Die Teilnehmer trafen sich im Weserschlößchen. Foto: Sweco

Die Teilnehmer trafen sich im Weserschlößchen. Foto: Sweco

Nienburg 19.11.2019 Von Die Harke

Kommunen als Weichensteller

Fachwerkstatt zur digitalen Zukunft des ländlichen Raums

Die Fachwerkstatt der Region Mitte Niedersachsen und des MORO Netzwerks Daseinsvorsorge unter dem Titel „Digitalisierung in der Daseinsvorsorge – Smarte Ideen für die ländliche Region“ im Hotel Weserschlößchen in Nienburg war nach Angaben der Veranstalter ein voller Erfolg. Über 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Forschung, Wirtschaft und Bevölkerung aus ganz Deutschland waren der Einladung gefolgt.

Die Fachwerkstatt beschäftigte sich mit digitalen Lösungsansätzen für schwindende Versorgungs- und beschränkte Mobilitätsangebote sowie erschwerte Logistikbedingungen im ländlichen Raum. Zehn Referenteninnen und Referenten stellten anhand ihrer konkreten Projekte digitale Instrumente und Handlungsansätze vor, um diesem negativen Trend entgegenzuwirken. Aus der gastgebenden Region Mitte Niedersachsen begrüßte der Samtgemeindebürgermeister der Grafschaft Hoya Detlef Meyer (auch Geschäftsstellenleiter Regionalmanagement Mitte Niedersachsen).

Zu Beginn schaffte die Universität Vechta einen Überblick über die Ziele und Eckdaten des Kooperations- und Modellprojekts „Daseinsvorsorge – kooperativ, innovativ & digital – im Sulinger Land“ und führe in das Veranstaltungsthema ein. Für die meisten ländlich wohnenden Menschen sei es Realität, fünf bis zehn Minuten Fahrtzeit mit dem Auto bis zum nächsten Supermarkt, Arzt oder Schulstandort zurückzulegen.

Dabei wird derzeit im Sulinger Land die „Normalversorgung“ als gewährleistet empfunden – wenn man davon ausgeht, dass die Bewohner ein Auto haben. Viele Ideen sind bisher entstanden – es gilt nun erste Ansätze im nächsten Jahr anzugehen. Digitalisierung sollte nicht als Selbstzweck, sondern als Möglichkeit, Bestehendes neu zu denken angesehen werden. Kommunen werden in der Verantwortung gesehen sich zu positionieren und zu entscheiden, welche Lösungen zur Region beziehungsweise zur Bevölkerung passen. Sie sollten die digitalen Transformationsprozesse aktiv begleiten und unterstützen. Die Kommune kann als Vorbild für Innovationen fungieren.

Smarte Ideen für die Logistik und Versorgungsstrukturen sowie Dorfgemeinschaft auf dem Land

Unter dem Thema Smarte Dörfer und Regionen wurden die Dorfgemeinschafts-Apps zweier Regionen vorgestellt, die eine stärkere Vernetzung der Bevölkerung ermöglichen. Erste Erfahrungen aus dem Landkreis Vulkaneifel stellte Daniel Weber, Koordinator im WEGE-Büro der Verbandsgemeinde Daun vor. Mit der Vulkaneifel-App ist bereits seit dem Frühjahr 2019 in rund 50 Gemeinden und Ortsteilen des Kreises eine werbefreie Online-Plattform entstanden, auf der Bürger unkompliziert miteinander kommunizieren oder Vereine ihre Aktivitäten präsentieren können.

„kombiBUSse“, die Güter im Personenverkehr transportieren oder Mikrologistik, das heißt die Gütermitnahme auf unternehmerischen „Sowieso-Fahrten“, dienen der logistischen Vernetzung auf der letzten Meile. Der Landkreis Uckermark erprobt derzeit eine Übergabestation, an der sich Pendler*innen beispielsweise am Umstiegspunkt zwischen ÖPNV und „letzter Meile“ per Rad ihre regionalen Produkte mitnehmen können. Die Online-Lebensmittelplattform PIELERS setzt sich für den Bezug regionaler Lebensmittel und dem Erhalt eines angemessenen Erlöses für den Landwirt ein. Auf diese Weise können landwirtschaftliche Strukturen aufrechterhalten werden.

Der Daseinsvorsorge Atlas – ein Pilotprojekt

Ein digitales und interaktives Planungstool für Kommunen stellt der Daseinsvorsorgeatlas Niedersachsen dar. Herr Dr. Löb vom Niedersächsisches Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung legte dar, dass der Daseinsvorsorge Atlas einen landesweit einheitlichen Datenbestand hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung und -verteilung, der Standorte von Daseinsvorsorgeeinrichtungen wie Arztpraxen, Einkaufsmöglichkeiten, Kitas oder Schulen gesammelt bietet. Damit kann beispielsweise die Entfernung zu Bildungseinrichtungen und die Veränderung, wenn die Schließung einer Einrichtung erfolgen muss, analysiert werden. Das Tool befindet sich derzeit noch in der Pilotphase und soll im II. Quartal 2020 auf ganz Niedersachsen ausgeweitet werden.

Gesundheit erhalten und Co-Working auf dem Land

Unter dem Stichwort „Gesundheit und Pflege digitalisiert“ wurden zwei Projekte der digitalen Teilhabe für Senioren vorgestellt, die auf die digitale Vernetzung und Kommunikation von Senioren abzielen. In der Diskussion wurde der Wunsch geäußert, dass Digitalisierung in diesem Bereich mehr als einen reinen Austausch von Gesundheitsdaten leisten kann und soll. Mehr in den Fokus der allgemeinen Diskussion zu rücken wäre, wie Digitalisierung die Organisation der Pflege und die Kommunikation zwischen Gepflegten und Pflegendenden unterstützen kann.

Zwei Anbieter von Co-Working-Spaces speziell auf dem Land zeigten, dass dieses Modell nicht nur in Großstädten funktioniert, sondern auch in ländlichen Gebieten Anklang findet. Auf diese Weise werden lokale Existenzgründer unterstützt, die ihren Beitrag für eine florierende wirtschaftliche Lage beitragen können. Frau Dillenburg hat das Publikum überzeugt, dass das Konzept auch etwas für den kleinen Ort Bücken (Samtgemeinde Hoya) ist, aber gleichzeitig ein engagierter Betreiber von besonderer Bedeutung für das Projekt ist. In diesem Ort mit etwa 2000 Einwohnern betreibt sie den stationären Coworking-Space Tokunft Hus. Dieser wurde mit Unterstützung der Gemeinde, der Sparkasse, von lokalen Unternehmen und dem persönlichen Umfeld Anfang 2019 im Gebäude der ehemaligen Sparkasse eröffnet.

Reflektion der Erkenntnisse im „Goldfischglas“

Bei einer abschließenden Fishbowl-Diskussion (dynamische Diskussion mit wechselnden Gästen) unter dem Titel „Digitalisierung machen!“ entstanden anregende Diskussionen und kritische Nachfragen zu den vorher behandelten Themen. Jens-Hermann Kleine (Kreisrat Landkreis Diepholz) stellte sich für seinen Landkreis Diepholz der Reflektion der Übertragbarkeit der Ideen. Konsens des Tages war, dass bei digitalen Angeboten stets eine äußerst analoge und intensive Vorarbeit zu leisten ist. Häufig sollte die Kommune ein Projektbegleiter sein, um die notwendige Aufmerksamkeit für das Vorhaben zu erregen. Dabei sind stets die Bedürfnisse aller Generationen zu berücksichtigen.

Die Dokumentation der Veranstaltung wird unter www.rem-mitte-niedersachsen.de veröffentlicht.

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Erstellt:
19. November 2019, 15:06 Uhr
Lesedauer:
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