Wissam Al Khateb beim Sprachunterricht in Hoya. Achtermann

Wissam Al Khateb beim Sprachunterricht in Hoya. Achtermann

Hoya 12.11.2016 Von Horst Achtermann

In Aleppo an der UNO-Schule unterrichtet

Leben in der Warteschleife: Wissam Al Khateb würde gerne bei der Betreuung der Flüchtlinge eingesetzt werden

Wissam Al Khateb (26) lebt seit 14 Monaten mit ihren Geschwistern Wala, Nuur, Achmed und Leen in Hoya. Achmed besucht ein Gymnasium in Nienburg, Leen geht in die [DATENBANK=355]Grundschule Hoya[/DATENBANK]. Wissam unterrichtete vor der Flucht in Aleppo an der UNO-Schule, vergleichbar mit den deustchen Grundschulen, in Arabisch und Englisch.

„Ich will helfen“, betonte Wissam im Gespräch mit der Harke am Sonntag. Den pensionierten Lehrer Michael Linke aus Wechold unterstützte sie von Februar bis Anfang November mit ihren Sprachkenntnissen bei drei Alpha-Kursen in der Gutenbergschule in Hoya.

Die deutsche Bürokratie ist sehr langsam

Seit einigen Tagen hat das „notwendige Papier“ Wissams Ängste genommen. Es attestiert ein auf drei Jahre angelegtes Bleiberecht. Die Grundkenntnisse in der deutschen Sprache hat sich die 26-Jährige im Unterricht bei Sylke Linke und durchs Internet erarbeitet. Um die deutsche Sprache bis zur Hochschulreife zu erlernen, braucht sie noch gut ein Jahr.„Die deutsche Bürokratie ist sehr langsam“, berichtet Michael Linke. Wissam erzählt von ihrer Reise nach Bramsche zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu ihrem zweiten Aufnahmetermin. Der Termin war vereinbart. Doch vor Ort hörte sie: „Der Termin ist falsch.“ Wissam Al Khateb ließ sich jedoch nicht abwimmeln. „Ich fahre vier Stunden, und sagst falsch“, hielt sie ihrem Gegenüber entgegen. Auch die Drohung des BAMF-Mitarbeiters, die Polizei anzurufen, zog nicht.Die Syrerin blieb stur und behauptete ihren Standpunkt.

Elternhaus zerbombt, Schule zerbombt, Angst vor islamistischen Gruppen und trotzdem kein Kopftuch.

Elternhaus zerbombt, Schule zerbombt, Angst vor islamistischen Gruppen und trotzdem kein Kopftuch. Die Flucht mit finanzieller Unterstützung der Eltern – Vater Arzt, Mutter Lehrerin – nach Deutschland gelingt. Das waren die Gedanken, die ihr auch in Brazunschweig durch den Kopf gingen, als sie von dem Beamten abgewisen werden sollte.

„In meiner Heimat sagte alle, Deutschland ist nett zu Flüchtlingen und bietet Chancen für Arbeit und Studium“, berichtete Wissam Al Khateb weiter. Da sie jetzt über die ersehnten Papiere verfügt, hofft sie, dass die Volkshochschule bei ihr meldet und die weiterführenden Sprachkurse beginnen. Michael Linke befürchtet, dass der Bildungshintergrund nicht berücksichtigt oder bei den Behörden nicht erkannt wird.

Der Wecholder hat Lust zu helfen. „Aber die zuständigen Behörden in Hannover tun so, als wenn ein neues Einstellungsverfahren nötig sei. Ein Wust an Papieren sollte bearbeitet werden und – nach 40 Jahren als Lehrer – noch eine Lehrprobe abgegeben werden. Linke schüttelt mit dem Kopf. Aus dem Büro von Grant Hendrik Tonne, dem hiesigen SPD-Landtagsabgeordneten, kam Linkes Angaben zufolge zunächst keine Reaktion. Nach einem erneuten Anruf wurde scchließlich bestätigt, dass das Verfahren vereinfacht werden soll.

Die jungen Menschen, die zu uns kommen, sind permanent in einer Warteschliefe

„Die jungen Menschen, die zu uns kommen, sind permanent in einer Warteschliefe. Sie hocken nur aufeinander. Bei dieser Perspektivlosigkeit müssen die Abläufe vereinfacht werden. Es wird nicht erkannt“, sagt der erfahrene Pädagoge, „dass eine Frau wie Wissam mit ihren Sprachkenntnissen und der pädagogischen Ausbildung doch helfen kann. Das Durcheinander mit dem arabischen Sprachwirrwarr auf den Fluren des Landkreises hätte ein Ende. Unser System ist zu starr“.

Zum Artikel

Erstellt:
12. November 2016, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 37sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.