16.12.2012

Kleine Stadt mit großer Fan-Gemeinde

Kaum eine Stadt in Deutschland verzeichnet mehr Nachtwächter-Führungen als Nienburg

Nienburg (DH). Als er vor fünf Jahren gefragt wurde, ob aus seiner Sicht etwas dagegen spräche, in Nienburg Nachtwächter-Führungen anzubieten, hatte Bürgermeister Henning Onkes nichts dagegen einzuwenden – allerdings, gab er später unumwunden zu, hatte er auch nicht mit einem allzu großen Interesse gerechnet. Nach nur fünf Jahren gibt es nicht mehr einen, sondern drei Nachtwächter, und die historisch gewandeten Gestalten sind zu erstrangigen Werbe- und Sympathieträgern für ihre Heimatstadt geworden.

Nachtwächter gibt es (wieder) in vielen deutschen Städten, doch nur wenige sind so beliebt wie die Nienburger: Hannes Negenborch, Jan van Moor und Stephan van Hausen führen jedes Jahr rund 170 Gruppen durch die Innenstadt – pro Jahr zwischen 3000 und 4000 Menschen. Kaum eine Stadt in Deutschland verzeichnet mehr Nachtwächter-Führungen. Ein gutes Drittel der Teilnehmer stammt von jenseits der Kreisgrenzen; rund sieben Prozent sind sogar Gäste aus dem Ausland.

Josh Teuber, „geistiger Vater“ der Nachtwächter und als „Knecht Heinrich“ auch leibliche Unterstützung, wollte mit den historischen Figuren auf liebenswerte Weise für seine Heimatstadt werben. Das ist offenbar gelungen: Für Wirtschaftsförderer Walter Meinders sind die Nachtwächter vor allem „gute Botschafter der Stadt“: Es gebe Untersuchungen, nach denen jemand von einem positivem Erlebnis – etwa einem Theaterbesuch oder eben einer Stadtführung – fünf verschiedenen Menschen berichte. Durch die Nachtwächter lernten insbesondere auswärtige Besucher Nienburg von einer Seite kennen, von der sie sonst wenig oder nichts wüssten: Die schöne Altstadt, die verschiedenen Geschäfte und Cafés, der prämierte Wochenmarkt –„diese Kombination lässt viele Besucher wiederkommen.“ Dass die Mittelweser-Stadt tatsächlich viele Auswärtige anzieht, belegt die so genannte Zentralitäts-Kennziffer: Sie ist die, nach Isernhagen, zweithöchste in Niedersachsen, weiß der Wirtschaftsfachmann.

Für die Nienburger selbst gehören die Nachtwächter längst dazu. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn ein Nienburger mit Gästen in der Stadt unterwegs ist und dem Nachtwächter begegnet: Ob persönlich bekannt oder nicht, grüßt man sich freundlich, und der Gast erfährt mit der größten Selbstverständlichkeit: „Das war unser Nachtwächter.“

Die Nachtwächter sind keine „verkleideten Fremdenführer“, sondern drücken durchaus so etwas wie Lokalpatriotismus aus. „Der Nachtwächter ist eine Figur, die in der Bevölkerung sehr gut ankommt“, hat auch Martin Fahrland, Chef der Mittelweser-Touristik GmbH, beobachtet. Er freue sich, dass das gesamte Projekt „Nienburger Nachtwächter“ von der Idee bis zur hochwertigen „Gewandung“ von einem Unternehmen der Privatwirtschaft realisiert worden sei: Das zeige die Verbundenheit auch der Wirtschaft mit der Heimatstadt. „Wir vermarkten das gern mit. Wichtig ist, dass wir Menschen für Nienburg begeistern können!“

Die um den Nachtwächter entstandenen Produkte wie der Kräuterlikör, das Geschichtsbuch oder die Geschenke-Kiste seien ideal, um Nienburg auch überregional bekannt zu machen: „Wem es in Nienburg gefallen hat, der nimmt sich so etwas mit und wirbt zuhause für die Mittelweser-Stadt.“

Es gehe ihm aber nicht allein um Werbung und Touristen, betont Martin Fahrland: „Josh Teuber wollte ja mit dem Nachtwächter gerade auch jüngeren Leute aus Nienburg ihre Stadt näher bringen. Das ist ihm gelungen. Der Nachtwächter hat also auch einen Bildungsaspekt.“ Dies umso mehr, seit es die Führungen dank „Annabella von den drei Landen“ auch in direkter Übersetzung ins Englische und Französische gibt. Dieses Angebot nutzen nicht nur ausländische Gäste, sondern auch Schulklassen, die Geschichts- und Englisch-Unterricht verbinden wollen.

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Erstellt:
16. Dezember 2012, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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