04.11.2012

„Keine Praxisgebühr für Wohnungslose“

Verein „Herberge zur Heimat“ hat Hilfsfonds eingerichtet / Koalitionsausschuss in Berlin entscheidet heute

Nienburg (DH). Auch Wohnungslose müssen Praxisgebühren bezahlen. Darauf wies jetzt Roland Rinaldo vom Vorstand des Vereins „Herberge zur Heimat“ hin. „Wer auf der Straße lebt oder Wohnungsnotfall ist, muss wegen der Praxisgebühr oft auf einen dringend notwendigen Arztbesuch verzichten“, ist die Erfahrung des Herbergsleiters, die sich mit den Erkenntnissen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe deckt. Dort hatte man festgestellt, dass sozial und wirtschaftlich Benachteiligte deutlich seltener zum Arzt gehen. Insbesondere der Gesundheitszustand von Wohnungslosen sei schlecht. Ihre Lebenserwartung liege deutlich unter dem Durchschnitt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe fordert den Gesetzgeber schon seit langem auf, Praxisgebühren und Zuzahlungen für Wohnungslose abzuschaffen.

„Gerade Menschen in existenziellen Notsituationen wie Wohnungs- und Finanznot sind mit den Zuzahlungen im Gesundheitswesen überfordert“, ergänzt Matthias Mente, Sozialarbeiter der Projekts WohnWege, das sich um Wohnungsnotstandsfälle kümmert.

Einen Schritt in die richtige Richtung tat aus Sicht des Herbergsvereins die AOK Niedersachsen. Die verzichtet bei Wohnungslosen bereits seit einigen Jahren auf die Erhebung der Praxisgebühr. „Leider ist dieser Umstand nicht bei allen Ärzten bekannt“, bedauert der Herbergsleiter. „Für die wohnungslosen Patienten wäre es eine sehr große Unterstützung, wenn es alle Krankenkassen der AOK Niedersachsen gleichtun könnten und die Praxisgebühren für diese Menschen erließen“, erklärte Roland Rinaldo.

„Derzeit gibt es eine politische Mehrheit im Deutschen Bundestag für die generelle Abschaffung der Praxisgebühr“, so die heimische Bundestagsabgeordnete Katja Keul, die auch Mitglied im Herbergsverein ist. Die Abschaffung der Praxisgebühr habe gerade für Bedürftige eine nachhaltigere Wirkung als die vorübergehende Senkung der Beiträge wie die Union sie anstrebe. Katja Keul erwartet vom Koalitionsausschuss am heutigen Sonntag, dass sich der Bundesgesundheitsminister mit seiner Idee zur vollständigen Abschaffung der Praxisgebühr durchsetzt. „Dies wäre auch eine große Arbeitsentlastung für die Arztpraxen“, ist sich Katja Keul sicher. Die Ärzte hätten ohnehin nichts von der Praxisgebühr. Diese müsste vollständig an die Krankenkassen abgeführt werden.

Um besondere Notlagen von Herbergsbewohnern abfedern zu können, hat der Verein einen Hilfsfonds eingerichtet, der sich aus Spenden speist. Aus dem Hilfsfonds werden auch unvermeidliche Praxisgebühren gezahlt. Katja Keul ging mit guten Beispiel voran und spendete dem Fonds zehn Euro.

Roland Rinaldo hofft auf Nachahmer, die unter dem Stichwort „Hilfsfonds“ auf das Konto 301 937 des gemeinnützigen Vereins Herberge zur Heimat bei der Sparkasse Nienburg BLZ 256 501 06 spenden können.

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Erstellt:
4. November 2012, 00:00 Uhr
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