Wurde als DFB-Chef vorgeschlagen: Karl-Heinz Rummenigge. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/Pool/dpa

Wurde als DFB-Chef vorgeschlagen: Karl-Heinz Rummenigge. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/Pool/dpa

Berlin 03.05.2021 Von Deutsche Presse-Agentur

Kellers Schweigen in der DFB-Krise - Matthäus für Rummenigge

Noch ist Fritz Keller DFB-Präsident. Mit jeder Stunde ohne eine Reaktion des 64-Jährigen auf die Rücktrittsforderung der mächtigen Landes- und Regionalchefs in Potsdam wächst aber der Druck auf Keller und den Deutschen Fußball-Bund, der tief in der nächsten Führungskrise steckt.

Keller, der sich mit seinem Nazi-Vergleich selbst massiv geschwächt hatte, wäre nach Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel der dritte DFB-Präsident nacheinander, der wegen Verfehlungen das Amt abgibt.

Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus brachte in der schwelenden DFB-Führungskrise Karl-Heinz Rummenigge als Nachfolger von Keller ins Gespräch. Es werde Zeit, „dass der größte Fußball-Verband der Welt von jemandem angeführt wird, der aus dem Fußball kommt. Und darum lautet mein großer Wunsch, dass Karl-Heinz Rummenigge oder Rudi Völler auf Keller folgen“, sagte der 60-Jährige in seiner Kolumne beim TV-Sender Sky.

„Am liebsten wären mir beide. Rummenigge als Präsident und Völler als Vize. Selbst wenn es am Ende nur einer wird, hätten wir großen Grund zur Freude“, sagte Matthäus. „Rummenigge und Völler genießen Ansehen und Renommee in der Welt des Fußballs und beide beenden demnächst ihr Engagement beim FC Bayern beziehungsweise Bayer Leverkusen.“

Keller sei als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes „am Ende. Aber das kann erst der Anfang sein. Die komplette DFB-Spitze muss ausgetauscht werden. Präsident, Vize, Generalsekretär und alle, die zum aktuellen System dazugehören“, forderte der Weltmeister von 1990. „Das Bild, das unser Verband seit Jahren, aber vor allem in der jüngsten Vergangenheit abgegeben hat, ist zum Schämen und gipfelt aktuell im Eklat um einen Nazi-Vergleich und die darauffolgende Posse.“

Matthäus geht mit seiner Kritik noch weiter. „Unser fußballerisches Ansehen leidet auch international seit einiger Zeit. Die schlechten Leistungen auf dem grünen Rasen gehen leider schon länger Hand in Hand mit einer Verbandsspitze, für die man sich nicht nur als deutscher Ex-Spieler schämen muss“, sagte der ehemalige Weltklasse-Profi. „Wurden wir früher noch für beides bewundert, werden wir jetzt oft ausgelacht.“

Auch die Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag hält einen Rückzug von DFB-Präsident Fritz Keller für unumgänglich. Der Chef des Deutschen Fußball Bundes habe mit seiner „unentschuldbaren Äußerung“ gegenüber Vizepräsident Rainer Koch den „letzten Anlass für seine ohnehin nicht wenigen Gegner im Verband geliefert“, sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur zu den Rücktrittsforderung der Landes- und Regionalchefs des DFB. Deshalb sei der „Rücktritt unausweichlich“, wenngleich der Kern des jahrelangen Machtkampfes im DFB damit sicher nicht erledigt sei.

Zugleich kritisierte Freitag die Landesverbände, die sich „als mutlos“ erwiesen hätten. „Denn sie sind mit den Rücktrittsforderungen an Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius nur einen halben Schritt gegangen“, sagte sie. Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge blieben schließlich unbehelligt - „und wenn sie erneut die Strippen für den nächsten Neuanfang ziehen, ist das aus meiner Sicht alles andere als ein ermutigendes Zeichen“.

Für Freitag haben die Affären und Querelen im DFB großen Schaden angerichtet. „Aus meiner Sicht gibt der DFB seit Jahren ein verheerendes Bild nach außen ab“, sagte sie. „Das haben die Amateure und die unzähligen ehrenamtlich Tätigen wahrlich nicht verdient. Und der Schaden liegt ja nicht nur auf der nationalen Ebene.“ International spiele der DFB seit Jahren eine untergeordnete, „um nicht zu sagen, keine Rolle“, sagte Freitag.

DIE NACHFOLGEREGELUNGEN

Beugt sich der renommierte Winzer dem Druck der Präsidenten der Landes- und Regionalverbände, regeln die Statuten das weitere Vorgehen. „Endet das Amt des Präsidenten vorzeitig oder ist er an der Ausübung des Amts nicht nur vorübergehend gehindert, obliegt die Vertretung des Präsidenten den beiden gleichberechtigten 1. Vizepräsidenten“, heißt es in den Statuten. Aktuell würden also der für die Amateure zuständige Rainer Koch sowie Peter Peters als Stellvertretender Sprecher des Präsidiums der Deutschen Fußball Liga die DFB-Führung übernehmen.

Koch (62), dem im Gegensatz zu Keller am Sonntag das Vertrauen ausgesprochen worden war, vertritt den DFB als Mitglied im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union, Peters (58) sitzt seit kurzer Zeit im Council des Weltverbandes FIFA. Ein neuer Präsident wird bei einem ordentlichen oder außerordentlichen Bundestag gewählt. Die Landes- und Regionalchefs sprachen sich am Sonntag gegen eine außerordentliche Versammlung aus, der nächste Bundestag würde erst 2022 stattfinden.

DIE ETHIKKOMMISSION

Noch ist unklar, ob und wie die DFB-Ethikkommission Kellers Nazi-Vergleich behandelt. Der DFB-Präsident hatte seinen Vize Koch in einer Präsidiumssitzung als „Freisler“ bezeichnet und so mit Roland Freisler, dem Vorsitzenden des Volksgerichtshofes im Nationalsozialismus, verglichen. Keller hatte daraufhin Koch um Entschuldigung gebeten, die dieser aber auch am Sonntag in einem persönlichen Gespräch nicht annahm. Nach dpa-Informationen ist Kochs Entscheidung für die vierköpfige Ethikkommission von Bedeutung, die laut DFB-Beschreibung „in allen Fällen, die der Integrität und dem Ansehen des DFB und seiner Mitgliedsverbände schaden, insbesondere bei illegalen und unethischen Verhaltensweisen“, Ermittlungen aufnehmen soll.

Ein Ethikverfahren gegen Keller könnte auch ausschlaggebend sein, sollte es in den kommenden Tagen zur Schlammschlacht kommen. Einfach abberufen werden kann ein DFB-Präsident nicht. Zuständig wäre wohl der DFB-Vorstand, der sich aus den Präsidiumsmitgliedern, den Landes- und Regionalchefs sowie zwölf DFL-Vertretern zusammensetzt. „Der Vorstand ist berechtigt, Präsidiums-, Vorstands- und Ausschussmitglieder bei grober Pflichtverletzung oder bei Unwürdigkeit mit sofortiger Wirkung ihrer Tätigkeit im DFB durch schriftlich begründete Entscheidung bis zum nächsten ordentlichen Bundestag zu entheben“, steht in den Statuten.

Die Landes- und Regionalchefs ließen nach der Tagung in Potsdam ein klares Urteil zum Nazi-Vergleich mitteilen: „Eine derartige Äußerung ist völlig inakzeptabel und macht uns fassungslos.“

DER GENERALSEKRETÄR

DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius war in den vergangenen Monaten erbitterter Gegenspieler von Keller, auch ihm wurde von den Landes- und Regionalchefs das Vertrauen entzogen. Anders als Keller kann Curtius aber nicht zum Rücktritt aufgefordert werden, der 44-Jährige steht beim DFB als höchster hauptamtlicher Mitarbeiter unter Vertrag. Curtius verantwortet unter anderem den Geschäftsbetrieb der DFB-Zentrale in Frankfurt/Main, wo ihm eine große Hausmacht nachgesagt worden war. Die DFL hatte sich schon im Januar gegen den DFB-General gestellt - in die Sitzungen der Liga soll seitdem Koch entsandt werden.

DIE OFFENEN ENTSCHEIDUNGEN

Der DFB und seine Führung stünden auch ohne die tiefe Krise vor wegweisenden Wochen. Die prominenteste offene Entscheidung ist die Neubesetzung des Bundestrainer-Postens, Joachim Löw hört nach der EM im Sommer auf. Als logische Wahl gilt Noch-Bayern-Trainer Hansi Flick. Mit der Abwicklung betraut ist DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der sich bislang nicht zu dem Beben von Potsdam geäußert hat. Der 53-Jährige ist zudem der Hauptverantwortliche für die neue und teure DFB-Akademie, in die der Verband im nächsten Jahr einziehen will. Nach aktuellem Stand eher ohne Fritz Keller.

© dpa-infocom, dpa:210502-99-441548/6

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Erstellt:
3. Mai 2021, 13:54 Uhr
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