29.12.2013

Königsberg lebt noch in Kaliningrad

Auf Spurensuche in einer bis dahin unbekannten Geburtsstadt

von Michael Rehaag Königsberg in Preußen ist meine Vaterstadt. Ich wurde dort geboren, habe aber die Heimat als vierjähriges Kind aufgrund der Kriegsereignisse bereits im Oktober 1944 verlassen müssen. In diesem Jahr erfüllte sich für mich ein seit Jahrzehnten gehegter Wunsch, meine Geburtsstadt noch einmal sehen zu können. Ich kam nicht zurück als Heimwehtourist, sondern in eine Stadt, in der ich mich an nichts erinnern konnte. Interesse, Neugier und der Versuch zu den historischen Bauten und den Wurzeln der Familie auf Spurensuche zu gehen, bestimmten den Aufenthalt in einer unbekannten Stadt. Dazu nabelte ich mich für einen Tag ab von einer liebenswerten Reisegruppe aus der Samtgemeinde Heemsen.

Mit Hilfe der evangelisch-lutherischen Propstei in Königsberg hatte ich in Boris einen sachkundigen und sehr erfahrenen Stadtführer gewinnen können, der mich einen Tag lang mit seinem Auto-Made in Germany-durch die Stadt fuhr. Nur so war es möglich, Königsberg in Kaliningrad zu suchen. Boris erinnerte, dass Königsberg vom Deutschen Orden 1255 gegründet wurde und sich zu einem bedeutenden Handels-und Geisteszentrum entwickelte. Bereits 1544 wurde die Albertus-Universität gegründet, und Königsbergs bekanntester Sohn, der Philosoph Immanuel Kant lebte und lehrte hier von 1724-1804. Am 9. April 1945 gingen in Königsberg die Lichter aus. An diesem Tag war der Kampf um die Festung Königsberg zu Ende, und die Rote Armee besetzte die Stadt, die zu 80 Prozent in Schutt und Asche lag. Am 4. Juli 1946 wurde Königsberg in Kaliningrad umbenannt und hat heute etwa 430.000 Einwohner.

Unser erstes Ziel war mein Elternhaus im Stadtteil Maraunenhof an der Herzog-Albrecht-Allee Nr.5. Es steht noch, wenn auch baulich verändert. Leider konnte ich mit den jetzigen Bewohnern nicht zusammentreffen. Maraunenhof ist heute die bevorzugte Wohnlandschaft der Bessergestellten. Zurzeit wird dort das Deutsche Generalkonsulat neu gebaut. Entlang des Oberteichs, dessen Wasser wieder Badequalität hat, und der von einer gepflegten Promenade gesäumt wird, erreichen wir den Wrangelturm, in dem heute ein kleines Restaurant residiert. Zusammen mit dem Dohnaturm als nördliche Eckpfeiler der ehemaligen Königsberger Verteidigungsanlage haben sie den Krieg überlebt und befinden sich in einem guten baulichen Zustand. Der Dohnaturm beherbergt das bedeutende und sehr sehenswerte Bernsteinmuseum. Über den Kaliningrader Zentralmarkt, der sich hinsichtlich des Warenangebots kaum von unseren hiesigen Wochenmärkten unterscheidet, gelangen wir zum Nordbahnhof, dessen Fassade sich aus vergangenen Zeiten nicht verändert hat. Er ist heute das Geschäftszentrum Kaliningrads und erinnert an die Kaufhauspassagen unserer Großstädte.

Das Abfertigungsgebäude für die Züge Richtung Samlandküste zu den Seebädern Cranz und Rauschen befindet sich hinter dem alten Bahnhof. Der Vorplatz, früher Hansaplatz, heute Siegesplatz wird überragt von der russisch-orthodoxen Christus-Erlöser-Kirche. Auf dem Platz pulsiert das Leben. Modisch gekleidete junge Menschen kommunizieren auch hier mit dem Handy am Ohr. Zwischen dem dichten Autoverkehr bahnen sich heute nur noch die Straßenbahnlinien 2 und 5 ihren Weg. Einen Stadtbusverkehr konnte ich nicht beobachten. Vorbei an der Mädchengewerbeschule, früher auch „Klopsakademie“ genannt, heute Haus der Offiziere, fahren wir zur Immanuel Kant-Universität, die ihren Namen im Juli 2005 anlässlich der 750 Jahr-Feier der Stadt Königsberg im Beisein von Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder erhielt.

Vor dem Universitätsgebäude steht auf dem ehemaligen Paradeplatz ein Kant-Standbild, eine Kopie der nach dem Krieg verschwundenen Bronzeskulptur aus dem Jahre 1864. Boris berichtet, dass sich im April dieses Jahres Präsident Putin mit Professoren und Studenten der Universität getroffen und sich dafür ausgesprochen hat, den Namen des berühmten Philosophen zum Symbol Kaliningrads und seiner umliegenden Region zu machen. So sollen im Dorf Judtschen und auf dem Gelände des ehemaligen Ritterguts Groß Wohnsdorf , wo sich Kant zeitweilig aufgehalten hat, Gedenkstätten eingerichtet werden.

In Kaliningrad sind zahlreiche Restaurants internationalen Zuschnitts entstanden. Wir unterbrechen unsere Stadtrundfahrt in einem historischen Restaurant mit russischer Küche. Fische aus dem Frischen-und Kurischen Haff bestimmen eine abwechslungsreiche Speisenkarte. Der Pregel und die noch erhaltenen Verläufe der ehemaligen Hauptstraßen erleichtern die weitere Spurensuche. Über die Honigbrücke betreten wir die Insel Kneiphof. Vor dem Krieg war sie einer der am dichtesten bebauten Stadtteile Königsberg. Heute steht dort nur noch der Dom. Wie Phoenix aus der Asche ist er Dank großzügiger Spenden auch aus Deutschland auferstanden. Umgeben von gepflegten Grünanlagen erhebt sich das Gotteshaus wieder in majestätischer Größe. Er ist heute das bedeutendste historische Gebäude in Kaliningrad.

In seinem Inneren befindet sich ein Wunderwerk der Orgelbaukunst. Anhand archiver Dokumente ist die große Orgel wieder entstanden. Der weltbekannte Orgelbauer Alexander Schuke aus Potsdam und russische Kunstschnitzer der Firma Maxick aus Kaliningrad haben einen Klangkörper in barockem Kleid mit 6301 Pfeifen gruppiert in 90 Registern geschaffen, der als größter im Ostseeraum gilt. Das Gesamtgewicht beträgt 35 Tonnen, die tiefste Pfeife misst 10,5 Meter. Für den Bau der Orgel sind 3,5 Millionen Euro aus Moskau nach Kaliningrad geflossen. Nach einem bewegenden Bach-Konzert mit dem russischen Domorganisten Artjom Chatschaturow, den ich auch persönlich kennen lernen konnte, spazieren wir um den Dom und stoßen auf das Grab von Immanuel Kant, der hier 1804 begraben wurde. Wir begeben uns an das Pregelufer mit Blick über das Hundegatt auf die Lastadie. Dort, wo früher Jahrhunderte alte malerische Speicher standen, findet man nichts mehr. Beherrscht wird das Ufer jetzt vom Sportpalast „Junost“. Über die Honigbrücke verlassen wir die Insel Kneiphof und schlendern zu dem neu entstandenen Kultur-, Geschäfts- und Handelszentrum „Fischdorf“ unweit der Kaiserbrücke. An einem der Häusergiebel stellt ein Fresko die historischen Verflechtungen deutscher und russischer Adelsgeschlechter dar. Unmittelbar am Pregelkai laden gemütliche Straßencafes zum Verweilen ein. Die Suche nach weiteren Wurzeln der Familie führt uns über den Leninskij Prospekt, früher die Kneiphöfsche-und die Vorstädtische Langgasse, vorbei an der ehemaligen Börse, heute Kulturhaus der Seeleute, zum Unterhaberberg Nr. 9. Das Betriebsgelände der ehemals großelterlichen Speditionsfirma ist jetzt mit einem tristen Plattenbau überbaut. Nicht weit entfernt suche ich das Gelände des ehemaligen Königsberger Ruder-Clubs, dessen 125-jährige Tradition durch einen Freundeskreis heute noch gepflegt wird. Bedauerlicherweise war nichts mehr zu finden, da sich dort zwischenzeitlich Kleinbetriebe angesiedelt haben. Nach kurzem Halt am Friedländer Tor erreichen wir das Königstor. Es ist eines der sieben erhalten gebliebenen großen Tore der ehemaligen Verteidigungsanlagen Königsbergs. Zum 750-jährigen Stadtjubiläum wurde es restauriert und ist heute das Wahrzeichen Kaliningrads. Im Giebel stehen wieder die Statuen von Ottokar II., Friedrich I. und Herzog Albrecht.

Am Roßgärter Tor endet die Spurensuche in meiner Geburtsstadt. Auch dieses historische Stadttor ist erhalten geblieben. Selbst die beiden Medaillon-Porträts von Scharnhorst und Gneisenau sind im oberen Torbogen noch vorhanden. Ich sitze am späten Nachmittag mit Boris im Hotel Tourist an der Cranzer Allee. Wir lassen unsere Spurensuche in Gedanken noch einmal vorüberziehen. Was habe ich gesehen und erlebt? Ich kenne heute den Ort der Wurzeln meiner Familie. Ich habe viel in Kaliningrad gesehen, was an das ehemalige Königsberg erinnert. Licht und Schatten wechselten dabei einander ab. Aus Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Menschen in der Stadt wieder auf der Suche nach Traditionen sind. Vor allem die jungen Menschen entdecken die deutsche Vergangenheit und scheinen sich mehr für den Westen zu interessieren als für das Mutterland. Königsberg lebt noch in Kaliningrad.

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Erstellt:
29. Dezember 2013, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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