Klaus Maria Brandauer liest in Salzburg. Foto: Neumayr Fotografie - Christian L/APA/dpa

Klaus Maria Brandauer liest in Salzburg. Foto: Neumayr Fotografie - Christian L/APA/dpa

Salzburg 23.08.2020 Von Deutsche Presse-Agentur

„Jedermann“-Festaufführung leidet unter Schnürlregen

 Der größte Feind des „Jedermann“ ist nicht der Tod, sondern das Wetter. Entweder ist es auf der Freilichtbühne vor dem Dom so heiß, dass eigentlich die Schauspielergewerkschaft einschreiten müsste, oder der Himmel öffnet die Schleusen und schickt den berüchtigten Salzburger Schnürlregen.

Als Klaus Maria Brandauer zum „Jedermann-Tag“ am Samstag seine Lesung im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg begann, zogen sich über der Festung Hohensalzburg erste Gewitterwolken zusammen. Schlechte Aussichten für die Festaufführung zum 100-jährigen Jubiläum des weltberühmten „Spiels vom Sterben des reichen Mannes“, zu dem sich die Staatspräsidenten von Österreich und Deutschland, Alexander van der Bellen und Frank-Walter Steinmeier, angesagt hatten.

Am 22. August 1920 war Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ in der Regie Max Reinhardts erstmals auf dem Salzburger Domplatz aufgeführt worden und ist seither nicht nur Herz- und „Kassenstück“ der Festspiele, sondern ein Theatermythos. Infolge der Corona-Pandemie war das Programm des „Jedermann“-Tages zusammengestutzt worden. Als Kernstück blieben Auftritte diverser Ex-Jedermänner in Salzburger Wirtshäusern. Allen voran trat dort der österreichische Großschauspieler Brandauer auf, der die Rolle von 1983 bis 1989 verkörpert hatte, sowie Peter Simonischek, der sogar sieben Jahre „Jedermann“-Dienst geleistet hatte - so lange wie kein anderer vor ihm.

Aktuell amtiert Tobias Moretti, der angekündigt hat, im kommenden Jahr nicht mehr antreten zu wollen. Doch nicht er und seine altgedienten Kollegen waren es, die an diesem Tag die Blicke der Zuhörer und Objektive der Fotografen auf sich zogen, sondern Veronica Ferres, gekleidet in schlichtes Blau mit einem roten Mund-Nasen-Schutz als Farbkontrast. Sie hatte an Simonischeks Seite von 2002 bis 2004 den kleinen, aber traditionell viel beachteten Part der Buhlschaft, der Gefährtin Jedermanns, gegeben. Vielleicht war Ferres die letzte Buhlschaft alten Stils: sehr fraulich, prall, etwas naiv. Seither hat sich die Rolle unter dem Einfluss der Genderdebatte gewandelt und vom mittlerweile verpönten Weibchenschema emanzipiert. 

Bei den über die Stadt verteilten Lesungen erfuhr man unter anderem, dass die Geburt des Salzburger „Jedermann“ einem Zufall zu verdanken ist. Eigentlich wollte Reinhardt zu den ersten Festspielen ein bäuerliches Marienspiel präsentieren. Doch ließ sich das Projekt nicht realisieren und statt der Salzburger Legende kam eine altenglische zum Zuge, die des „Everyman“, im literarischen Gewand Hugo von Hofmannsthals. Der Domplatz wurde zum mittlerweile legendären Aufführungsort erkoren, weil die Inflation das Geld für ein geplantes Festspielhaus aufgefressen hatte.

Zwischenzeitlich regnete es sich ein. Reinhardt hatte immer gebetet, wenn sich der Himmel über seinem Spiel verdüsterte. Diesmal mochten die Verantwortlichen der Festspiele Stoßgebete in den grauen Himmel geschickt haben, doch erhört wurden sie nicht. So fand die 726. Aufführung des „Jedermann“ mit den hohen Gästen im Großen Festspielhaus statt, wo sie leider nicht jenen „mächtigen, reinigenden Eindruck“ machte, den sich Reinhardt von seinem „tiefgreifenden Spiel“ vor der majestätischen Domkulisse erhofft hatte.

© dpa-infocom, dpa:200823-99-273123/2

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Erstellt:
23. August 2020, 11:01 Uhr
Lesedauer:
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