Träger der stationären Jugendhilfeeinrichtungen im Landkreis haben eigenes Fortbildungsprogramm für Berufseinsteiger entwickelt. Landkreis Nienburg

Träger der stationären Jugendhilfeeinrichtungen im Landkreis haben eigenes Fortbildungsprogramm für Berufseinsteiger entwickelt. Landkreis Nienburg

Landkreis 16.12.2017 Von Die Harke

Jugendhilfeträger ergänzen Ausbildung

Leuchtturmprojekt: Fortbildung macht Berufsanfänger für Heimerziehung fit

In einem Pilotprojekt werden frisch gebackene Erzieherinnen und Erzieher im Landkreis Nienburg seit Beginn dieses Jahres für ihre Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe fit gemacht. 13 Einrichtungen haben sich hierfür unter der Federführung des Jugendamtes Landkreis Nienburg zusammengetan und eine modulare Erzieherqualifikation konzipiert.

Ausbilder und Berufsanfänger zeigen sich von dem konstruktiven Ansatz überzeugt. Die Initiative hat das Zeug dazu, ein Leuchtturmprojekt für andere Kommunen zu werden. Was ist ein Genogramm? Wie verläuft eine Inobhutnahme? Bei der Qualifikation zum Erzieher lernt man diese Begriffe nicht kennen. Sie sind für die Arbeit in Kita und Krippe in der Regel nicht weiter wichtig, aber für den Job als Jugend- und Heimerzieher elementar. In der Ausbildung ist der Themenbereich zwar vorgesehen, kann jedoch im Rahmen der Breitbandausbildung inhaltlich nur gestriffen und mit einem Berufspraktikum ergänzt werden.

Seit Februar dieses Jahres gibt es deshalb unter der Regie des Jugendamtes für Berufseinsteiger die Möglichkeit, sich für die Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe mit einer meist schwierigen Klientel durch eine Fortbildung fit machen zu lassen.

Die modulare Qualifikation ist ein Gemeinschaftswerk aller Einrichtungen der stationären Jugendhilfe im Landkreis mit dem Fachbereich Jugend der Landkreisverwaltung Nienburg. Zwischen 15 und 25 Berufseinsteiger nehmen durchschnittlich an den ganztägigen Workshops in den unterschiedlichen Einrichtungen teil. Und weil es keine Referenten von außen gibt, entstehen für die Jugendhilfeträger außer der Arbeitszeit keine Zusatzkosten.

„Damit ist es uns gelungen, unabhängig vom Wunsch nach einer speziellen Ausbildung, eine erfolgreiche Ad hoc Lösung auf die Beine zu stellen“, sagt [DATENBANK=6748]Ulrike Dehmel,[/DATENBANK] stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Jugend beim Landkreis. „Wir möchten schließlich, dass die jungen Erzieher nicht allein gelassen werden und stattdessen echte Fachkräfte in unsere Einrichtungen kommen.“ Außer den Berufsanfängern können im Übrigen auch die „alten Hasen“ dabei sein. „Wir selbst können uns gegenseitig beflügeln und andere interessante Einrichtungen kennenlernen“, sagt [DATENBANK=6749]Klaus Nagel[/DATENBANK], Leiter der Güldenen Sonne.

Es geht immerhin um derzeit rund 30 Berufsanfänger ohne in der Regel zunächst spezielles Fachwissen, die kreisweit rund 230 Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen begleiten.

Keine optimale Situation, befand das Jugendamt Nienburg. Daher nahm sich Anfang 2016 die bestehende Arbeitsgruppe „AG 78 stationär“ dieser Problematik an, mit dem Ziel, eine praktikable Zwischenlösung zu finden, unabhängig von politischen Entscheidungen. In einem intensiven Austausch der Kinder- und Jugendhilfeträger ist der Bedarf an fachlichen Fort- und Weiterbildungsthemen ermittelt worden und zehn entsprechende Fortbildungsangebote wurden festgezurrt. „Eine derart schnelle Umsetzung habe ich in meiner langen Berufspraxis nicht erlebt“, sagt Ulrike van den Born vom Landsitz Eickhof.

Anfängliche Skepsis ist inzwischen in allen Einrichtungen einer breiten Zustimmung gewichen. Selbst kleine Jugendhilfeträger, die absehbar keine neuen Erzieher einstellen, beteiligen sich am Angebot, sei es thematisch oder mit einem geeigneten Raum. Sogar ein selbstständiger Therapeut möchte sich noch am derzeitigen Durchlauf mit einem Workshop zum Thema „Umgang mit psychisch kranken Eltern“ beteiligen.

Die Berufseinsteiger selbst haben inzwischen sechs der insgesamt zehn Workshops besuchen können. Nicht nur, dass die jungen Menschen hier fachlich geschult werden, sie lernen auch mit Neugier andere Einrichtungen im Landkreis kennen und verlieren mögliche Vorbehalte vor weiteren Fortbildungen, so die Erfahrungen der Ausbilder. Als Berufseinsteiger mit dabei waren Stina Hansen und Daniel Schiffner-Wille, Erzieher in der Güldenen Sonne. Ihr bisheriges Fazit ist: „Diese Art der Fort- und Weiterbildung ist für jeden Einzelnen eine riesige Bereicherung und wir hoffen, dass dieses Angebot kontinuierlich weitergeführt wird.“

Wenn es nach den Einrichtungen geht, soll in Zukunft möglichst jeder Berufsanfänger an der modularen Erzieherqualifikation teilnehmen. „Unser Pilotprojekt ist in Niedersachsen nach meiner Kenntnis einzigartig und ich kann es nur empfehlen“, sagt Ulrike Dehmel nicht ohne gewissen Stolz. „Wir kämpfen zwar weiterhin für eine duale Ausbildung zum Heimerzieher, aber solange bis sich unsere Landespolitik bewegt, haben wir eine praktikable und erfolgreiche Lösung auf den Weg gebracht.“

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Erstellt:
16. Dezember 2017, 21:00 Uhr
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