag

Ildikó von Kürthys neuer Roman ist ein Befreiungsschlag

Ildikó von Kürthy an der Hamburger Alster. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Ildikó von Kürthy (54) gehört seit Jahrzehnten zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen.In ihrem ersten Roman „Mondscheintarif“ (1999) suchte sie noch nach „Mr. Right“, mit ihren Sachbüchern „Unter dem Herzen“ (2012) und „Hilde“ (2017) gab die Autorin, die mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Hamburg lebt, Einblicke in ihr Leben als Mutter und Hundebesitzerin.Mittlerweile gehören auch die Wechseljahre zu ihren Themen. Zum Beispiel in ihrem neuen Roman „Morgen kann kommen“, der jetzt im Hamburger Rowohlt Verlag erschienen ist.Eine neue Form von Energie„Die Heldin meines ersten Romans wartete noch auf den Anruf des Richtigen. Die jetzige befreit sich vom Falschen. So ändern sich die Zeiten“, sagte Kürthy im dpa-Interview in Hamburg. Sie habe einen Befreiungsroman geschrieben, weil sie den Eindruck habe - und die Biologie gebe ihr da recht - dass Frauen in der Lebensmitte eine neue Form von Energie haben.„Sie ziehen Bilanz und nehmen Abschied von dem, woraus sie hinausgewachsen sind. Das können Beziehungen sein, Normvorstellungen, überholte Ansprüche, das kann aber auch der Job sein und es ist die Mutterrolle, von der wir uns lösen müssen“, sagte die Autorin.Da spielten auch die Wechseljahre eine Rolle. „Es ist ja bei jeder Frau so, dass die Hormone Östrogen und Progesteron sich einfach vom Acker machen. Das sind die Nestbau- und Kümmer-Hormone. Und dann fragen Frauen eben nicht mehr: 'Schatz, was soll ich heute Abend kochen?' Sondern: 'Worauf habe ich Hunger?'“ Das komme beim Umfeld nicht immer gut an.Was geschieht, sei im Grunde genommen eine Rückabwicklung: „Bei der Pubertät schießt das Östrogen ein und man fragt sich, wie man anderen gefällt. In den Wechseljahren fragt man sich endlich, wie man sich selbst gefällt“, sagte Kürthy.Perspektiven und LebensentwürfeÄhnliche Fragen stellen sich auch ihre Protagonistinnen Ruth und Gloria. Die beiden ungleichen Schwestern hatten vor langer Zeit miteinander gebrochen und treffen sich nun in Glorias Haus wieder. Mit dabei sind auch Glorias Freunde: der schwer kranke Rudi und der schwule Erdal, der seine Cousine Fatma mitbringt.Zum ersten Mal hat Kürthy dabei die Perspektive von verschiedenen Protagonisten eingenommen. „Das war für mich ein unfassbares Abenteuer. Es war auch spannend und aufregend für mich zu sehen, ob ich das überhaupt kann. Schaffe ich das, mich in die Gedanken und Gefühle anderer Menschen einzufühlen, die mir überhaupt nicht nahe sind?“Ruth überlegt, ob sie ihren Mann, der sie betrügt, verlassen soll. Gloria lebt zwar ohne Mann, aber in einem Haus der Freundschaft. „Das kann auch ein guter Lebensentwurf sein. Die klassische Ehe, die ewig halten soll, ist ein Lebensmodell von vielen und kein, wie man an den Scheidungsquoten sehen kann, besonders erfolgversprechendes“, sagte Kürthy.Es sei ein Grundirrtum zu glauben, Männer und Frauen würden automatisch gut zusammenleben können und müssen, „nur weil sie sich paaren können“. „Gloria lebt anders als es überholte Normen vorschreiben, getrennt, alleinerziehend mit einer Freundesfamilie. Das ist doch auch mal ein alternatives, gutes Lebensmodell.“Ildiko von Kürthy: Morgen kann kommen. Rowohlt Verlag, Hamburg, 361 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-8052-0093-6